– Der Fürst begegnete mir im Korridor und fragte mich, wohin ich so eilfertig wollte: ich antwortete, und aus der Frage und Antwort wurde ein Gespräch, das ich in der Minute wieder vergass, so geringfügig war es, und bei dem mel weiss, welch schadenfrohes geschöpf es sieht und der Fürstin mit Verschönerungen hinterbringt. Fünf Minuten darauf werde ich zu ihr gerufen und wie ein Delinquent auf Tod und Leben verhört. Ob ich mit dem Fürsten gesprochen hätte? – "Ja." – "Warum? wie lange? was?" – Die fragen waren mir alle schwer zu beantworten, wenigstens musste ich mich vorher lange besinnen, weil ich die Sache nicht für so wichtig hielt, um nur einen Augenblick Aufmerksamkeit darauf zu verwenden: ich erzählte indessen alles aufrichtig, was mir einfiel. Dass sie mir ein Wort geglaubt hätte! Ich sollte wer weiss wieviel heimlich gesprochen haben, das ich mich zu gestehen schämte: ich sollte nicht leugnen, und gleichwohl konnte ich nichts gestehen: also musste ich ganz geduldig die bittersten Verweise und Drohungen über mich ausschütten lassen. "Geh mir aus den Augen!" war die gnädige Beurlaubung.
Ganz ohne einen Schatten von Schuld, um einer wunderlichen Einbildung willen so empfindlich zu leiden war für mich so angreifend, dass ich mich in mein Zimmer verschloss: die Tränen strömten mir aus den Augen, und der Ärger wühlte in allen meinen Eingeweiden herum. Ich wünschte mich mit jedem Pulsschlage auf Dein Bauergütchen in Kummer und Mangel zurück: ich ass dort kümmerlich, aber doch in Freiheit und ohne Unrecht zu leiden: was nützt mir hier der Überfluss, wenn mir jeden Bissen Verdruss, Ärger und Unruhe verbittern? – O wie leicht war alle mein bisheriger Kummer gegen den Schmerz einer so unwürdigen Behandlung!
Die Hauptveranlassung dazu mochte wohl sein, weil sie wider ihren Gemahl aufgebracht war: er hatte ihr kurz vorher widersprochen, und nichts kann sie weniger ertragen als Widerspruch: da sie ihren Zorn an ihm nicht auslassen durfte, nahm sie die nächste gelegenheit und entledigte sich ihrer Galle an mir. Sie ist ausserordentlich argwöhnisch in dem Punkte, worüber sie mit mir zankte; und so artig und gesittet der Fürst spricht, so vermeide ich doch alle Unterredung mit ihm, so sehr es sich ohne Unanständigkeit tun lässt; und gerade muss ich sie nicht vermeiden können, da es am gefährlichsten war! Das Gerüchte geht sehr stark, dass er Madam Dormer seiner Vertraulichkeit würdigen soll: ich habe sie vor dem Unwillen der Fürstin gewarnt, wenn diese Nachricht zu ihren Ohren gelangte; allein sie antwortete mir sehr stolz: "Den Unwillen fürchtete ich nicht, wenn ich sonst Lust hätte, das Gerüchte wahr zu machen." – Sie verlässt sich ein wenig zu sehr auf die Gnade der Fürstin, die ihr freilich sehr gewogen ist, weil sie alle Zeitungen am hof und in der Stadt zusammenträgt. Diese unendlichen Klatschereien, womit sich jedermann in Gunst setzen oder die Zeit vertreiben will, sind mir das Unausstehlichste nächst den Hofnarren, die ohne Narrenkleid so zahlreich herumlaufen: so gut, als wenn man alles unter freiem Himmel täte, wird man beobachtet, und die kleinste Posse läuft gleich von Ohr zu Ohr: in der nächsten Minute weiss schon der ganze Hof, was man in der vorhergehenden gedacht hat.
O lieber Herrmann, wenn Du nicht glücklicher bist als ich, so sind wir's beide nicht. Ich habe meinen Ärger verbeissen und heute schon wieder den ganzen Vormittag um die Fürstin sein müssen: aber ich gab mir nicht die geringste Mühe, meinen Verdruss zu verhehlen, ob es gleich nicht sehr hofmässig ist. Madam Dormer masst sich an, die Aussöhnung bewirkt zu haben, und riet mir, um Vergebung zu bitten. "Weswegen?" antwortete ich. "Dass ich unschuldigerweise ausgehunzt worden bin?" – Sie rümpfte die Nase und ging. Die Frau ist unleidlich hofmännisch geworden. – –
Viertes Kapitel
Unterdessen, ehe noch der Briefwechsel und Ulrikens Unmut soweit kamen, hatten sich auch Herrmanns Umstände geändert. Der verschriebene Gimpel und die verschriebenen Subjekte, unter welchen sich der Herr von Lemhoff einen Sekretär aussuchen wollte, langten an, doch glücklicherweise der Gimpel zuerst. Madam Dormer meldete, sobald es sich tun liess, dem Präsidenten, dass der junge Mensch, den sie ihm neulich empfohlen habe, sich unterstehn wollte, ihm den schönsten Gimpel in Europa zu überreichen. Der Präsident konnte sich mit keinem einzigen Gedanken auf den jungen Menschen besinnen, aber den Gimpel nahm er mit beiden Händen an und konnte die Zeit kaum erwarten, ihn zu sehen. Der Gimpel wurde zu ihm getragen, und Herrmann nahm sich die Ehre, ihn zu begleiten: der Präsident pfiff dem Vogel entgegen, sobald er ins Zimmer kam, und der Vogel hatte soviel Lebensart und antwortete ohne ängstliche Scheu: die pfeifende Unterhaltung wurde auf beiden Seiten mit gleicher Lebhaftigkeit lange fortgesetzt: die Freude war unaussprechlich. Madam Dormer nützte diesen Zeitpunkt und bat um Erlaubnis, den jungen Menschen, der vor der tür wartete, hineinrufen und darstellen zu dürfen: sie wurde ohne Weigerung bewilligt. Herrmann erschien, empfing überaus viele Gnadenbezeugungen und kramte seine kleine Gelehrsamkeit im Fache der Vögel, Wettergläser und der Ökonomie mit so vieler Scharlatanerie aus, als er sich kaum selbst zugetraut hätte: kurz, er gefiel ausserordentlich. Der Präsident versicherte Madam Dormer, dass der Mensch so gescheit sei wie sein Gimpel, und wünschte ihn in seinen Diensten zu haben: