1780_Wezel_105_30.txt

Gewalt: ich habe wenigstens verhütet, dass er nie ein Bösewicht oder Schurke sein wird.'

Nach diesem Plane predigte er ihm nie die Unterdrückung der Leidenschaften, gebot ihm nicht, sie niemals ausbrechen zu lassen, sondern liess der Wirksamkeit seiner natur freien Lauf und war bloss bedacht, seine denkart durch Beispiele und seltne, gleichsam nur hingeworfene Maximen zu bilden. Mit den grossen Männern der geschichte ward sein Lehrling in kurzem so bekannt wie mit Vater und Mutter: ihre guten und bösen Handlungen wusste er auswendig: sie begleiteten ihn ins Bette, bei Tische und auf den Spaziergang: sie waren seiner Einbildungskraft allgegenwärtig wie das Bild einer Geliebten: er unterredete sich in der Einsamkeit mit ihnen, sah sie vor sich hergehn, tadelte und bewunderte sie. Ihre Büsten, in Gips geformt, waren seine tägliche Gesellschaft: er stellte den Kopf des Cicero auf den Tisch, einen weiten Halbzirkel bärtiger Römer, wenn sie auch hundert Jahr vor ihm gelebt hatten, um ihn herum, und hielt dann hinter ihm eine nervöse, durchdringende Rede wider den Catilina, ermahnte die ehrwürdigen Väter der Stadt, das Ungeheuer zu verbannen, und beseelte ihren schlaffen Mut mit römischem Feuer. Am öftersten musste Cato die ausschweifenden Sitten, die Pracht und Verschwendung seiner Mitbürger schelten und sie zur Mässigkeit, Sparsamkeit und wahren Grösse des Herzens ermuntern, wobei er niemals vergasssosehr es auch wider die Chronologie war –, ihnen sein eigenes Beispiel zu Gemüte zu führen. Wenn in seinem Gipssenate Unterhandlungen über Krieg und Frieden gepflogen wurden, so konnte man allemal sicher sein, dass es zum Frieden kam: war aber vielleicht einer von den asiatischen Königen, ein Antiochus oder Mitridat, zu übermütig, so entstand zuweilen in der Ratsversammlung selbst so heftiger Krieg, dass sich die streitenden Gipsköpfe die Nasen aneinander entzweistiessen. Wenn eine Szene aus der neuern geschichte aufgeführt wurde, so brauchte er die nämlichen Schauspieler dazu, und nicht selten traf das Unglück den armen Cato, dass er den Tomas Becket vorstellen musste. Das härteste Schicksal widerfuhr jederzeit Leuten, die ihr Wort nicht gehalten, andre betrogen, überlistet oder niederträchtig gehandelt hatten: sie wurden mit Ruten gestäupt, und dem Nero grub er einmal die Augen förmlich aus, weil er ihm zu geldsüchtig war. Dergleichen Schauspiele wurden meistenteils in Gesellschaft der kleinen Baronesse aufgeführt, die oft, starr und steif vor Aufmerksamkeit, unter den alten Römern sass und einmal bei einer Leichenrede des Julius Cäsar durch die Beredsamkeit des kleinen Redners bis zu Tränen gerührt war. Zu gleicher Zeit grub sich seine niedliche Figur, die sie bei solchen Gelegenheiten in so mancherlei vorteilhaften Stellungen und Wendungen, in so einnehmenden Bewegungen erblickte, immer tiefer in ihr Herz, und man kann behaupten, dass sie von jedem seiner Spiele um einen Grad verliebter hinwegging. Wenn man noch überdies erwägt, dass seine dabei gehaltnen Reden, entweder durch die Stärke des Tons, womit er sie ans Herz legte, oder auch durch den Ausdruck und die eingestreuten Sentiments, die er aus den Unterredungen seines Lehrers aufgefasst hatte, jederzeit einen Eindruck auf sie machte, so war's kein Wunder, dass sie schon in ihrem, neunten und zehnten Jahre von den grossen Eigenschaften und dem Reize eines achtjährigen Redners so gut hingerissen wurde als ein achtzehnjähriges Mädchen von einem schön tanzenden Jünglinge. Einem schönen Körper in reizender Bewegung widersteht eine weibliche Seele in keinem Alter.

Bei ihrem Geliebten hingegen war jede Liebkosung, die er ihr verstohlnerweise gleichsam hinwarf, jede gefälligkeit, womit er sie überhäufte, mehr kindische Galanterie als Liebe. Es liess sich zwar mit einer kleinen Aufmerksamkeit wahrnehmen, dass die tägliche Gesellschaft der Baronesse in den Lehrstunden, ihr Umgang bei seinen Spielen, ihre zudringliche Guterzigkeit bei den kleinsten Gelegenheiten, ihre Lebhaftigkeit und angenehme Bildung auch in seiner kleinen Brust den Keim einer Zuneigung befruchtet hatte, die vielleicht bald Wurzel fassen, Äste und Zweige treiben würde, nur mit der Axt umgehauen und nie ausgerottet werden könnte: allein es war doch ebenso sichtbar, dass er sich ohne grosse Schmerzen von ihr getrennt und sie vergessen hätte, wenn man ihn damals ausser dem haus des Grafen in eine Laufbahn brachte, die seine Tätigkeit erschöpfte und ihm die Aussicht auf eine Befriedigung seines Ehrgeizes gab. Er durfte nur in eine öffentliche Schulanstalt oder Pension versetzt werden, wo Wetteifer seine Kräfte anspannte, wo er Lob und Ehre zu erringen hoffte: nicht eine Minute würde er angestanden haben, das Schloss des Grafen mit allen seinen Herrlichkeiten zu verlassen, wenn man ihm seinen neuen Aufentalt von jener Seite vorgestellt hätte, da hingegen die Baronesse ihm vielleicht nachgelaufen und ohne Einsperrung nicht zurückzuhalten gewesen wäre: Sie ging wirklich schon einmal mit diesem Plane um, als fräulein Hedwig der Gräfin den vertrauten Umgang der beiden Kinder verdächtig gemacht und sie beredet hatte, Heinrichen auf eine Schule zu tun. Alles suchte sogleich den Vorsatz der Gräfin rückgängig zu machen: Schwinger stellte ihr die Mangelhaftigkeit und Sittenverderbnis öffentlicher Anstalten vor und malte ihr ein schreckliches Bild von der dort herrschenden Verführung, dass sie sich der Sünde geschämt hätte, durch ihre Wohltat zu dem Verderben des Knaben etwas beizutragen. Der Hofmeister, dem eine solche Trennung das Leben in seiner gegenwärtigen Stelle unleidlich gemacht hätte, trug durch seine einseitigen Vorstellungen den Sieg über fräulein Hedwig davon; und die Baronesse wusste ihre Gouvernante so unvermerkt in ihr Interesse zu ziehen, dass sie gern nicht mit einem Worte an ihre erregte Besorgnis dachte und sie sogar der Gräfin wieder zu benehmen suchte.

Die Sache warfräulein Hedwig