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der ganzen umliegenden Gegend waren uns zuletzt so gram geworden, dass sie davonflogen, als wenn sie das Unglück jagte, sobald sich nur eine von uns Scharfschützinnen blicken liess.

Wenn uns die Hitze das Jagen lästig machte, setzten wir uns an den Fluss und warfen unsre Angeln aus: viele Stunden sassen wir da wie angepflöckt, ohne Bewegung und Sprache, und brachten meistens so viele Weissfischchen zusammen, dass jedermann des Abends bei der Tafel einen halben bekam. Das Langweilige dieser Zeitverkürzung ist unbeschreiblich: wenn die Fische herumgeflogen wären, so hätte ich sie mit dem mund fangen können, so hab ich gegähnt. Arnold setzte sich bei dieser gelegenheit durch seine ganz einzige Geschicklichkeit, die Regenwürmer an die Angel zu stecken, in die vollkommenste Gnade bei der Fürstin, die ihn vorher so wenig leiden konnte, dass sie ihn den Hofaffen nannte; aber seitdem er seine Verdienste so vorteilhaft gezeigt hat, gefällt ihr der Mann samt seinen Possen ungemein wohl. Er hat bei unserm Sommeraufentalte die wichtigste Rolle gespielt: wenn Hitze und Langeweile alle Kraft und Lust zur Tätigkeit niederdrückte, trat er mit dem Apoteker oder, war dieser in der Stadt, mit einem andern Einfaltspinsel auf, und beide spielten zusammen ein burleskes Intermezzo, welches meistens darauf hinauslief, dass der unverschämte Narr den blödsinnigen Narren zu seinem Narren machte. Ich begreife nicht, ob ich das lachen verlernt habe: die Schwänke, die der Herr von Troppau mit Mr. de Piquepoint und den andern Souffre-douleurs unsrer Abendgesellschaft in Berlin vornahm, belustigten mich zuweilen, dass ich darüber lachen musste, sooft ich mich ihrer erinnerte; und hier sitze oder steh ich da wie die Bildsäule des Cato, wenn alles rings um mich vor lachen bersten will: nur der Fürstin zu Gefallen, damit sie meine Ernstaftigkeit nicht übelnehmen soll, lache ich mit, sooft sie mich ansieht. Ich höre kein Wort von den schalen Einfällen, sondern träume für mich und lache also sehr oft bei Gelegenheiten, wo es gar nichts zu lachen gibt, bloss weil mich die Fürstin anblickt: nun geht wieder das ewige fragen an, warum ich lache, und ich weiss niemals zu sagen warum, weil ich die rechte Ursache nicht entdecken darf. Entweder mir oder den Possen muss etwas fehlenvermutlich mir! – Alle Zeitvertreibe sind so kalt, so affektlos, blosse Mittel, die Zeit zu würgen; alle Vergnügen berühren meine Empfindung so flach und dringen mir weder an Geist noch Herz: aber was macht es? – ich sehe nichts mehr mit den Augen der Liebe: die Liebe vergoldete sonst alle Gegenstände um mich her mit Sonnenschein: die Liebe spannte meine Einbildung, dass sie jedem Blatte, jedem Lüftchen, jedem Insekt geheime Beziehungen auf mich mitteilte, gab allem, was um mich war, Regsamkeit, Leben, Interesse, Wärme und erhöhte in mir jedes Gefühl zur Berauschung. Das war eine Welt! – Gott! wenn ich noch an das erste Jahr denke, das wir auf dem Bauergütchen zusammen verlebten! Da hatte alles so einen frischen Anstrich, so eine Lebhaftigkeit, so ein Feuer! Freilich war der frische Anstrich nur in meinem kopf und die Lebhaftigkeit und das Feuer nur in meinem herz: mag es! Ich befand mich doch millionenmal besser dabei als jetzt in der kahlen Alltagswelt, wo mir alles so matt, träge, leblos, kalt, ohne Geist und Interesse dahinschleicht wie ein elendes Schattenspiel an der Wand.

Diesen Winter will die Fürstin eine Fabrik bei sich anlegen: Hoffräulein, Hofjungfern und Hofmädchen sollen in ihrem Zimmer sich alle Nachmittage versammeln und spinnen, stricken, nähen, und unsre Fabrikwaren sollen unter die armen Leute ausgeteilt werden. Der Einfall gefällt mir überaus wohl, und die erste Versammlung aller jener Fabrikantinnen, die gleich den Tag nach unsrer Ankunft vom land und seitdem nicht wieder geschah, hat mich belustigt, wie mich noch nichts am hof belustigt hat. Stelle Dir einmal ein grosses Zimmer vor; in der Mitte die Fürstin an einem Tische voll Flachs, Garn, Leinewand, Zwirn, grober und feiner Wollelauter Materialien, die sie unter die Arbeiter ihrer Fabrik austeilt! Im Halbzirkel vor ihr sitzen alle ihre Gesellen, bei der Tür schnurren drei Mädchen mit Spinnrädern; daneben die podagristische Limpachin mit einer grossen Haspel vor sich, wovon sie grobes baumwollenes Garn zu einem Paar grauen Mannsstrümpfen abwindet; dann ein Mädchen, mit einem Hemde für einen Bettler beschäftigt, der vielleicht seit Jahr und Tag nur kein ganzes gehabt hat; dann ein anders mit einer Kinderhaube unter der Arbeit; und endlich vier bis fünfe, worunter auch meine Wenigkeit gehört, mit Stricknadeln bewaffnet, mit wollnen und zwirnen, grossen und kleinen Mannsund Weiberstrümpfen, worunter jede die andre überholen, jede das grösste Stück Arbeit liefern will. Die Fürstin strickt für einen alten Mann, den sie vorigen Winter barfuss gesehen hat, ein Paar tüchtige, derbe, warme Winterstrümpfe, und ich arbeite für eine arme, alte Witwe, die der Schlag gerührt hat. Weil ich so gut Märchen erzählen kann, wie man mir schuld gibt, so habe ich unstreitig den wichtigsten Posten in der ganzen Gesellschaft; denn ich muss arbeiten und erzählen. Damals sassen wir mit ununterbrochner Emsigkeit von vier Uhr des Nachmittags bis des Nachts um halb zwölfe, und die kalte Küche, die man des Abends herumgab, wurde nur nebenher eilfertig hinuntergeschlungen, ohne dass es die Arbeit störte, dem Bedienten das Glas abgenommen, hastig ein Schluck getan, und nun