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die Liebe zu einem Fehltritte verleitet hat. Schon der Inhalt der Unterredung brachte mein ganzes Blut in Bewegung, und die grausame Strenge, womit die Fürstin sich wider solche unglückliche Schlachtopfer der Liebe erklärte, machte, dass ich am ganzen leib zitterte. Der Fürst urteilte viel billiger und behauptete, dass sie meistens Mitleiden, aber keine Strafe und noch weniger Hass sicherte mit der grössten Hitze, dass sie eine solche person nicht eine Minute um sich dulden könnte. Ihr Gemahl machte ihr lachend den Einwurf, dass sie nicht wüsste, ob nicht vielleicht alle ihre fräulein und Jungfern solche Personen wären. "Wer weiss", sprach er und wies auf mich, "ob nicht gar dies stille Schäfchen schon einmal Mutter gewesen ist." – "Den Augenblick jagt' ich dich fort, wenn ich nur das mindste dergleichen von dir erführe", sagte sie drohend und entrüstet zu mir. – "Wir haben das arme Mädchen ganz rot gemacht", fing der Fürst nach einer Pause an und sah mir steif ins Gesicht, um mich noch roter zu machen.

– "Für diese wollt' ich wohl selber gutsagen", setzte er hinzu, "das ist die Unschuld, wie sie leibt und lebt." – "Wir wollen's wünschen", gab die Fürstin mit einem Tone zur Antwort, der mich verdross. Meine Angst während der ganzen Unterhaltung kann ich Dir nicht beschreiben; und in solcher Angst schwebe ich fast jeden Tag; denn die Fürstin spricht von keiner Sache lieber und jedesmal mit gleicher Heftigkeit und Barberei. Barberei ist es wirklich, wenn Personen ein so strenges Urteil sprechen, die selbst nie in der Versuchung gewesen sind, noch wegen der genauern unaufhörlichen Aufsicht darinne scheitern können. Ihre Tugend kostet ihnen nichts als das bisschen Kampf wider die Regungen der natur: sie haben nie mit den mannigfaltigen Einladungen der Liebe, mit den überraschenden Gelegenheiten, mit den überwältigenden Eindrücken gestritten, die in jedem niedrigern stand möglich sind: der Vogel im Käfig kann sich freilich rühmen, dass er kein verbotnes Hanfkorn genascht hat. Hätte die strenge Moralistin nur einmal die Gewalt der Liebe und die zauberischen Künste der gelegenheit empfunden wie ich, o wie würde sich ihre richterliche Unbarmherzigkeit mildern! Täglich bin ich auf der Folter: immer fürcht ich, jetzt wird das Gespräch auf deinen Fall kommen; und wenn eine ähnliche geschichte wie die meinige erzählt wird, dann denke ich immer, jetzt wirst du dich verraten: mannigmal bilde ich mir sogar ein, dass die Fürstin meinetwegen so häufig darüber moralisiert. Wie schwer drückt eine verheimlichte Schande! Wie auf Stacheln steh ich, vor Furcht entdeckt zu werden. – –

den 30. November.

Nachgerade fange ich an, mein itziges Leben ein wenig seltsam zu finden. Gestern blitzten und hagelten Verweise und grämliche Reden auf mich herab: nichts konnte ich rechtmachen: wenn ich nur eine Miene verzog, traf mich ein derber Ausputzer; und gleichwohl durft ich nicht vom Flecke gehen, damit üble Laune auslassen konnte. Bald sollt ich das, bald jenes holen lassen: nun kam es nicht hurtig genug: da traf mich das Unglück, dass das Mädchen, welches ich geschickt hatte, nicht fliegen konnte: langte die Sache endlich an, so war ihr die sehnsucht wieder vergangen oder es gab etwas daran auszusetzen: es musste etwas anders geholt werden: unterdessen änderte sich die Lust wieder; hurtig wanderte ein zweiter Bote dem ersten nach, um ihm Gegenordre nachzutragen, und ein paarmal schickte ich dem zweiten einen dritten nach, und wenn sie alle drei ohne Atem wiederkamen, dann hatten sie alle drei den Weg umsonst gemacht. Etlichemal hatte ich alle Leute ausgesandt, die Befehle von mir annehmen: der Fürstin kam eine neue Grille ein, aber ich konnte niemanden auftreiben, dem ich den Auftrag zumuten durfte, ob ich gleich allentalben herumrennte: nun wurde ich ausgezankt, erstlich, dass ich nicht gleich wiedergekommen war; zweitens, dass ich die Leute alle ausgeschickt hatte; drittens, dass alle die ausgeschickten Leute zu langsam gingen. So willkommen ist mir noch kein Abend gewesen als der gestrige, der dem durchschmälten Tage ein Ende machte: wie ein Züchtling, der den ganzen Tag Farbenholz geraspelt hat, begrüsst ich die Nacht und mein Bette.

Heute früh stand der Himmel offen und regnete nichts als Gnade und Freundlichkeit auf mich herab: ich wurde bei allem um Rat gefragt, und was ich vorschlug, gefiel allemal: wie ein Orakel musste ich über die unbedeutendste Kleinigkeit meine Meinung sagen, und meine Meinung war die einzig richtige in der ganzen Christenheit: ich hätte ihr raten können, die Schuhe an die hände zu ziehen, und es wäre gewiss geschehen. Jeden Augenblick liess sie mich zu sich rufen: gestern jagte mich die üble Laune herum und heute die grosse Gnade. Den Beschluss machte ein sehr ansehnliches Geschenkein vortreffliches Kleid und Geld, das ich nicht besser anwenden kann, als wenn ich Dir's mit diesem Briefe überschicke. Könnt ich Dir jeden Tag soviel verdienen, so trüg ich jeden Tag mit Freuden so eine Tracht üble Laune wie gestern.

den 9. Dezember.

Himmel, das ist nicht auszuhalten: ich entlaufe. So ist keine Viehmagd in ihrem Leben ausgescholten worden wie ich vor zwei Tagen: mein Herz bebt mir noch vor Ärger: ich glaubte, ein Gallenfieber zu bekommen, so übel hab ich mich seitdem befunden; und kannst Du Dir einbilden, warum?