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dies Examen überstanden war, zog mich Madam Dormer in einen Winkel und kiff förmlich mit mir über meine Unvorsichtigkeit: gleich war auch Herr Arnold dabei, der sich die Ehre gibt, auch um unser Geheimnis zu wissen und sich Deinen grossen Patron zu nennen. Sooft er mich erblickt, erzählt er mir, dass er Deiner bei dem Fürsten gedacht hat. Ich halte ihn für einen Menschen, der um eine gute Mahlzeit oder eine Flasche guten Wein Vater und Mutter verrät: er hat sich bei dem Fürsten in der kurzen Zeit so sehr eingeschmeichelt, dass sie auf den vertrautesten Fuss miteinander umgehen, wohin es bei dem guten Fürsten nur gar zu leicht kommt. Man kann zwar Arnolden bisher nicht das mindeste Böse schuld geben, nicht einmal Verleumdung; aber er drängt sich allentalben voran, will der erste und einzige in der Gunst sein und nützt die Veränderlichkeit seines Herrn so meisterlich, dass er alle andre aus den Besitze der Gnade vertreibt. Wie sollte er diese Künste nicht wissen, da Madam Dormer seine Lehrerin ist?

Ich zittre, wenn ich bedenke, dass unser Geheimnis in den Händen dieser beiden Leute ist: ich traue keinem unter ihnen, aber ich muss ihnen schmeicheln, damit sie mir nicht schaden. Welche traurige Sache, Leute liebkosen zu müssen, die man nicht für gut hält! Und wieviel trauriger wär es vollends, wenn ich sie beleidigte, vielleicht durch den Zufall beleidigte! Ein Wort dürften sie der Fürstin von unserm Verhältnisse hinterbringen, und wir wären beide verloren.

Von Ulriken.

den 7. März.

– – Eine Freude muss ich Dir noch mitteilen, die ich vor acht Tagen gehabt habe, eine, wie sie mir seit langer Zeit nicht zuteil worden ist. Der Graf Ohlau hat sich an die Familie gewendet und um Unterstützung gebeten, weil ihm der Bankerut nicht das geringste übriggelassen hat. Der Oberste Holzwerder hat sich auch zu einem jährlichen Beitrage unterzeichnet und fragte mich zum Scherze, ob ich nicht gleichfalls einen Louisdor unterzeichnen wollte. Der Scherz war mir empfindlich; ich antwortete: "Vielleicht." Bei der nächsten guten Laune der Fürstin bettelte ich bei ihr für einen gestorbnen Anverwandten. – "Willst du sogar den Toten Almosen geben?" fragte sie. – "Der Mann lebt wohl noch", antwortete ich, "aber er lässt sich's nicht gern nachsagen, dass er noch lebt, weil er um seine schönen Kutschen, Pferde, Lakaien und worden?" – "Ja, von einem Diebe, den man Bankerut nennt." – "Darf ich den Mann nicht wissen? Oder vielleicht hast du dein Geld vergangnen Winter auf den Redouten verspielt und vertrunken und machst mir nun weis, dass du für einen vornehmen Bettler bettelst?" – "Wenn ich den Mann alsdann verschweigen darf, so will ich die Beschuldigung auf mich nehmen und untertänig um Vergebung bitten, dass ich meine Liederlichkeit habe bemänteln wollen." – Sie ging zu dem Schreibeschranke und brachte mir ein Paketchen mit zwanzig Louisdoren. "Da!" sprach sie, "schicke das deinem Toten, damit er wieder ein bisschen zu Atem kommt!" – Ich küsste ihr die hände so vielmals, dass sie es überdrüssig wurde und mich zum Scherz leise auf den Mund schlug: die Schuhsohlen hätt ich ihr küssen mögen, so entzückt war ich über die Wohltat. Ich packte die zwanzig Louisdor gleich sehr säuberlich ein, schrieb ein Billett an den Obersten und bat ihn, diese Kleinigkeit ohne Unterzeichnung an den Onkel zu schicken. Er kam hernach zu mir und wollte schlechterdings, dass ich das Geld in meinem Namen schicken sollte: aber das ging ich nicht ein: ich packte es in weisses Papier, liess von meinem Mädchen die Adresse darauf schmieren und schickte es ohne Brief fort. Wie sie sich freuen werden, wenn die zwanzig gelben Rosse aus dem Briefe herausspringen, als wenn sie aus der Luft herabfielen!

Dies Vergnügen waffnet mich wider einen ganzen monat Langeweile; denn das weiss mein Herz, wie sie mich tyrannisiert. Man spricht täglich von Lustbarkeiten: bald wird dahin, bald dortin gefahren, gejagt, geangelt, gegangen und geschwatzt: aber bei allen Partien schleicht die grämliche Langeweile hinter mir drein, setzt sich mir auf den Nacken oder gegenüber und gähnt und gähnt, dass ich mitgähnen muss. Ich glaube, dass mir die Liebe fehlt: wir haben zuwenig mit ihr hausgehalten: darum wird der Rest unsers Lebens öde und leer sein. Ich wüsste die Langeweile umzubringen, aber ich darf nicht: ich bin wie Andromeda gefesselt, der Drache, die Langeweile, sitzt neben mir und will mich verschlingen, und mein Perseusvielleicht schneidet er endlich einmal die Hoffesseln los, und dann ist mir für meinen Drachen nicht bange: vor einem Blicke von Dir zieht er aus wie vor zehntausend Feinden. –

Von Herrmann.

den 21. März.

– – Ich beklage das gnädige fräulein unendlich über höchstdero langweilige Glückseligkeit: ich habe keine Glückseligkeit, aber auch keine Langeweile; Lächerlichkeiten in Menge um und neben mir, wenn ich sonst Neigung hätte, über die Torheiten und VergeWeh eines Landes in seiner Hand hat und damit spielt wie mit einem Balle. Ich erwerbe mir jetzt die Kenntnisse, die mich Verirrung und Taumel der Liebe nicht früher erwerben liessen: erschrecken würdest Du, wenn Du mich, umschanzt von ökonomischen und politischen Büchern, unter Quartanten und Oktavbänden voll Polizei und Finanzanstalten, die nirgends existieren, fändest. Der Himmel will