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hatte die Fürstin noch keine so lustige Laune an ihr bemerkt und fragte sie nach der Ursache: Ulrike tat, als wenn sie keine anzugeben wüsste. "Freust du dich denn etwa über den neuen Rat", fragte die Fürstin zum Scherz, "weil dir deine Empfehlung so wohl gelungen ist?" – "Vielleicht", antwortete Ulrike, "hat das wirklich etwas dazu beigetragen; denn es soll ein ganz vortrefflicher Mann sein." – Sie sprach dies mit einem Tone des Entzückens, der mehr im herz mutmassen liess, als die Worte ausdrückten; und die Fürstin sagte ihr deswegen etwas ernstaft: "Mädchen, du hast dich wohl gar in deine Empfehlung vergafft?" – Ulrike senkte die Augen, errötete und geriet so sehr ausser Fassung, dass sie zu antworten vergass: der Scherz wurde von der Fürstin noch einige Zeit fortgesetzt, bei der nächsten Unterredung dem Fürsten erzählt, der ihn gleichfalls mit vielem Vergnügen fortsetzte: als ihn Fürst und Fürstin fallenliessen, fingen ihn die dabeistehenden Kavaliere auf, von ihnen schnappten ihn die Lakaien auf, überlieferten ihn den Hofjungfern als ausgemachte Wahrheit: die Hofjungfern schickten die ausgemachte Wahrheit mit dem ersten Mädchen, das aus dem schloss ging, in die Stadt, und in zwei Stunden war es am hof und in der Stadt ein allgemeiner Glaubensartikel, dass fräulein Breisach übermorgen mit dem neuen Rate getraut werde. Der Oberste Holzwerder, als ihm sein Altgeselle die zuverlässige Nachricht davon brachte, warf den Dendriten, der unter seinen Händen war, in den Tischkasten sogleich hinein, lief geradesweges zur Fürstin und bat inständigst um Gehör wie in der dringendsten Angelegenheit: die Fürstin liess ihn nicht vor sich. Der Oberste lief zum Fürsten, kam vor ihn und bat untertänigst, dass er doch eine solche Heirat nicht zugeben möchte, da es die erste wäre, solange die Familie stünde. Der Fürst lächelte über die Ereiferung, womit der Alte bat, und versicherte ihn, dass er weiter nichts davon wüsste, als was ihm die Fürstin im Scherz gesagt hätte: das war dem Obersten nicht genug; er wiederholte seine untertänigste Bitte einmal über das andre, dass der Fürst die Heirat verbieten möchte, wenn etwa eine Verliebung bei seiner Cousine vorgegangen wäre. – "Ich kann ja den Leuten nicht verbieten, sich zu heiraten, wenn sie sich lieben", sagte der Fürst.

Der Oberste. Aber Ihre Durchlaucht geruhen nur zu bedenken, die Ehre der Familie leidet doch nicht, dass ich so ruhig dabei bleibe

Der Fürst. Macht denn ein Rat, der in meinen Diensten steht, der Familie Schande?

Der Oberste. Der Rat wäre wohl gut, der Rataber es ist doch nur ein Rat.

Der Fürst. Und ist so wohl mein Diener als der Oberste.

Der Oberste. Freilich wohl sind wir allzumal unnütze Knechte und Eu. Durchlaucht untertänige Dienerund möchte es auch ein Rat sein, da Eu. Durchlaucht uns alle machen können, wozu es Eu. Durchl. gnädigst gefällt –, aber, aber da er nicht von Familie ist

Der Fürst. Ich will mich erkundigen, wie weit die Sache gekommen ist

So entliess er ihn. Der beunruhigte Oberste lief zu Ulriken und fand sie nicht, lief zur Fürstin und fand sie nicht: erst den andern Tag konnte er seine Unruhe vor ihr ausschütten. Sie gab ihm zur Antwort, dass Ulrike zu dem Rate vielleicht eine geheime Zuneigung haben könnte, aber um ihn heiraten zu wollen, schiene sie ihr zu verständig. Der Alte hörte nicht auf zu bitten, bis die Fürstin seine Cousine rufen liess, um sie in seiner Gegenwart zu verhören: Ulrike gestund auf ihre Frage unverhohlen, dass ihr der Rat gefalle, sehr gefalle. Als es an den Punkt des Heiratens kam, schwieg sie, wurde zum zweiten Male gefragt und antwortete betrübt: "Wenn ich dürfte!" – "Eu. Durchl., haben Sie die einzige Gnade und verbieten Sie ihr das!" rief der Oberste. "Haben Sie die einzige Gnade!" – Die Fürstin sah Ulriken lange schweigend an und sagte endlich: "Lass dir nicht solch tolles Zeug einkommen! Es fehlt ja nicht an Kavalieren, wenn dir das Heiraten am herz nagt." – Das war der Bescheid, und beide gingen ungetröstet hinweg. Der Oberste folgte Ulriken auf ihr Zimmer und hielt ihr mit der guterzigsten Wärme eine Ermahnungspredigt, dass sie vor innerlichem Verdruss weinte: wie jeder schlechte Prediger hielt er ihre Rührung für eine Folge seiner Predigt und schmeichelte sich, ihre Sinnesänderung bewirkt zu haben, da doch gerade das Gegenteil ihre Tränen erweckteBetrübnis über die neuen Hindernisse, die sich ihrem Wunsche entgegensetzten. Fürst und Fürstin betrachteten ihre Liebe als eine vor kurzem erst entstandene fliegende Hitze; und da ihr jedesmal die Tränen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr darüber scherzte, so schonte man ihre Empfindlichkeit und dachte weder im Scherz noch im Ernst mehr daran, um die Liebe im stillen verdampfen zu lassen: Hof und Stadt sagte jetzt allgemein – "fräulein Breisach und der neue Rat werden nicht getraut." Die ganze Sache schlief ein.

Zweites Kapitel

Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stellung, dass er bisher geschwiegen hatte, um jetzt zu reden: er widersprach der Meinung des Präsidenten mit Mut, Stärke und Bescheidenheit, ohne die mindeste Scheu, und setzte das Widersinnige, Zweckwidrige, Schädliche seiner Vorschläge in ein so helles Licht