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dass ich nun endlich dein bin?"

Herrmann. Und meine Einbildung ist so überzeugend gewiss wie mein Dasein. – Mein bist du! endlich! So schnell vom Winde in meine arme geworfen, als er dich oft von mir trieb! – Haben wir wirklich mit der Liebe so wenig hausgehalten, wie du einmal besorgtest, dass unser künftiges Leben öde und langweilig sein wird? Oder fühlst du, dass sich in Herzen wie die unsrigen die Liebe nie erschöpft?

Ulrike. Ich fühl es, dass ich mich an meinem eignen herz versündigt habe. Es schlägt noch so frisch und fröhlich bei deinem Kusse als unter dem Baume im Garten des Grafen, da du an meinem Busen Trost suchtest.

Herrmann. Und meine Seele ist, wie ich merke, durch Zahlen, Berichte und Verordnungen sowenig zur Liebe verstimmt, als da ich dich im Plauenschen grund nach einer halbjährigen Trennung in meine arme schloss: deine Umarmung durchdringt mich mit dem nämlichen süssen Schauer wie damals, als wenn es die erste wäre: mein Puls hüpft so übereilt wie damals. O wie hast du dich durch deine Besorgnis an der Liebe versündigt!

Ulrike. Schwer versündigt! Denn was sind alle die verliebten Abende, die wir auf dem land zubrachten, gegen diesen Abend des Glücks? Dort irrten wir unter Schatten, unter erträumten Glückseligkeiten herum, und immer stand die Not an der Tür und wollte herein; und sie rächte sich hart, dass wir nicht eher aufmerksam auf sie wurden! Jetzt halten wir wahres, festes Glück in unsern Händen: es wohnt in unsern Herzen: es lebt in allen unsern Gedanken und Sinnen. Fühlst du nicht den Unterschied? Es ist mir, als wenn ich jetzt erst lebte, als wenn ich vorher alles, was ich empfand und dachte und tat, nur so dunkel wie im Traume gesehen hätte: so hell, so wahr, so anschauend hab ich noch nie die Gegenwart empfunden wie jetzt; und doch dachte ich, die Liebe wär erschöpft? O wie schwer hab ich mich an der Liebe versündigt!

Herrmann. Und versündigst dich noch jetzt! Warum übergehst du eine glückselige Szene unsers Lebens, ob sie gleich tausendfache Leiden über uns verbreitete? – Ulrike, wo werden unsre Entzückungen seliger sein, hier oder in der ... du senkst den blick? soll ich sie21 nicht nennen, die Zeugin unsrer Schwachheit? – Aber wie so ganz anders sind jetzt unsre Empfindungen als damals? Du zitterst nicht vor Furcht: die Knie sinken dir nicht: Angstschweiss strömt dir nicht über die Wangen wie damals. –

Ulrike. Und deine Augen rollen nicht so fürchterlich, so flammend wild wie damals. – Ach, des schrecklichen Abends! wenn ich noch an die grausende Miene gedenke, die damals aus deinem gesicht hervorstarrte, voll so gieriger leidenschaft, als wenn du mir mit jeder Bewegung die Kehle zudrücken wolltest; und die Angst dabei, die in mir kochte; wie mich immer eine Empfindung von dir hinwegscheuchte und die folgende zu dir hindrängteich bebe noch vor der Vorstellung eines so quälenden Kampfes. – Wie ist jetzt deine Miene so heiter, dein blick ein sanftleuchtendes Licht, der Druck deiner Hand so leise zitternd, der Ton deiner stimme wie eine dahingeleitende Musik – o wie ganz anders alles als damals! Die Freude lacht aus jedem zug deines Gesichts

Herrmann. Wie sollte sie nicht, da ich den Himmel in meinen Armen halte? – laut möchte ich triumphieren, dass ich ihn endlich durch lange Anfechtung errang! Und dies ist nur der Anfang unserer Seligkeit: wenn die glückliche Mutter einst solche Zweige um sich herum aufsprossen und zu grossen früchtevollen Bäumen erwachsen sieht, die den Menschen Schutz und Schatten gebensolche Zweige, wie schon einer verwelkt auf dem ländlichen Kirchhofe liegt –, ist es dann nicht der Mühe wert, sich geliebt, sich mit beharrlicher Treue geliebt zu haben wie wir? – O Liebe! wärst du nicht in der natur, wo nähmen die Sterblichen ihre Freuden her? –

Sie verstummten, zärtlich umarmt. Hymen schwang die Freudenfahne über das seidne Hochzeitlager, und allgemeine Stille feierte die glückliche Brautnacht.

Viertes Kapitel

Fast das ganze Publikum der Stadt nahm an dem Glücke eines Mannes lebhaften Anteil, dessen Verdienste seit dem Falle des Präsidenten ziemlich von jedermann anerkannt wurden, einige Unzufriedne ausgenommen, die kein ander Vergnügen wissen, als das Gute zu verkleinern, das sie nicht tun können. Der Oberste Holzwerder wagte von Zeit zu Zeit eine Vorstellung an den Fürsten, wie sehr besonders das hochgräfliche Haus ihm zur Last legen werde, dass er eine so ungleiche Verbindung nicht gehindert habe: der Fürst, der ewigen Vorstellungen müde, bot zum Ersatze des Unrechts, dass er Ulrikens Familie durch die Beförderung ihrer Heirat zugefügt haben sollte, Herrmannen den Adel an. Herrmann antwortete: "Wenn Eu. Durchl. meine Dienste in einem höhern stand angenehmer sind, so nehme ich das Geschenk mit Freude und Dank an: wo nicht, so verlange ich keinen Vorzug, der weder mein Verdienst noch Ihre Gnade vergrössert." "Bravo!" sagte der Fürst und klopfte ihm auf die Schulter. "Ich schätze den Mann von Verdienst; der Stand gilt mir gleich: es mag bleiben, wie es ist." – Der Oberste, da er sah, dass es nicht zu ändern stunde, gewöhnte sich allmählich an die Anverwandtschaft, lebte beständig in freundschaftlichem Vernehmen mit den beiden Eheleuten, Ulrike half ihm zuweilen Schlachten