die listige Frau merkte sehr bald, warum er dies nur wünschte, und meldete ihm, dass Herrmann um nichts als Kost, wohnung und die Ehre, in seinem haus und Dienste zu sein, ansuchte und alle Besoldung so lange ausdrücklich verbäte, bis er sie durch sein gutes Verhalten verdient hätte: nun war der Handel den Augenblick richtig.
Nachdem Herrmann seinen neuen Platz bereits angetreten hatte, trafen zwei verschriebene Subjekte aus Leipzig und eins aus Göttingen ein: in Altorf war keins aufzutreiben gewesen. Der Göttinger hatte sich, um mit Anstand zu erscheinen, zwei neue tressenreiche Kleider machen lassen und kam mit Extrapost und grossen Erwartungen an, die sich auf nichts als die zwei Wörter, Präsident und Hof, stützten; denn der Präsident hatte die Bedingungen, die er machen wollte, nirgends angegeben: aber Präsident! und Hof! dies beides war für die akademische Erfahrung des Jünglings genug, um schon von vielen Hunderten Besoldung zu träumen und sich in drei oder vier Jahren schon als Hofrat zu denken, ob ihm gleich der Professor, der den Auftrag hatte, ein vorsichtiges Bedenken empfahl. Der gute Narr lauerte acht Tage und konnte niemals vorkommen: endlich liess ihm der Präsident durch einen Bedienten melden, dass er sich unter der Zeit schon versorgt habe und für seine Bemühungen sehr vielmals danke. Der arme Betrogne ergrimmte über diesen Dank für eine Bemühung von etlichen zwanzig Meilen, verkaufte eins von seinen Tressenkleidern an den Hofjuden und reiste mit der gewöhnlichen Post demütig auf die Georg-Augustus-Universität zurück. Noch vor seiner Abreise fanden sich die beiden Leipziger an verschiedenen Posttagen ein, mit geringerer Kleidung, aber ebenso hoher Erwartung, womit sie der Professor berauschte, an welchen der Präsident geschrieben hatte: um sich das Ansehn eines Universalpatrons zu geben, machte dieser Mann meistens bei einem solchen Auftrage die ganze Universität aufrührisch und hatte auch jetzt die die Wörter Präsident und Hof so vielen und so emphatisch in die Ohren gerufen, dass sich zwei auf den Weg machten, ohne voneinander etwas zu wissen. Lustig war es, als diese drei Subjekte in einem Zeitraume von sechs Tagen hintereinander anlangten, sich in einem Gastofe, dem einzigen in der ganzen Stadt, einquartierten, mit vieler Wichtigkeit einander erzählten, zu welchem hohen Posten sie berufen wären, und dann mit weit offnem mund sich verwunderten, dass sie Kompetenten eines und desselben hohen Postens zu sein schienen. Der eine Leipziger räumte gleich den Platz, verlangte den Herrn Präsidenten gar nicht zu sehen, schämte sich, mit langer Nase, wie er sich ausdrückte, in sein liebes Pleissaten zurückzukommen, und reiste zu seiner Mutter, um ihr sein Herzeleid und seinen leeren Beutel zu klagen. Das andre Leipziger Subjekt liess es sich weiter gar nicht merken, welche Absicht ihn in diese Stadt gebracht hatte, sondern suchte Bekanntschaften und gab vor, dass er sich der Redouten wegen diesen Winter hier aufhalten wollte. Eine der ersten Bekanntschaften, die er machte, war natürlicherweise Madam Dormer, da sie die einzige Frau in der Stadt war, die einen Fremden anziehen konnte. Sie gerieten beide sehr bald in verdächtige Vertraulichkeit, wenigstens in den Augen des Publikums, das ein Männlein und ein Weiblein nicht zusammen lachen sehen konnte, ohne das eine zur Braut oder zur Hure des andern zu erheben; der freie, zwanglose Ton der Madam Dormer war ohnehin ein Ärgernis für die ganze Stadt. Herrmann besuchte sie um soviel öfter, da sie seine Beförderin, die geheime Negotiantin seiner Liebe und der einzige weibliche Umgang in der Stadt war, der ihm schmeckte. Notwendig musste er also mit dem Leipziger Subjekte sehr bald bei ihr zusammentreffen; und dies Leipziger Subjekt war – sein ehmaliger Freund und Spielgefährte Arnold. Er schämte sich, seine bisherigen Schicksale zu gestehen, bekannte aber doch einmal, als sie beide allein beisammen waren, dass ihn seit jenem Abende, wo Herrmann Leipzig verliess, um zu Ulriken auf das Land zu eilen, das Glück unaufhörlich zum besten gehabt habe. Kleiner Gewinn und grosser Verlust, kleine Einnahme und grosser Aufwand war sein Lebenslauf, bis ihn Schulden und Mangel so gewaltig drückten, dass er das Spielerhandwerk verfluchte, weise werden und studieren wollte. Er fand Zuflucht und Unterstützung bei einem livländischen Barone, der sich gleichfalls von der Spielsucht bekehren und weise werden wollte: allein sie bekehrten einander wie ein Paar Ungläubige das heisst, einer verführte den andern, bis endlich das geschärfte Verbot der Hasardspiele beide zur Bekehrung zwang. Arnold gab sich wirklich die Miene, als wenn er studierte, bis der Brief des Präsidenten und die selbsterfundnen Versprechungen des Mannes, der ihn empfing und sich ein Ansehn damit geben wollte, so viele Bewegung verursachten, dass sich Arnold von ihm bereden liess, die Reise nach der einträglichen Sekretärstelle anzutreten. Diesen letzten teil seiner geschichte verhehlte er seinem wiedergefundnen Freunde, so gut er konnte, und wandte, wie allentalben, die Redoute vor, so unwahrscheinlich auch diese Ursache schien.
Madam Dormer, die auf das Probestück von Patronschaft, das sie an Herrmannen abgelegt hatte, nicht wenig stolz tat' geriet sehr in Versuchung, an Arnolden ein zweites abzulegen: zum teil konnte es wohl Liebe sein, aber grösstenteils war es gewiss Neigung zur Intrigue, unruhige Geschäftigkeit. Er hatte eine mittelmässige Fertigkeit auf der Flöte: er musste sich in möglichster Eile bei ihrem mann Tag für Tag üben, und wenn Lehrer oder Schüler eine dazu bestimmte Stunde aussetzten, bekamen sie gleich eine derbe Lektion von Madam. Arnold lebte ganz von ihrer