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gleich wieder an die Arbeit! Wir waren insgesamt so vergnügt und freudig, und dies ganze Bild der Arbeitsamkeit für mich so einnehmend, dass mir meine Märchen noch einmal so lustig gerieten; denn Du musst wissen, ich habe eine so starke Belesenheit in diesem Fache bei der Fürstin bekommen, dass ich jetzt alle Bücher verachte und meine Märchen selber erfinde, oft aus dem Stegreife, und meine selbsterfundnen tun meistens mehr wirkung als die gedruckten; denn ich mache sie so abenteuerlich, dass meinen Zuhörern alle Sinne vor Verwundrung stillstehn, wie nur so entsetzliche Dinge in der Welt vorgehen können. Ich habe seitdem die Fürstin fleissig an ihre Fabrik wieder erinnert, aber sie scheint an dem ersten Male genug zu haben: wenn das so fortgeht, wird der arme Alte seine warmen Winterstrümpfe wohl unter sechs Jahren noch nicht bekommen, und meine lahme Witwe mag sich auch beizeiten anderswo versorgen, ehe die starke Kälte einbricht. – –

Von Ulriken.

den 16. April.

– – Nun hab ich erfahren, warum den ganzen Winter über die Fürstin so misstrauisch, so zurückgezogen und kalt gegen mich tat: aber ich möchte es lieber nicht erfahren haben, da es ohne das Unglück einer person nicht geschehen konnte, die ich freilich für etwas anders hielt, als sie sich nunmehr gezeigt hat. Du wirst vermutlich gehört haben, dass fräulein Ahldorf neulich den Hof plötzlich verlassen musste, und vermutlich hat Dir auch das Gerücht hinterbracht, dass ich ihren Abschied bewirkt habe: aber das Gerücht ist eine Lüge, von Leuten erfunden, die mich verhasst machen wollen. Ich will Dir die wahre geschichte erzählen.

Die Fürstin war sonst der fräulein nicht gram, aber auch wegen ihrer erstaunlichen Faselei nicht sonderlich gewogen, und noch den vorigen Sommer auf der Jagd und bei dem Angeln musste das arme Mädchen läppisches Wesen anhören, und die Fürstin nannte sie immer gegen mich ihren Kammerhusaren. Auf einmal, als wir vom land zurückgekommen waren, änderte sich die Szene: ich wurde zurückgesetzt, durfte wenig und zuletzt fast gar nicht mehr um die Fürstin sein: die Ahldorfin bekam alle Gnade und alle Last, die ich vorher genossen und getragen hatte. Ob ich gleich im grund mehr Ruhe dabei gewann, so nagte mich doch die Zurücksetzung nicht wenig: jedermann schmeichelte mir sonst, woran mir wenig lag, jedermann wartete mir auf, auf den Wink gehorchte man mir; jetzt war ich wie verlassen, man drehte mir den rücken zu, alle brachten ihren Witz und ihre Höflichkeit der fräulein Ahldorf zum demütigen Opfer, und niemanden fand ich unverändert als mein Mädchen. Am meisten machte sich noch zuweilen der Fürst mit mir zu schaffen: er spricht sehr gut, wenn er will, und seine Unterhaltung hielt mich für alle andern schadlos; aber sie war niemals lang, weil gleich von allen Seiten Leute herbeikamen, die ihn von meinem gespräche abzogen. Ich konnte mit allem meinen verstand die Ursache einer so schleunigen Veränderung nicht erforschen, besonders da Madam Dormer mich so äusserst selten besuchte, niemals kam, wenn ich sie nicht drei-, viermal bitten liess, und allemal kaum fünf Minuten dablieb. Auf einmal wurde ich letztin aus meiner Unwissenheit gerissen.

Ich gehe durch das Vorzimmer der Fürstin, um mich zu erkundigen, ob auf den Abend Spiel bei ihr sein wird: ich finde alles leer, aber in ihrem Zimmer wurde stark gesprochen. Die weibliche Neubegierde treibt mich an, ein wenig stillzustehn, um zu hören, ob vielleicht die üble Laune einmal regierte: es war des Fürsten stimme, und da ich meinen Namen zweimal hintereinander nennen hörte, glaubte ich, mit völligem Rechte neugierig sein zu können, warum er genennt wurde. Der Fürst bat die Fürstin mit seinem eignen gesetzgebenden Toneer bittet alsdann mit den Worten und befiehlt mit der stimme –, bat sie ernstlich, der fräulein Ahldorf augenblicklich den Abschied zu geben. Die Fürstin bat für sie, aber er bestund darauf und befahl der fräulein, innerhalb einer Stunde das Schloss zu räumen, wofern sie sich nicht grösseren Unannehmlichkeiten aussetzen wollte. Dass er ihr dies selbst sagte, dazu gehörte ein hoher Grad von Zorn: weil sich die stimme darauf der tür näherte, wischte ich davon. Indem ich durch den gang gehe, der an das Vorzimmer stösst, treffe ich mit einer von den Jungfern zusammen, die auf der andern Seite in dem Nebenzimmer förmlich gehorcht hat. Sie tat so freundlich gegen mich und machte mir eine so tiefe Verbeugung, als ich den ganzen Winter über nicht von ihr bekommen hatte: das war eine gute Vorbedeutung: "O ich habe Dinge gehört!" fing sie an leise auszurufen. "Darf ich mit Ihnen auf Ihr Zimmer gehen? Ich habe Ihnen recht vieles zu sagen, das Ihnen Freude machen wird." – Ich nahm sie mit mir, und wir waren kaum ins Zimmer hinein, so hub schon die Erzählung in ihrer gewöhnlichen exklamatorischen Manier an. "Ach, ich habe Ihnen Dinge gehört!" rief sie aus. "Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für Dinge! Ich musste der Fürstin ein Kleid aus der Garderobe bringen, woran etwas geändert werden soll: indem wir so reden, tritt der Fürst herein. Die Fürstin erschrak über den unvermuteten Besuch, und ich machte, dass ich über Hals und Kopf mit meinem Kleide ins Nebenzimmer kam. Der Fürst sah mir entsetzlich böse aus, und ich horchte deswegen, was es einmal geben würde.