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die ersten Tage weder essen noch trinken, noch schlafen. "Ich sank (zanke) mich mit die Fürst", sprach sie immer, "wenn Sie noch länger bleib die dupe von die Präsident abominable." – Es blieb, wie es war: Madam Dormer zankte sich nicht mit dem Fürsten, und der Fürst schien sich auch vor ihrem Zanke nicht zu fürchten; denn er blieb wie vorher 'die dupe von die abominable Präsident'.

Arnold suchte wenigstens die gelegenheit zum Vorteil seines Freundes zu nützen, um ihn aus seinem gegenwärtigen platz zu erlösen, welches Herrmann um soviel eifriger wünschte, da er der Ungerechtigkeit nicht dienen wollte, wenn er sie nicht hindern könnte. Der Fürst lobte ihn gegen Arnolden wegen seines Anstands, seiner bescheidnen Dreistigkeit und besonders wegen seiner warmen Ehrlichkeit, verriet auch sehr viel gute Meinung von seinen Talenten und seiner künftigen Brauchbarkeit: aber auf den Hauptpunkt, den Arnold betreiben wollte, gab er nie Antwort. Bei der nächsten besonderen Unterredung mit dem Präsidenten verlangte er, dass Herrmann bei seinem Kollegium als überzählig angestellt werden sollte, bis sich ein Platz für ihn erledigte, und bestimmte selbst seinen einstweiligen Gehalt: der Präsident machte Schwierigkeiten, dass er ihn ungern in seinen eignen Angelegenheiten entbehrte, "aber doch diese Unentbehrlichkeit gegen Eu. Durchl. Befehl in gar keine Betrachtung ziehen würde noch dürfte, wenn nur nicht alle Gelder schon ihre Anweisung hätten"; dass es also schlechterdings unmöglich wäre, eine Quelle für die verlangte Besoldung ausfündig zu machen. Die Schwierigkeiten und die Berechnungen, wodurch er sie wahrscheinlich machte, waren unendlich: der Fürst hörte ihn lange an und sagte nichts, als dass er die Besoldung aus seiner Schatulle zu geben versprach. Auch hier wollte ihm der Präsident die Unmöglichkeit zeigen, allein der Fürst unterbrach seine vortreffliche Beredsamkeit mit einem frostigen: "Ich will." – Der Präsident häufte in der Folge die Schwierigkeiten noch mehr, doch konnte er nichts als Verzögerung bewirken; denn Arnold hielt ihm das Gegengewicht sobald ihm der Fürst seinen Entschluss in Ansehung Herrmanns gesagt hatte, und rastete nicht, bis der Fürst mit einigem Unwillen und durch ernstlichen Befehl der Verzögerung ein Ende machte.

Herrmann konnte in dem platz eines Subalternen nicht viel mehr ausrichten als vorher: er musste ohne Widerspruch Befehle tun, wenn er sie gleich äusserst missbilligte, und durfte sich seine Missbilligung nicht einmal merken lassen: er musste ohne Murren verkehrte Anstalten machen sehen, die auf einer Seite einen unbedeutenden Nutzen und auf allen andern allgemeinen Schaden stifteten, Anordnungen schreiben oder in Ausführung bringen, bei welchen der entgegengesetzte Erfolg ihres Zweckes ohne sonderliche Einsichten vorauszusehn war, Befehle ausfertigen, die den Gehorchenden schwer drückten und weder dem Gehorchenden noch dem Befehlenden nützten: der Unwille kochte oft in seiner Brust bis zu den Lippen herauf, aber er bändigte ihn wie ein wildes Ross und schwieg, weil der Fürst und alle seine Obern schwiegen und der grausame Despotismus des Präsidenten jede Erinnerung, wenn sie auch in der pflichtmässigen Anzeige einer falschgeschriebnen Zahl bestund, mit Härte von sich wies. Herrmann konnte sich zwar von den eigennützigen Praktiken seines Vorgesetzten nicht mehr so genau wie sonst unterrichten, aber er nahm sie in ihren Folgen wahr, in der wachsenden Verwirrung aller Finanzangelegenheiten und den allgemeinen Beschwerden, die jetzt häufig zu seinen Ohren kamen, weil man ihn nicht mehr für den Günstling und Handlanger des Herrn von Lemhoffs hielt. Die Nachsicht des Fürsten, seine erkünstelte Blindheit, auch wenn ihm die Unordnung und Unrechtmässigkeit in die Augen fiel, seine Einwilligung in Dinge, die oft der gesunden Vernunft widersprachen, blieb ihm ein ewiges Rätsel: es war weder Indolenz noch Mangel an Einsicht noch guterzige Schwäche, und wenn eine Absicht dahintersteckte, konnte sie doch niemand erraten. Inzwischen hatte doch Herrmanns Entdeckung eine Veränderung bei ihm hervorgebracht, die man mit Verwunderung wahrnahm, ohne ihre Ursache zu erraten: der Fürst entsagte seitdem seinen liebsten Ergötzlichkeiten und bekümmerte sich mit ungewöhnlichem Eifer um alles, oft gar um Kleinigkeiten: die Jagd wurde ganz eingestellt, Zeichnen war jetzt sein einziges übriges Vergnügen, und sein Geschmack für die Malerei war so herrschend, dass er Gemälde zu einer Sammlung zu kaufen anfing. Kaum hatte der Präsident den ersten Wink von der neuen Liebhaberei, als er schon darauf dachte, Partie für seinen Nutzen zu ziehen. Er selbst war sowenig Kenner in Gemälden als von irgendeiner andern schönen Kunst, und da er keinen Unterschied zwischen den Gemälden fühlte, die er einmal im Vorübergehn in der Düsseldorfer Galerie gesehen hatte, und zwischen den Kunstwerken, die ihm der Hofmaler im letzten Frühling auf den Kalkwänden seines Lustäuschens schuf, so bildete er sich ein, dass es bei allen Menschen und daher auch bei dem Fürsten ebenso sein müsste. Er gab also dem Hofmaler, der jetzt ein geschickter Türenanstreicher und ehemals Dekorationsmaler gewesen war, den geheimen Auftrag, alle Kräfte seiner Kunst anzuspannen und ein halbes Dutzend extrafeine Gemälde mit Ölfarbe auf Leinwand zu verfertigen, die etwa biblische Geschichten, die vier Jahreszeiten, die vier Elemente oder so etwas vorstellten. Der Maler hatte von der berühmten Nacht des Correggio vorzeiten etwas gehört, ohne sie jemals gesehen zu haben, und nahm sich also vor, eine Nacht zu malen, die noch tausendmal finstrer sein sollte, als nach seiner Meinung Corregios Nacht sein müsste: von dem Inhalte des Gemäldes wusste er nichts und dachte deswegen jenen Künstler noch zu übertreffen, wenn er nicht blosse eine Nacht malte, sondern auch etwas darinne vorgehn liess. Er malte eine pechschwarze Nacht