nicht, warum ich nun seit drei Tagen kein einziges fröhliches Gesicht auf dem ganzen schloss erblicke. Wen ich anrede, der antwortet mit dem langweiligsten Ernste, und wenn er ja lacht, so sieht man's doch genau, dass er sich dazu zwingt. Selbst die Bäume im ganzen Garten sehen so unmutig, so gelbgrün aus, als wenn der ganzen natur nicht wohl zumute wäre. – Sagen Sie mir nur, ob ihr Leute alle auf einmal hypochondrisch geworden seid?"
Schwinger. Vermutlich scheinen wir alle darum nicht aufgeräumt, weil es Euer Exzellenz nicht sind –
Die Gräfin. Ich? nicht aufgeräumt? – Ich dächte, dass ich's wäre. – Wissen Sie kein Mittel wider die Langeweile?
Schwinger. Wenn Beschäftigung oder Zerstreuung nicht hilft –
Die Gräfin. Wenn Sie sonst keine Arznei wissen, diese kenn ich. – Tun Sie mir nur den Gefallen und machen Sie nicht ein so langweiliges Gesicht: man wird ja selbst verdriesslich, wenn man Sie nur ansieht.
Schwinger. Ich beklage unendlich – so will ich mich lieber entfernen –
Die Gräfin. Bleiben Sie nur! – Wissen Sie nichts Neues?
Schwinger. Nichts als das einzige –
Die Gräfin. Erzählen Sie mir's nicht! Es ist doch vermutlich etwas Langweiliges. – Finden Sie nicht auch, dass die Welt immer alltäglicher wird?
Schwinger. Ja, ich fühle sehr oft die Last der Einförmigkeit.
Die Gräfin. Unausstehlich einförmig ist alles. – Es fehlt Ihnen wohl an Zeitvertreiben bei uns? – trösten Sie sich mit mir! Der Graf macht mir immer so viele Veränderungen, dass ich – à propos! ich will Ihnen einen neuen Zeitvertreib schaffen. Hier den kleinen Heinrich nehmen Sie zu sich, unterrichten und erziehen Sie ihn, so gut Sie können: vielleicht lässt sich etwas aus ihm machen. Er soll Ihnen ganz überlassen sein: die nötigen Bücher und andere Dinge fodern Sie von mir!
Schwinger. Für dieses Geschenk danke ich mit so vieler Freude, als wenn –
Die Gräfin. Ich bitte Sie, machen Sie mir durch Ihre Komplimente keine Langeweile! – ich kann Ihnen vorderhand keine Vermehrung des Salärs versprechen: allein wir werden schon sehen!
Schwinger. Ich bin völlig zufrieden, völlig zufrieden, dass ich eine Arbeit bekomme, die mehr Tätigkeit fodert als meine bisherige: und wenn ich mir den Beifall Eurer Exzellenz verdienen könnte –
Die Gräfin. Sie werden mich Ihnen verbinden, wenn Sie ein wenig Fleiss auf den Burschen wenden. – sehen Sie, wer kommt!
Schwinger ging, es zu untersuchen, und berichtete, dass es der Graf sei. – "Ach!" brach die Gräfin in der ersten Überraschung des Verdrusses aus; "da wird erst" – 'die Langeweile angehn', wollte sie sagen; allein sie unterbrach sich und setzte hinzu, als eben der Graf in die Einsiedelei trat: "Sie erzeigen mir sehr viel Gnade, dass Sie mir ihre unterhaltende Gesellschaft gönnen, gnädiger Herr."
Der Graf machte ein Gegenkompliment, setzte sich und gähnte. "Ich habe schreckliche Langeweile auf meinem Zimmer gehabt", fing er an. "Wenn man keinen Gefallen mehr an der Jagd findet, so weiss man immer nicht, was man mit der Zeit anfangen soll. Alle Tage Gesellschaft aus der Nachbarschaft zusammenzubitten ist sehr beschwerlich! Ich bedaure Sie nur, dass ich nicht genug zu Ihrem Vergnügen beitragen kann –"
Die Gräfin. Mein grösstes Vergnügen ist Ihre Gesellschaft. Ihre Unterhaltung lässt mich nie Langeweile haben.
Der Graf versicherte, dass er solche liebreiche Gesinnungen zu verdienen suchen werde, gähnte und schwieg. Beide sassen lange stumm da, wie die leibhaften Bilder des Verdrusses – hin und wieder eine kahle Frage nebst einer ebenso kahlen Antwort – dann ein schmeichelhaftes Komplimentchen – hinter jeder Anrede und Antwort ein langes Intervall von Stillschweigen – das war ihr höchst unterhaltendes Gespräch. Nachdem sie sich fast eine halbe Viertelstunde mit einem so mühseligen Dialoge gemartert hatten, so versicherte der Graf, dass er durch seine Gemahlin ganz aufgeheitert worden sei, und sie tat ihm aus Erkenntlichkeit die Gegenversicherung mit schläfrigem Tone, dass er ihr eine der schlechtesten Launen durch seine Gegenwart vertrieben habe.
Als diese lebhafte Unterhaltung ganz erloschen war, fand sich die Baronesse bei der Einsiedelei ein und stutzte, dass sie zusammenfuhr, da sie beim Eintritte Onkel und Tante mit niedergesenktem haupt in tiefem Stillschweigen erblickte. – "Was willst du?" fragte der Graf. – "Die Zeit wurde mir auf dem Zimmer zu lang", antwortete sie.
Die kleine Heuchlerin! Sie war ausgegangen, den kleinen Herrmann aufzusuchen; und die Zeit wurde ihr auf dem Zimmer zu lang, weil er nicht bei ihr war.
"Immer wird dir die Zeit zu lang", fuhr der Graf fort. "Klagen wir doch niemals darüber. Mache es wie wir, so wird dir die Zeit niemals zur Last fallen! Setze dich zu uns! Unterhalte dich! Ein lebhaftes Gespräch wie das unsrige lässt gar nicht daran denken, dass es Zeit gibt."
"Wo ist Hedwig?" fragte die Gräfin. – Die Baronesse berichtete, dass sie schon über eine halbe Stunde ausgegangen sei.
Die lebhafte Unterhaltung stunde abermals still, wie ein ausgetrockneter Bach.
Nach einigen Minuten hörte man fräulein Hedwigs stimme sich mit vieler Heftigkeit nähern und zugleich ein Geräusch, als wenn ein ganzes Regiment Infanterie hinter ihr drein marschierte. Die Baronesse sah sich danach um und brachte die