wäre, wenn er gewusst hätte, dass der Fonds des Handels aus den fürstlichen Kassen genommen würde: Er tat seine Unwissenheit in Ansehung des letzten Punktes leidlich dar, der Fürst nahm seinen Beweis für gültig an, aber behielt lange Misstrauen und Zurückhaltung gegen ihn.
Aus einer so grossen Staatsveränderung, dergleichen in diesem land seit undenklichen zeiten nicht vorgegangen war, mussten notwendig wichtige Folgen entstehn. Der älteste adelige Rat, ein Mann, den Alter und Faulheit zum Despotisieren und Betrügen untüchtig machten, bekam einen teil von der Besoldung des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Präsidenten vorstellen, welches er auch treulich tat; denn er sass auf seinem stuhl da, ohne sich zu rühren, vom Anfange jeder Sitzung bis zum Ende. Die andre Hälfte der Besoldung erhielt Herrmann, dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Präsidenten. Die Hauptperson, von welcher alles abhing und ohne welche nichts geschehen konnte, wollte der Fürst selbst sein und war es beinahe mehr, als er es sein sollte: er entsagte von neuem allen seinen Vergnügen, liess seiner Aufmerksamkeit nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen allentalben sehen, dass alles zwar ordentlich, aber unerträglich langsam ging: seine Ideen waren oft schief und nur halb gut, weil er das Ganze nicht überschaute, und so bewundernswürdig seine Geduld war, Belehrungen anzuhören, so ermüdend war es doch für diejenigen, die ihn belehren mussten: aus jeder Beratschlagung wurde meistens ein Kollegium, das ihm Herrmann las. Gern hätte ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewünscht; denn vor grosser Bedachtsamkeit und vielem Überlegen kam weder Gutes noch Böses zustande: es tat Herrmannen tausendmal weher, ihm zu widersprechen als dem vorigen Präsidenten, weil er sich scheute, dem guten Fürsten die Kränkung zu verursachen, dass er falsch geurteilt habe, und er hinderte aus diesem grund weniger Schädliches als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs. Ausserdem stieg das Misstrauen des Fürsten zu einem Grade, der beleidigen konnte, wenn man die Veranlassung dazu nicht wusste: er fürchtete allentalben List und Betrug und brauchte oft lange Untersuchung, um da keinen zu finden, wo keiner war. Indessen waren doch seine Einkünfte und das ganze Land unendlich besser beraten als vorher, und er gab Herrmann deutlich zu verstehn, dass er ihm die Anklage des Präsidenten zum Verdienst anrechnete.
Auch Ulriken traf die wirkung jener Revolution.
Sie zog sich durch die Fürbitte für Herrmannen ein scharfes Verhör von der Fürstin zu, und da sie so gewaltig mit fragen gequält wurde, gestund sie ihre Liebe ohne Rückhalt und versicherte mit einiger Wärme, die man für Trotz annehmen konnte und die Fürstin auch wirklich dafür annahm, dass sie ihn heiraten würde, sobald er für gut befände, ihre Hand zu verlangen. – "Auch wenn ich's nicht gern sähe?" fragte die Fürstin mit Stolz. – "Ich hoffe", antwortete Ulrike, "dass es Eu. Durchlaucht gern sehen werden." – "Nein", sprach die Fürstin entrüstet, "bei meiner Ungnade untersag ich die Heirat." – Ulrike seufzte und schwieg.
Als sie der Fürst, nachdem der Hauptsturm mit dem Präsidenten vorüber war, zum ersten Male wieder erblickte, kam ihm das reizende Bild, wie sie weinend vor ihm auf den Knien lag, in die Gedanken zurück, und er erkundigte sich, ob sie nunmehr mit ihm zufrieden wäre. Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude für Herrmanns Freisprechung und hielt inne, als wenn sie noch etwas mehr zu bitten hätte. – "Fehlt noch etwas?" fragte der Fürst lächelnd. "Soll ich etwa den Pfarr holen lassen?" – Ulrike nahm den Scherz mit Fleiss als Ernst auf und erzählte ihm die traurige Lage, in welche sie das Verbot der Fürstin gesetzt hatte. – "Ich sehe wohl", sprach der Fürst und drückte sie verliebt bei der Hand, "so einem hübschen Mädchen kann man nichts abschlagen. Ich will noch einmal helfen."
Er besprach sich mit der Fürstin darüber, aber sie widersetzte sich mit einer Heftigkeit, die ihn beleidigte. – "Der Mensch soll so eine hübsche Frau nicht haben", sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart. Seit diesem Augenblicke fiel der Termometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum Gefrierpunkte herunter.
Der Fürst, durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt, ob er gleich seine Empfindung verhehlte, sprach selbst mit Herrmannen über seine Liebesangelegenheit und nötigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes, frei heraus zu beichten; Herrmann tat es, aber ging wohlbedächtig in seiner Geschichtserzählung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zurück, wo er der jüngste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war. Der Fürst riet ihm, die Sache so lange anstehn zu lassen, bis er die Fürstin gegen ihn ausgesöhnt hätte: Herrmann nahm den Rat willig an, da ihm seine überhäuften Geschäfte und der Eifer, womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete, keine Zeit zur Liebe übrigliess: er wollte erst in seinem neuen Posten festsitzen, um den Genuss eines endlich errungenen Glücks voller und ungestörter zu geniessen. Dem Fürsten gefiel die Aufopferung, die er seinem Dienste machte, überaus wohl, er versuchte der Fürstin Gesinnungen gegen ihn zu ändern, und es wäre ihm auch gelungen, wenn nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit seinen Bitten so vielfältig bestürmt hätte, dass er bei der neuen Aufmerksamkeit auf die Geschäfte nicht weiter daran