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Nachricht zurück: dass fräulein Hedwig in Begleitung der sämtlichen Domestiken anrücke. Unmittelbar darauf erschien sie in höchsteigner person; weil sie niemanden in der Höhle vermutete, stellte sie sich einige Schritte weit von ihr hin, den rücken nach dem Eingange gekehrt. Die Bedienten traten in einen Halbzirkel und hörten aufmerksam zu. Mit lauter stimme, den rechten Arm ausgestreckt, die Hand geballt und den Zeigefinger in eine demonstrierende Lage gesetzt, hub sie an: "Dort in Norden steht Ursus magnum, auf deutsch der Grosse Bär genannt" – Schnapp! riss ihr ganzes Auditorium aus, als wenn einem jeden der Grosse Bär auf den Schultern sässe und ihn verschlingen wollte. Ihre Demonstration blieb vor Verwunderung in der Luftröhre stecken, und lange stunde sie mit ausgestreckter Hand wie versteinert da und sah den flüchtenden Zuhörern nach. Endlich drehte sie sich um, von ihrer Arbeit in der Höhle auszuruhen, wurde den Grafen gewahr und begriff nunmehr die plötzliche Flucht ihrer Schüler: der Anblick des Grafen, den sie alle wie eine Gotteit fürchteten, hatte sie verscheucht. Sie schämte sich und trat mit einer tiefen Verbeugung in die Höhle hinein.

Die Gräfin erkundigte sich lächelnd nach ihrer gehabten Verrichtung, und ob sie sich gleich anfangs weigerte, die Wahrheit zu gestehen, so trieb man sie doch durch wiederholte fragen so in die Enge, dass sie bekannte, sie habe erschreckliche Langeweile auf ihrem Zimmer gehabt und sei deswegen darauf verfallen, die Domestiken auf patetische Art im Spaziergehen, wie Aristoteles, die Astronomie zu lehren.

"Warum geben Sie sich mit solchen schlechten Leuten ab?" sagte der Graf. "Wissen Sie denn keine bessere Gesellschaft? – Setzen Sie sich zu uns! so wird es Ihnen nicht an Zeitvertreibe fehlen."

fräulein Hedwig gehorsamte mit dankbarer Ehrerbietung und schwieg. Niemand sprach ein Wort. – Nach langer allgemeiner Stille erhub sich der Graf. "Man redet sich", sagte er, "in der Länge müde und trocken: wir wollen zusammen ausfahren." – Die Baronesse übernahm freiwillig das Geschäfte, die Kutsche zu bestellen.

In der Kutsche war das Gespräch ebenso belebt wie in der Einsiedelei und an allen Enden und Orten, wo sich der Graf befand: denn er foderte als ein Zeichen des Respekts, dass man in seiner Gegenwart schwieg, dass man gern in seiner Gesellschaft war und sich nirgends besser vergnügte als bei ihm, wenn man gleich vor Langerweile in Ohnmacht hätte sinken mögen: wirklich bildete er sich auch ein, dass seine Gesellschaft die beste sei, weil er jedem eine grosse Gnade zu erzeugen glaubte, dem er sie gönnte.

Drittes Kapitel

Unmittelbar nach der Erscheinung des Grafen in der Höhle war Schwinger mit seinem neuen Untergebenen davongeeilt, um sich mit ihm über die Verbindung zu freuen, in welche sie treten sollten. Er fand sehr bald in ihm viel Talente, schnelle Begreifungskraft, festes Gedächtnis, Witz und einen hohen Grad von der vorzeitigen Wirksamkeit der Urteilskraft, die man gewöhnlich Altklugheit bei Kindern nennt. Über die Vorfälle und Revolutionen des Hauses, über die Handlungen der Personen, die es ausmachten, über die Art, wie man bei gewissen Gelegenheiten verfahren sollte, entwischten ihm oft so glückliche Bemerkungen und Urteile, dass sein Lehrer wünschte, sie selbst gesagt zu haben. Gegen den eigentlichen Bücherfleiss hatte er eine grosse Abneigung: Sachen, die man gewöhnlich nur lernt, um sie zu wissen, nahm sein Kopf wie eine unverdauliche Speise gar nicht an: was ihm die Unterredung seines Lehrers darbot, fasste er gierig auf und erlangte durch diesen Weg eine Menge Kenntnisse, die ihn selbst in den Augen des hochgelehrten fräulein Hedwig zu einem Wunder von Gelehrsamkeit machten. Genau betrachtet, merkte man deutlich, dass sein Kopf nicht gestimmt war, eine Wissenschaft durchzuwandeln und in ihre kleinsten Steige und Winkelchen zu kriechen oder jedes Blümchen und Grashälmchen, das Alte und Neuere in ihr gesät, erzeugt, geerntet haben, genau zu kennen; sein blick ging beständig ins Weite, war beständig auf ein grosses Ganze gerichtet: was er lernte, verwandelte sich unmittelbar sozusagen in seine eignen Gedanken, dass er's nicht gelernt, sondern erfunden zu haben schien, und seine Anwendungen davon bei den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens waren oft sehr sinnreich und nicht selten drollicht.

Was seinem Lehrer die meiste Besorgnis machte, war der ungeheure Umfang seiner Tätigkeit und leidenschaft. 'Dieser junge Mensch', sagte er sich oft, 'muss dereinst entweder sich selbst oder andre aufreiben. Seine grosse Geschäftigkeit, wenn sie der Zufall unterstützt und ihr nicht Unglück, Warnung, Erfahrung und natürliche Rechtschaffenheit beizeiten die nötige Richtung und Einschränkung geben, wird alles in ihren Wirbel hinreissen, sein Ehrgeiz alles erringen und sein Stolz alles beherrschen wollen: stösst ihn aber das Schicksal in einen engen Wirkungskreis hinab, der seine Tätigkeit zusammenpresst, dann wird er, wie eine zusammengedrückte Blase voll eingeschlossener Luft, zerspringen, sich selbst quälen und auf immer unglücklich sein. Gleichwohl kann ich nach meiner besten Einsicht nichts für ihn tun, als dass ich seinen Ehrgeiz auf nützliche, gute und wahrhaftig grosse Gegenstände leite, sein natürliches Gefühl von Rechtschaffenheit belebe und durch unmerklich eingeflösste Grundsätze stärke; dass ich ihn im strengsten verstand zum ehrlichen Mann zu machen suche und dann alle Leidenschaften in ihm aufwecke, damit sein Ehrgeiz durch ihr Gegengewicht gehindert wird, sein Herz ganz an sich zu reissen. Ob aus ihm das Schicksal einen Lasterhaften oder Tugendhaften, einen grossen Mann oder stolzen Windbeutel werden lassen will, das steht in seiner