niederfiel und nicht einmal anprallte. Zu Arnolds Unglücke erfuhr der Fürst seine neuerrichtete Freundschaft zu Madam Dormer und die Geschenke, die seine Frau von der Fürstin bekam: er argwohnte ein Komplott und liess den gewesenen Günstling gar nicht mehr um sich sein.
Unglückliche Dormerin! alles soll dir misslingen. – Sonst wäre der Frau diese völlige Entziehung der Gunst eine Freude gewesen und war es auch wohl im grund noch, aber nur zur Hälfte; denn mit ihrem Verluste vereitelte sich auch der Plan wider Herrmannen. Ihn ganz aufzugeben war ihrer Rache unmöglich: da sie auf einer Seite zurückgetrieben war, wollte sie auf einer andern den Angriff tun: wenn sie ihn nicht um seinen Kredit bei dem Fürsten bringen konnte, so sollte er Ulriken verlieren: sie machte Anstalten zur Entzweiung.
Die arme Ulrike sass wie ein eingesperrtes Schäfchen zwischen Wölfen, die sie zerreissen wollen, und hielt sich so still als möglich, um nicht unter sie zu geraten und im Gedränge zerdrückt zu werden. Sie empfing von der Fürstin seit der letzten Fürbitte für Herrmannen wenig freundliche Blicke und desto mehr saure, bat um ihren Abschied und erhielt ihn nicht, weil die Fürstin und besonders Madam Dormer besorgten, dass alsdann ihre Heirat mit Herrmannen zustande kommen würde. Herrmann dachte täglich daran, sie zu befreien, allein weil sie zum Hofstaate der Fürstin gehörte und also zu ihrer Partei gerechnet wurde, wagte er es bei den vorwaltenden Misshelligkeiten nicht, einen so delikaten Fleck bei dem Fürsten zu berühren und sich die Hofdame seiner Gemahlin zur Frau von ihm auszubitten: er hoffte auf eine Wiedervereinigung der beiden fürstlichen Personen, die ihm auch nicht schwer schien, sobald man das Unglücksweib, die Dormerin, vertreiben könnte. Das war freilich wohl klug gedacht; aber er konnte sich seine ganze Klugheit sparen, wenn er über seinem grossen Entusiasmus für die Geschäfte sich etwas mehr um die geheime Hofgeschichte bekümmerte, die fast jedermann im land eher wusste als er.
Der Fürst hatte allmählich seine misstrauische Laune verloren, völliges Zutrauen zu Herrmanns Treue gefasst und folglich seine Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten sehr vermindert: keine von seinen vorigen Liebhabereien wollte ihm mehr schmekken, auch für die Jagd war sein Geschmack sehr schlaff: er hatte keinen Günstling, dem er traute, der ihm Zeitvertreib und Neigungen mitteilte, war übel aufgeräumt über die Misshelligkeit mit seiner Gemahlin und hatte also viel Verdruss und viel Langeweile auf sich liegen. Eine so traurige Lage suchte er sich durch die Liebe zu mildern: Ulrike hatte seit ihrer ersten Erscheinung am hof geheimen Anteil an seinem herz gehabt und in dem Augenblicke, als sie im Vorzimmer weinend und kniend für Herrmannen bat, ihm wirkliche Liebe eingeflösst: um die Eifersucht seiner Gemahlin nicht zu kränken, tat er sich den möglichsten Zwang an, seine Liebe nicht in verdächtige Vertraulichkeiten ausbrechen zu lassen: jetzt hatte ihn die Fürstin beleidigt, er war von ihr abgesondert, frei und aus Rache nicht ungeneigt, sie durch eine neue Liebe für ihre Hartnäckigkeit zu strafen. Er suchte daher Gelegenheiten, mit Ulriken zusammenzutreffen: wo er sie fand, sprach er ohne Scheu im Tone vertraulicher Zärtlichkeit mit ihr und spielte sehr häufig auf eine Verbindung an, wie sie Fürsten mit Personen geringern Standes eingehen können, um ihre denkart über diesen Punkt zu erforschen. Zum teil verstund sie diese Anspielungen nicht, zum teil wich sie ihnen mit ihrer Antwort aus: weil sie in keiner Gunst mehr bei der Fürstin stunde, hatte sie mehr Freiheit, herumzugehen und öfterer in solche gespräche mit dem Fürsten zu geraten: sie hat auch in der Folge offenherzig gestanden, dass sie die Gelegenheiten dazu suchte, aber in der unschuldigen Absicht, sich durch seine Unterhaltung von der Langenweile zu erholen, die sie wie ein Alpengebirge drückte – eine Absicht, die man ihr um so weniger verdenken darf, da der Fürst die einzige Mannsperson am hof war, deren Unterhaltung ihr gefallen konnte. Die Fürstin und Madam Dormer übersahen Ulriken und ihre Unterredungen mit dem Fürsten über der hitzigen Verfolgung ihres Plans wider Herrmannen: auf einmal verbreitet sich das Gerücht am hof, dass Ulrike des Fürsten heimliche Mätresse sei und morgen oder übermorgen öffentlich in dieser Qualität erscheinen werde: der eine hatte ihr einen Kuss geben sehen, der andre wollte sie von seinen Armen umschlungen, der dritte in andern vertraulichen Stellungen erblickt haben: jedermann masste sich die Ehre an, mit dieser geheimen Liebesgeschichte schon längst wie mit seiner eignen bekannt gewesen zu sein, und alle wollten sie verheimlicht haben, weil man nicht gern von solchen Sachen spräche, wie ein jeder mit weisem Achselzucken zur Ursache seines tiefen Stillschweigens angab; und doch war die ganze geschichte nichts als ein Kuss, den ein Küchenjunge den Fürsten Ulriken hatte geben sehen. Wie schwollen die Nasenlöcher der Madam Dormer empor, als dies Gerücht zu ihren Ohren gelangte! Der Zorn blies ihre Backen auf, die Augen traten wie ein Paar Flammen hervor, sie knirschte, sie schnaubte vor Wut, dass ein solches Mädchen, wie sie Ulriken bei sich nannte, ein Glück erlangen sollte, nach welchem sie so lange, so eifrig und so vergeblich gestrebt hatte: die Eifersucht fuhr wie schneidende Messerschnitte durch ihr Herz: sie nahm sich nicht Zeit zur Erholung von ihrem Zorne, sondern flog mit diesem gorgonischen gesicht geradesweges zur Fürstin, um ihr die verhasste Entdeckung mitzuteilen. Die Heftigkeit ihres Ausbruchs und ihrer Gebärden, das glühende Feuer auf ihrem gesicht und die Sache selbst steckte die Fürstin mit gleichem Feuer an: die Dormerin vergass Überlegung und Klugheit und erzählte,