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, dass sein Ankläger augenscheinlich zum boshaften Verleumder wurde: der Fürst war durch seine Vorspiegelungen so überzeugt und überzeugter als durch Herrmanns Gründe, und je höher sein Zorn vorhin stieg, je stärker lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben. Der Angeklagte bat mit der Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion und wollte lieber seine Würde in die hände seines Herrn zurückgeben und den Geschäften entsagen, wenn er sie nicht erhielt: er wusste die kräftige Beredsamkeit seines Gegners sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demütigungen und Schmeicheleien einen neuen Reiz. Bestürmt von den Bitten und Scheingründen des Präsidenten, gereizt von Unwillen, dass Herrmann nach allem Anschein aus Neid seinen Vorgesetzten hatte anschwärzen wollen, befahl der Fürst im ersten Verdrusse, dass Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest haben sollte. Die Kreaturen des Präsidenten posaunten diesen Triumph der Unschuld sogleich am hof und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus, und Ulrike erfuhr die Nachricht davon, als man zur Tafel ging. Düstere Wolken hingen auf des Fürsten Stirne; alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmute des Regenten; die Fürstin freuete sich innerlich über den Vorfall, weil ihr Herrmann wegen eines Vorschlags, den er einmal ihrem Gemahle über die Einschränkung ihres Hofstaates tat, äusserst verhasst war; Ulrike sass in banger Betrübnis da, gab jeden Teller unberührt hinweg, wie sie ihn empfangen hatte, und beratschlagte bei sich, was sie zur Befreiung ihres Geliebten tun sollte. Sie beschloss, mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fürsten zu wagen, sollte er ihr auch die Ungnade der Fürstin zuziehn: gleich nach der Tafel ging sie ihm nach, holte ihn in seinem Vorzimmer ein, warf sich mit Tränen vor ihm hin und bat um Herrmanns Befreiung und um die Untersuchung seiner Unschuld. Sie flehte so dringend, mit so vollströmendem Schmerze, dass sie der Fürst lange gerührt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl: ohne weiter etwas zu sagen, ging er zerstreut ins Zimmer. Ulrike, eine so artige Figur, den ganzen Kummer der Liebe auf dem gesicht, in Tränen, flehend vor ihm hingeworfen, hatte einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, dass er, in das Bild vertieft, einigemal im Zimmer auf und nieder ging: er sah in der Zerstreuung zur tür hinaus, ob sie vielleicht noch wartete, aber sie war fort: herzlich gern hätte er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt. Er seufzte, befahl, niemanden vorzulassen, und griff verdriesslich nach den Papieren, die Herrmann überreicht hatte, um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen. Wie erstaunte er, als er statt der dicken Rechnung, die er vor Tafel in Händen hatte, nur wenige Bogen erblickte und nichts darinne fand, was er vor Tafel las! Arnold musste kommen und wurde gefragt, wer diese Papiere ausgetauscht habe: er hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen, sobald er Ulrikens Fürbitte und ihre Folgen sah, und antwortete dreist, dass es ihm der Präsident im Namen Ihrer Durchlaucht befohlen habe. Nun war offenbarer Verdacht da: dem Herrn von Lemhoff wurde geboten, im Augenblicke die umgetauschte Rechnung herbeizuschaffen, allein er konnte nicht; denn sie war vernichtet worden. Er dachte zwar durch seine Beredsamkeit den Fürsten wieder umzustimmen, aber er kam nicht vor, und Herrmann erhielt den Auftrag, die übrigen Rechnungen herbeizubringen. Es geschah: alle waren auf den nämlichen Schlag gemacht, der Präsident überführt: er demütigte sich, bat die Fürstin um ihren Fürspruch, den sie ihm auch nicht verweigerte, weil er zu Herrmanns Nachteile wirken sollte, allein ehe sie mit ihm zu dem Fürsten gelangte, hatte der Präsident schon seine Entlassung. Zur Strafe musste er das Arbeitshaus bauen lassen, das Herrmann so oft in Vorschlag gebracht hatte. Die Fürstin versuchte zwar verschiedene eifrige Fürbitten, um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen, allein sie bewirkte nichts, als dass sich das allgemeine Misstrauen des Fürsten, das ihm eine so unerhörte Untreue einflösste, auch auf sie erstreckte, besonders da ihm Arnold ihren Hass gegen Herrmann als die Ursache ihres Fürspruchs und die Veranlassung dieses Hasses angab; und Arnold freuete sich auch nicht wenig, der Fürstin bei der gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen, da ihre Gunst gegen ihn ganz erloschen war, seitdem sie nicht mehr angelte. Täglich, fast stündlich liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Präsidenten und Entdeckungen neuer Betrügereien ein, dass sie zuletzt der Fürst untersagen musste, um nicht überhäuft zu werden: da der Gefürchtete einmal in der Grube lag, so arbeitete jedermann, ihn nicht emporkommen zu lassen: wer vorher nicht ein freimütiges Wort flüsterte, sprach jetzt laut wie ein Held. Herrmann, weil er siegte, war der angebetete, von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes: Madam Dormer wartete ihm noch den nämlichen Tag, wo der Präsident stürzte, sehr spät auf, um ihm ihre Freude über den erfochtnen Sieg zu bezeugen, und Arnold, der in der Minute, als der Fürst nach der Umtauschung der Rechnung fragte, auf Herrmanns Seite getreten war, konnte nicht laut genug über den Fall des Präsidenten triumphieren, welches er notwendig tun musste, um sich nicht wegen seiner vorigen Verbindung mit ihm verdächtig zu machen. Es kam zwar zu den Ohren des Fürsten, dass er Anteil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm empfangen hatte, allein er rechtfertigte sich damit, dass es bloss eine kaufmännische Verbindung gewesen sei, die er freilich nicht eingegangen