, dass der Präsident teils um der Neuheit willen, teil aus Unvermögen nicht ein Wort dawider einwenden konnte: er war verwirrt, bestürzt, erzürnt. Er wollte das Mittel anwenden, wodurch er die übrigen Räte feige gemacht hatte, und brutalisierte Herrmannen, aber er fand einen Gegner an ihm, bei welchem Vernunft und Affekt in gleichem Schritte gingen, der ihn, ohne die mindeste Verletzung der Ehrerbietigkeit, bloss durch die Stärke seiner Gründe so in die Enge trieb, dass er seine saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr. Herrmann wurde durch die Aufmerksamkeit, womit ihn der Fürst anhörte, ob er ihm gleich fast niemals ausdrücklichen Beifall gab, durch die Auffoderungen, die ihm der Fürst tat, seine Meinung zu sagen, und die Verbote, die der Präsident empfing, wenn er ihn unterbrechen und daniederschwatzen wollte, mächtig aufgemuntert, in seinem Eifer fortzufahren; und da der Fürst, seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung gemacht hatte, fast keine Sitzung und Beratschlagung von Wichtigkeit versäumte und überall mit seinen eignen Augen sehen wollte, so nahm alles auf einmal einen ordentlichen gang, die Kassen waren nicht mehr leer, und die Auszahlungen geschahen alle zu gehöriger Zeit. Das Publikum schrieb diese glücklichen Veränderungen Herrmannen zu, frohlockte und pries ihn wie den Schutzgott des Landes, der die Macht des Plagegeistes, der es bisher despotisierte, brechen sollte. Die ältern Räte, denen die freimütige, unerschrockne Sprache ihres neuen Mitglieds so fremd war wie das Malabarische, rissen vor Verwunderung die Augen weit auf, hielten ihre Ohren hin, ob sie nicht etwa eine Einbildung täuschte, und sassen da wie versteinert vor Erstaunen. Da sie wahrnahmen, dass seine Dreistigkeit dem Fürsten gefiel, machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung, wo er sie zeigte, ihren Glückwunsch darüber, lobten ihn wie einen braven Mann, der so glücklich wäre, etwas wagen zu können, was sie wegen ihrer Familien nicht wagen dürften, weil sie mit ihren Weibern und Kindern notwendig elend werden müssten, wenn der Präsident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte – aber wohlgemerkt! alles in Abwesenheit des Präsidenten! Sprachen sie mit diesem in Herrmanns Abwesenheit, so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum Vorwitzigen, Tollkühnen, Naseweisen, der seinem Vorgesetzten die gebührende achtung versagte und nichts als schädliche, lahme, unausführbare Vorschläge tat.
Der Fürst nützte Herrmanns Einsichten so sehr, dass er ihn zuweilen auf sein Zimmer fodern liess und sich mit ihm über Angelegenheiten besprach, die für ein andres Kollegium gehörten. Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann auf die Verbesserung der öffentlichen Schulanstalten, auf die Vermehrung der Industrie und Verbesserung der Moralität durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses, wo die Leute, die an dem kleinen, gewerblosen Orte keine Arbeit finden konnten, auf Unkosten des Landesherrn arbeiten sollten, der die Früchte ihres Fleisses ohne Profit einem Unternehmer zum Verkehr überlassen möchte; so leitete er ihn auf Änderungen in kirchlichen Sachen, auf die Einschränkung des geistlichen Ansehns, auf die Abschaffung alles religiösen Zwanges, auf die Simplifizierung des Gottesdienstes; so brachte er ihn auf die Mittel, den Ackerbau zu ermuntern, den man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absatz nicht viel über das Notdürftige trieb, die ländlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelsware zu machen, Industrie und Gewerbe zu erhöhen, insofern es ein kleines, von mächtigen Nachbarn umzingeltes, gehindertes Ländchen zuliess. Von allen diesen und tausend andern nützlichen Dingen, worüber sie oft zu Stunden mit der äussersten Ernstaftigkeit sprachen, wurde freilich wenig oder gar nichts ausgeführt: allein Herrmann freute sich doch, einem Fürsten zu dienen, der sie wusste und anhörte. Nur blieb es ihm befremdend, wie dieser nämliche Herr das erkannte Bessere, das er in jeder Sitzung mit der Miene billigte, nie beschloss, sondern jedesmal entweder ein Mittel zwischen des Präsidenten und Herrmanns Meinung traf oder, wo sich dieses nicht tun liess, dem Gutachten des erstern ganz folgte.
Unvermeidlich musste unter den Neuerungen, die Herrmann durchsetzte oder wozu er den Fürsten durch seine Unterredungen veranlasste oder die ihm das Publikum fälschlich zuschrieb, manche den Privatnutzen dieses oder jenes Mannes schmälern, das Vorurteil, den Schlendrian und die Faulheit kränken; und es erhuben sich einzelne Stimmen mit mächtigen Beschwerden wider den neuen Rat. Der Präsident glaubte, dass Neuerungen und Verbesserungen einerlei wären, und dachte Herrmannen zu übertreffen, wenn er mehr Veränderungen vorschlüge und durchsetzte als er: auch der Fürst hatte durch die Ideen, die ihm Herrmanns Gespräch mitteilte, Neigung zu Reformen bekommen: sonach wurden der Reformen freilich im kurzen ein wenig zuviel; und alle, gute und schlechte, gerade und schiefe, überdachte und übereilte, musste sich der arme Herrmann auf seine Schultern binden lassen. Die Kreaturen des Präsidenten fachten den glimmenden Hass des Publikums wider ihn zur Flamme an, und sehr bald wurde der neue Rat bei der Kaffeetasse und auf der Bierbank so allgemein gelästert, verflucht und gescholten, als man ihn nicht allzulange vorher lobpries.
Gleichwohl hatte Herrmann bei diesem allgemeinen Hasse, wovon er wenig oder gar nichts erfuhr, ein Projekt im kopf, wozu er notwendig Freunde und Gehülfen brauchte: er wollte den Präsidenten völlig stürzen und sah dies Unternehmen für eine ebenso verdienstliche Handlung an, als wenn er das Land von einer Räuberbande befreite. Auf seine Kollegen konnte er nicht viel rechnen; denn sie waren froh, dass er den grössten teil der Arbeit über sich nahm und ihnen Musse zu einem Lomberchen verschaffte, nährten und pflegten sich und lachten insgeheim des Toren