, dass ich alles, was ich bin und werde, Dir verdanken soll; denn alle diese Weisheit und Torheit hab ich für die Geschenke gekauft, womit Du Deine Briefe begleitest: kann ich Dir besser dafür danken, als dass ich sie zu dem einzigen Mittel anwende, das mich Deiner Verbindung wertmachen, wo auch nicht dazu bringen kann? Verstand und Gedächtnis werden durch diese Gedanken gestärkt: meine Begriffe werden heller und meine Vorstellung umfassender, wenn mich die Liebe erinnert, dass ich alles Nachsinnen, alle diese Mühe für Dich und durch Dich unternehme. Ich habe bisher mein Leben im Schlafe zugebracht, im Traume der Empfindung, des Vergnügens, des Eigennutzes, in süsser, verliebter, aber kleiner Geschäftigkeit: das Unglück hat mich aus meiner Schlaftrunkenheit herausgepeitscht, und ich will anfangen zu leben, zu tun, zu handeln, was allein Leben heisst. Wie begeistert mich die Vorstellung, wie schwellt sie meinen Mut an, dass ich vielleicht dereinst etwas beitragen soll, diesem land, das die Beute habsüchtiger Geier geworden ist, durch gute Anstalten zum Wohlstande zu verhelfen, Ordnung, Fleiss, Tätigkeit darinne zu verbreiten, der Menge dürftiger, fauler Müssiggänger Arbeit und Nahrung zu verschaffen, durch Vermehrung des Triebes zur Beschäftigung alle Laster der Geschäftlosigkeit zu ersticken und so durch politische Veranstaltungen ein Völkchen weiser und glücklicher zu machen, als Moralisten und Prediger vermögen! Diese Aussicht ist jetzt meine allbegleitende idee, der Mittelpunkt alles meines Denkens und Trachtens. Meine gegenwärtige pflichtmässige Beschäftigung ist freilich trocken, gering, ekelhaft: ich muss Rechnungen, Befehle, Quittungen, Spezifikationen von des Herrn von Lemhoffs Schweinen, Schafen und Rindvieh, Pachtbriefe und Mietkontrakte abschreiben, den Vögeln den Pips nehmen, Wettergläser begucken und die Grade ihres Steigens und Fallens aufschreiben – freilich alles lästige, traurige Berufsarbeiten, die einer von den Bedienten des Hauses besser und schicklicher verrichten könnte als ich! Aber was schadet's? Man kann wohl einige Zeit Steine und Kalk zuführen, wenn man nur Hoffnung hat, einmal Mauermeister zu werden. Ich bin doch unendlich besser daran, wenigstens in meinen Augen nützlicher als Arnold, der den Lustigmacher bei dem Fürsten spielt und Hofspassmacher geworden ist. Nimmermehr hätt ich dem mann zugetraut, dass er sich zu solchen Mitteln erniedrigen würde, um die Gunst seines Herrn zu gewinnen: er ist ein Nichtsnützer, der im geschäftigen Müssiggange herumschleicht: seine grösste Handlung ist ein mittelmässig geblasnes Konzert und seine beste ein Spass, womit er dem Fürsten eine Wolke von der Stirn treibt; und noch wäre dies Verdienst nicht gering, wenn er den Herrn nach Beschäftigungen oder Unannehmlichkeiten aufheiterte oder Verdruss und üble Laune, zwo so ergiebige Quellen von Ungerechtigkeiten, von ihm abwehrte: aber die Harlekinspossen, die elenden Schwänke, die Kinderspiele, womit er ihn belustigen soll, machen ihn in meinen Augen verächtlich. Wieviel verdienstvoller und glücklicher schein ich mir mitten in meinen schlechten Umständen schon jetzt, wenn ich mir bewusst bin, dass der Präsident einen Gedanken, einen Vorschlag, den ich für heilsam halte, billigt und annimmt! Wie vollkommen wird nun vollends meine Glückseligkeit sein, wenn ich diese schlechten Umstände übersprungen und mich in eine Lage gesetzt habe, wo meine Gedanken und Vorschläge von ausgebreitetem Einflusse, meine arbeiten der Vorteil etlicher tausend Menschen sein werden! Der Vorstellung, für und auf einen beträchtlichen teil der Menschheit einst zu wirken und gewirkt zu haben, kommt nichts gleich, als das Gefühl einer Liebe wie die unsrige, als der Gedanke an Deine Treue. Ich beneide Euch alle nicht um die herrlichen Lustbarkeiten, um die schönen Parties de plaisir: meine Partie de plaisir soll angehn, wenn Euch vor den Eurigen ekelt. – –
Von Ulriken.
den 13. Oktober.
– Das heisst man Landleben? Eine Plage auf dem land nenne ich das. Da sind wir den ganzen Sommer auf dem dorf gewesen und haben uns ganz trefflich ennuyiert, dass wir uns vor Langerweile mit den Köpfen hätten stossen mögen. Die Fürstin hat dies Jahr die Ökonomie an den Nagel gehängt und ist der Wirtschaft so überdrüssig geworden, als wenn sie mit uns auf unserm Bauergütchen gewohnt hätte. Halb ist sie dafür zur Jägerin und halb zur Fischerin geworden. Ihre kriegerischen Zeitvertreibe haben einen rechten Nimrod aus Deiner friedfertigen Ulrike gemacht: ich bekriege alles, was Odem hat: aber ich lasse mich nur mit der hohen Jagd ein, mit Sperlingen, Meisen und Finken. Die Fürstin mit ihren beiden Leibjägerinnen – denn fräulein von Limpach hat die Gicht in beide hochwohlgeborne Füsse bekommen –, wir drei Jägerinnen haben den ganzen Sommer über wenigstens zehn Pfund Pulver und Blei verschossen, und dem Himmel sei Dank! wenigstens drei Sperlinge und vier nem Gewissen, aber ich kann es beschwören, dass ich den Mord ohne Vorsatz beging. gewöhnlich schoss ich immer los, wenn die andern anlegten, um die Vögel zu warnen, dass sie wegflogen: aus der nämlichen christlichen Absicht schiess ich einmal in einen Kirschbaum, und siehe da! es fällt eine Meise herunter. Ich zitterte vor Schrecken und hätte beinahe geweint, als der gute Narr herunterstürzte, nahm sie auf und dachte, er wäre vielleicht wegen Schwäche der Nerven über den Spass in Ohnmacht gefallen: aber nein, er war tot, sosehr man es nur sein kann. Die Fürstin behauptete, er hätte die Gicht gehabt wie die Limpachin, wäre vor Schreck heruntergefallen und hätte den Hals gebrochen; und ich glaube es gern, damit ich an keinem Totschlage schuld bin. Die armen Vögel in