Freigebigkeit, und ihr Mann war seit seinem Abschiede von der Schauspielergesellschaft auch wieder unter das Joch gebracht worden: also mussten sie ihr beide gehorchen. Der Fürst hielt des Winters wöchentlich ein paar Konzerte auf seinem Zimmer, wo ihn sonach Madam Dormer alle Wochen zweimal sprach: denn er war sehr herablassend und liess kein Konzert vorbeigehn, ohne sich mit ihr zu unterhalten, und wenn er nicht beizeiten Anstalt dazu machte, wusste die dreiste, zudringliche Frau das Gespräch schon an ihn zu bringen. Sie bat um die Erlaubnis, dass sie Arnolden, der hieher gekommen wäre, um sich in der Musik festzusetzen, in die Konzerte mitbringen dürfte: dem Fürsten, der sich einbildete, dass an seinem hof die Musik blühe, schmeichelte diese Lüge unendlich, und er gestand die Erlaubnis ohne Bedenken zu. Arnold stellte sich seitdem gewöhnlich hinter das Orchester und hörte zu: er gefiel dem Fürsten sehr wohl, weil ihm Madam Dormer eine Menge schmeichelnde Bewegungsgründe andichtete, warum er gerade diese Residenzstadt zu seinem Aufentalte erwählt haben sollte. Sobald er durch ihren Mann in den Stand gesetzt war, dass er ein auswendig gelerntes Konzert sich zu blasen getraute, musste er auftreten; und ausdrücklich las die verschmitzte Frau eins aus, wozu der Fürst, der selbst ein wenig komponierte, ein andres Andante gesetzt hatte. Mit Erstaunen hörte der Fürst sein selbstverfertigtes Andante, das nach seiner Meinung nicht aus dem Notenschranke seiner Kapelle herausgekommen war, und fragte nach dem Schlusse, woher er dies Andante habe: Arnold versicherte, dass er es vielfältig in Leipzig geblasen und niemals dies Konzert mit einem andern Andante habe blasen hören: es sei so allgemein beliebt und bekannt, dass man es auf den Promenaden trällere. – "Ja, ja", fing Madam Dormer an, "ich kenn es: in Berlin wird es oft bei der Wachparade geblasen." – Der Fürst holte sein eigenhändiges Konzept herbei, um zu beweisen, dass er der Verfasser davon sei, liess im Notenschranke nach dem abgeschriebenen Exemplare suchen, das man auch richtig und unversehrt fand, weil Dormer auf seiner Frau Befehl heimlich eine Abschrift davon hatte nehmen müssen; tat sehr unwillig, dass Leute, auf die er sein Vertrauen setzte, seine unvollkommnen arbeiten in die Welt ausschickten, und bat Arnolden inständig, das Andante ja niemanden weiterzugeben, welches dieser auch mit einem tiefen Reverenze angelobte. Nun arbeitete seine Gönnerin aus allen Kräften, die innerliche Freude des Fürsten zu nützen und um einen Platz in der Kapelle für ihn anzuhalten: er wurde ihr zugesagt; und da man an diesem hof mit einer Besoldung gern zwei oder drei Dienste verband, wurde Arnold in einigen Tagen darauf Hof- und Kammermusikus, Kammerdiener bei dem Fürsten, mit dem Prädikat eines Geheimen Kämmerers, und Subinspektor des Pferdestalls.
Fünftes Kapitel
Um die Lage kennenzulernen, in welche diese Beförderung allmählich Herrmanns und Ulrikens Angelegenheiten setzte und wie sie in der Folge die feindselige Stellung möglich machen konnte, die Arnold und Madam Dormer wider jene beiden annahmen, wird es am dienlichsten sein, hier einige Fragmente aus Briefen folgen zu lassen, die nach Herrmanns Eintritt in seinen Sekretärposten geschrieben wurden.
den 4. Februar.
– – Das waren gestern fünf Minuten des Lebens für mich, als ich Dich auf der Redoute sprach: nach so vielen langen Monaten, wo ich in jedem einen oder zwei Briefe an Dich schrieb und Dich nirgends als verstohlnerweise in der Kirche sehen konnte, endlich einmal die stimme zu hören, die für mein Herz so süsse Musik ist, o wie rührte das mit einem hastigen Griffe alle saiten meiner Empfindung! Die lärmende Tanzmusik verstummte für mich, das Rauschen der Allemande war mir unhörbar, ich nur allein in dem saal und nur für die stimme meines geliebten Türken da. Das waren vielleicht funfzig Worte, die Du mir sagtest, aber für mich goldne Sprüche gegen alles Kammerjunker und dort Gott weiss wer meine armen Ohren foltert: Dir hörte ich gern Stunden, Tage, Wochen zu, und doch waren's nur fünf Minuten! und von den faden Schmeicheleien und abgeschmackten, abgedroschnen, Seel und Magen angreifenden Schnickschnack, den mattesten Siebensachen, dem elendesten Gackern klingen mir die Ohren vom Morgen bis zum Abend. – O Herrmann! gestern hat sich mein Herz wieder eine grosse Krankheit bei Dir geholt: es war seit meiner Ankunft in dieser Stadt ein Patient, der das Bette verlassen hat und wieder ein wenig herumgeht: aber gestern! gestern wurde es von neuem bettlägrig: ich bin seitdem so unleidlich, so mürrisch geworden wie ein Podagrist. Mein Mädchen beschwerte sich, dass sie mir nichts recht machen könnte. "Du närrisches geschöpf!" sprach ich, "die vornehmen Sitten haben mich angesteckt: gedulde dich nur: ich werde schon noch launischer werden." – Ja, gewiss werde ich's: ich fange schon an: seit gestern ist mir der Hof und die grossen vornehmen Leute und das Putzen, Zieren, Tändeln, Schmeicheln, Knixen und Grimassieren so unerträglich ekelhaft geworden, dass ich die Ehre einer Hofdame an die Magd vertauschen möchte, die Dir aufwartet.
Die Fürstin examinierte mich sogleich gestern, mit wem, warum und was ich mit Dir gesprochen hätte: sie musste mit einem paar Lügen vorliebnehmen, und meine Freude machte mich so erfinderisch, dass ich nicht einmal stockte: sie verbot mir alle dergleichen gespräche, wenn sie auch noch so gleichgültig wären: – ob ich mich vielleicht durch meine Freude verdächtig machen mochte?
Nachdem