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des meinigen setzte, eine Unterredung über die letzte Krankheit seines Gimpels! Aber ich will sie zerbrechen, die schimpflichen Ketten, die Ketten eines Galeerensklaven, die ich bisher ohne Murren getragen habe, weil ich mich erst durch Kenntnisse und Erfahrung in den Stand setzen wollte, allen die Spitze zu bieten, deren Widerstand ich befürchten muss, wenn es mir gelingt, zu den Ohren des Fürsten durchzudringen. Die Unordnungen, Ungerechtigkeiten und widersinnigen Dinge, die ich täglich schreiben muss, lassen mich nicht länger ruhen: ich gehe herum wie ein Mensch, den Gewissensangst peinigt, dass ich alles das weiss und verhehle: ich kann es, so wahr ich lebe, nicht länger verhehlen, wenn ich nicht gleich strafbar mit dem Urheber werden will: ich bin es schon, dass ich meine hände dazu hergab und es schrieb. Ich will ein Wagestück unternehmen, es gelinge oder nicht: entweder jagt man mich mit Schimpf und Schande fort, oder man erkennt meine gute Absicht und belohnt mich. Sei der Ausgang, welcher es wolle, ich befriedige Ehre und Gewissen; und wenn diese beiden für mich sind, dann mag die halbe Welt wider mich sein, ich fürchte sie nicht.

Beunruhige Dich nicht über mein Unternehmen, da ich Dir es nicht entdecke! Ängstige Dich nicht, wenn Du etwa bald hörst, dass ich plötzlich die Stadt verlassen musste; wenn alles von mir übel spricht, mir meine Verjagung als eine verdiente Strafe gönnt und jedermann mich der tollsten Unverschämteit, der Undankbarkeit, der Verleumdung und der Himmel weiss welcher Verbrechen mehr anklagt; das sind alles Stimmen, aus einem Sprachrohre gerufen, um meine Verjagung zu beschönigen und mein Zeugnis wider die Ungerechtigkeit unkräftig zu machen; glaube solchen Nachreden so wenig, als ich dem Gerüchte glaubte, da es Dich beschuldigte, dass Du die Gunst Deiner Fürstin missbrauchtest, um eine fräulein Ahldorf zu verdrängen! Ich handle, wie ich soll; und nicht so zu handeln soll mich weder üble Nachrede noch Ansehn, Elend und Mangel, und, was noch mehr als alles dieses ist, selbst die Gefahr, Dich auf immer zu verlieren, nicht bewegen. Wenn ich Dich zurücklassen muss, so tröste Dich über mein Schicksal damit, dass ich mir durch eine so plötzliche Trennung den Märtyrerkranz der Ehrlichkeit erwarb. – –

Zwölfter teil

Erstes Kapitel

Herrmanns gefährliches Wagestück, dessen er in dem vorhergehenden Briefe gedenkt, war die Entdeckung aller Kniffe, Kunstgriffe und Praktiken, die der Präsident gebrauchte, mit einem Teile der fürstlichen Kasse zu wuchern, während dass unter dem Vorwande des Geldmangels alle Anfoderungen an dieselbe abgewiesen, verschoben, vertröstet und oft die Auszahlung der geringsten Besoldungen ausgesetzt wurde. Er suchte eine gelegenheit, den Fürsten allein zu sprechen und ihm das ganze eigennützige System, des Präsidenten vorzulegen, um welches er allein zu wissen glaubte, ob man gleich öffentlich darüber klagte, schmälte und fluchte und nur gegen ihn zurückhaltend tat, weil er zum haus des Herrn von Lemhoff gehörte und in dem Verdachte stunde, dass er der Handlanger der Ungerechtigkeit sei. Madam Dormer und alle übrigen Virtuosen des Hofs hassten seit langer Zeit den Präsidenten bis auf den Tod: sein unharmonisches Gemüt hatte eigentlich niemals Neigung für die Musik gefühlt, sondern war ihr vielmehr gram, und er gab sich nur einige Zeit die Miene eines Liebhabers, hielt fleissig Konzerte bei sich, unterhielt sich viel über die Tonkunst, ohne das mindeste davon zu verstehen, bloss um der Liebhaberei des Fürsten ein Kompliment zu machen: da bei diesem der Eifer erkaltete und sich mehr zur Malerei hinlenkte, liess der Präsident keinen Geigenstrich mehr in seinem haus tun, würdigte Sängerin, Geiger und Flötenblaser kaum eines Blicks und drang bei jeder gelegenheit auf ihre Abdankung: alle litten auf seinen Betrieb eine Verminderung des Gehalts. Herrmann glaubte also durch Madam Dormer und Arnolden den sichersten und geheimsten Kanal zum Fürsten zu finden: er vertraute sich ihr an, sie ermunterte ihn in seinem Vorsatze, teilte ihn Arnolden mit, und beide ergriffen die gelegenheit, dem Präsidenten zu schaden, mit so grosser Freude, dass Herrmann schon den folgenden Tag zu Arnolden beschieden wurde. Unter dem Schein eines Besuchs ging er zur bestimmten Stunde zu ihm, Arnold passte die Zeit ab, wo der Fürst sich allein auf seinem Zimmer mit Zeichnen zu beschäftigen pflegte, und brachte ihn so weit, dass er Herrmanns Anbringen hören wollte. Herrmann tat seinen Vortrag mit unerschrockner Freimütigkeit, überreichte die Beweise, die er mitgebracht hatte, seine Beschuldigungen zu unterstützen, und machte einen kurzen Abriss von der Verfahrungsart des Präsidenten und den Unordnungen, die desselben Nachlässigkeit, Unwissenheit und Eigennutz veranlassten: alles war durch unverwerfliche Gründe so sonnenklar, dass auch nicht ein Zweifel dawider stattfand. Der Fürst hörte ihn gelassen an und liess nicht die mindeste Verwunderung und noch viel weniger Unwillen in seinem gesicht blicken: er sah die überreichten Schriften flüchtig durch, gab sie Herrmannen zurück und sagte lächelnd: "Ich weiss dies alles: das Geheimnis soll unter uns bleiben: ich danke indessen für den guten Willen." – So schloss sich die Audienz.

Herrmann schwebte viele Tage in Ungewissheit über die wirkung seiner Entdeckung: Arnold versicherte ihn zwar, dass sie der Fürst sehr wohl aufgenommen zu haben schiene, setzte aber auch mit Betrübnis hinzu, dass sie vermutlich ohne schädlichen und guten Effekt bleiben werde, weil ihm der Fürst Stillschweigen geboten hätte, als er in einem günstigen Augenblicke Herrmanns Aussage verstärken wollte. Madam Dormer mit ihrem unruhigen geist und heftigen Affekten konnte