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Anhänger jener Meinung werden mir daher vergeben, dass ich diesem mann, der den Homer, Virgil und die sämtlichen Erzväter des Alten Testaments auf seine Seite zu bringen weiss, eher Glauben beimesse als ihnenLeuten, die nie ein griechisches Wort gesehen haben.

"Der Herr Major im letzten Kriege mag ihn wohl zurückgelassen haben", sagten andere Leute, die sich etwas besser auf Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit verstunden.

"Er ist ein Sohn von dem Herrn Grafen", zischelte sich jedermann ins Ohr, der auf die Gunst neidisch war, die die Herrmannische Familie von dem Grafen genoss; und dieses war das ganze Städtchen. – Tausend ähnliche besser und schlechter gegründete Vermutungen erzählte man sich als Wahrheiten, vertraute man sich mit geheimnisreicher Miene. Wenn in den kühlen Abendstunden des Sommers zwo Nachbarinnen vor der Tür beisammensassen, wenn sich zwo Freundinnen am Brunnen trafen, bei dem Spinnrocken oder der Kaffeetasse plauderten, war zuverlässig der kleine Herrmann ihr Gespräch. Wer aber unter allen am sichersten der Wahrheit zuviel weder zur Rechten noch zur Linken gehen wollte, der versicherte schlechtwegder kleine Herrmann ist ein Hurkind.

Natürlicherweise muss mir unendlich viel daran liegen, dass diese Meinung nicht unter meinen Lesern Glauben gewinnt, da der Kunstgriff, den Helden seiner geschichte aus einer Galanterie entstehen zu lassen, seit des alten Homers zeiten schon so abgenutzt ist, dass sich ein honneter Dichter schämen muss, etwas mit Hurkindern zu tun zu haben. Es ist eine auf Urkunden gegründete Wahrheit, dass der alte Herrmann den Dienstag nach Misericordias unter priesterlicher Einsegnung das Recht empfing, einen Sohn zu zeugen, und dass seine innig geliebteste Frau Ehegattin ihn den vierten Advent des nämlichen Jahres gegen Sonnenuntergang mit einem Wohlgestalten Knäblein erfreute, welches zugestossener Schwachheit halber in derselben Nacht die Nottaufe empfing; und dieses war der Herrmann, dessen geschichte ich erzähle. Wer nach einem so einleuchtenden Beweise noch eine Minute zweifelt, muss entweder mich oder meinen Herrmann hassen.

Zweites Kapitel

An einem sehr heissen Sommertage, gerade als die Sonne in den Krebs treten wollte, ging der Graf Ohlau, seine Gemahlin am arme und in Begleitung seiner sämtlichen Domestiken, überaus prächtig in der neuangelegten Lindenallee spazieren, welches er jeden Sonntag bei heiterem Wetter zu tun pflegte. Das ganze Städtchen, das seine Liebe zur Pracht kannte, paradierte alsdann auf beiden Seiten der Allee in den auserlesensten Feierkleidern: Männer und Weiber, Kinder und Eltern machten eine Gasse auf beiden Seiten und sahen mit gaffender Bewunderung das starre goldreiche Kleid ihres hochgebornen Herrn Grafen nebst einem langen zug von reicher Liverei durch die doppelte Reihe gravitätisch dahinwandeln. Nero konnte nicht grausamer zürnen, wenn er auf dem Teater sang und diesen oder jenen Bekannten unter den Zuschauern vermisste, als der Graf Ohlau, wenn bei diesem sonntäglichen feierlichen Spaziergange jemand von den Einwohnern des Städtchens fehlte: ob er gleich einen solchen Verächter seiner Hoheit nicht, wie jener Heide, köpfen liess, so war doch allemal in so einem Übertretungsfalle auf einen heftigen Groll und bei der nächsten gelegenheit auf eine empfindliche Rache zu rechnen. Obgleich zuweilen die Sonne so brennende Strahlen auf die Versammlung warf, dass die kahlen Köpfe der Alten wie Ziegelsteine glühten, dass die weissgepuderten Parücken der Ratsherren von der geschmolzenen Pomade mohrenschwarz und die schönen schneeweissen Mädchengesichter rotbraun und mit Sommersprossen und Blattern von der Hitze gezeichnet wurden, so wagte es doch niemand, solange sich der Graf in der Allee aufhielt, den Schatten zu suchen: man schwitzte, ächzte und ward gelassen zum Märtyrer des herrlichen Kleides, das der Graf zu begaffen gab. Er selbst machte sich mit der nämlichen Standhaftigkeit zum Opfer seines Stolzes, und seine Gemahlinmehr aus gefälligkeit gegen ihn als aus eigner Neigungsteckte sich jedesmal in einen grossen Fischbeinrock und ein schweres reiches Kleid, um die Herrlichkeit seines Spazierganges vermehren zu helfen.

Die Last dieser Feierlichkeit war noch keinen Tag so drückend gewesen, dass der Graf sie nicht hätte ertragen können: doch jetzt, am gemeldeten Sonntage, schoss die Sonne bei ihrem Eintritte in den Krebs so empfindliche Strahlen, die wie Pfeile verwundeten. Die Augen der Zuschauer waren matt und blickten mit schwacher Bewunderung auf das apfelgrüne Kleid, in dessen Stickerei die Silberflittern wie ein gestirnter Himmel glänzten und die Folie mit allen Farben des Regenbogens spielte: Jedermann lechzte und dachte, empfand und sagte nichts als: "Das ist heiss!" Der Graf wedelte sich unaufhörlich mit dem musselinen Schnupftuche das Gesicht, blies um sich und seufzte einmal über das andere seiner Gemahlin zu: "Das ist heiss!" Die Frau Gräfin ging geduldig an seiner Seite unter dem rottaffetnen Sonnenschirme mit glühendem aufgelaufenen gesicht und klopfendem Busen, wo grosse Schweisstropfen wie die Perlen eines starken Morgentaues standen, zerrannen und in kleinen Bächen hinabliefen, atmete tief und keuchte nach ihrem Gemahle hin: "Das ist heiss!" Laufer, Heiducken, Jäger und Lakaien, so stolz sie sonst in ihren Galakleidern daherschritten, schlichen mit gesenkten Häuptern mutlos und schmachtend hinterdrein und brummten einander, ein jeder mit seinem Lieblingsfluche, zu: "Das ist heiss!" Es war nichts anders übrig, als der Sonne nachzugeben und dem Schatten zuzueilen.

Gerade musste sich es treffen, dass unter der schattichten Linde, wo der Graf mit seinem Gefolge Schutz suchte, der kleine Herrmann mit einigen seiner Kameraden sein gewöhnliches Spiel spielte: er war König, teilte Befehle aus, die die übrigen vollziehen mussten, und sass eben damals mit völliger Majestät und Würde auf der Bank unter der Linde, um einem Paar Abgesandten Audienz