Fürstin sein und ihr aus einem Romane oder andern Büchern erzählen. Sie gibt mir das Lob, dass ich sehr gut erzähle; und sie hat das eigne Unglück, dass sie weder selbst lesen noch vorlesen hören kann: sie lässt also die Bücher kaufen, ich muss sie lesen und ihr das Gelesene wiedererzählen. "Es klingt nicht so natürlich in den Büchern", sagt sie, "als wenn mir's jemand mündlich erzählt." – Am liebsten hört sie Feenmärchen und Gespensterhistorien: je ungereimter und abenteuerlicher, je lieber: ich habe die Zeit her des Zeugs so viel lesen müssen, dass ich alle Nächte von Ogern, Kobolden, Hexen, bezauberten Prinzessinnen und geflügelten Drachen träume. Von den Büchern, wo sich die Leute lieben und heiraten, will sie gar nichts hören: das nennt sie Alfanzerei, verliebte Possen. Aus Trauerspielen lässt sie sich am liebsten erzählen, wenn sie recht grässlich sind: im Komischen sind Holberg und Molière ihre Leibautoren, aber der letzte nur szenenweise. Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen lässt, muss das Buch französisch und nicht stark sein. Nichts wundert mich so sehr, als dass sie im Französischen für die besten Sachen, und im Deutschen nur für die schlechten Geschmack hat: ich stimme überhaupt selten mit ihren Urteilen überein, ob ich es gleich nicht merken lassen darf: was mir nur mittelmässig scheint, hält sie immer für das schönste. Am höchsten steigt meine Verwunderung, wenn sie sich mit einen von den privilegierten Narren abgeben und über ihre plumpen Einfälle lachen kann, als wenn es die sinnreichsten Bonmots wären: der Apoteker und einer von den Laufern müssen sich zuweilen in ihrer Gegenwart schrauben, wie es hier genennt wird, und die Schrauberei geht oft so weit, dass der eine dem andern einen Bart macht, ein Bein stellt oder ihn mit Kot bewirft, dass er nicht aus den Augen sehen kann. Mein Unglück ist es, dass ich die Widrigkeit, die ich bei solchen Lustbarkeiten empfinde, unterdrücken und noch obendrein mitlachen muss. – – –
den 16. November.
– Die Fürstin ist wirklich eine vortreffliche Frau und hat sich heute so sehr in Gunst bei mir gesetzt, dass ich ihr ihren übeln Geschmack in den Vergnügungen herzlich gern vergebe. Sie fuhr spazieren, und ich musste sie begleiten: wir stiegen aus, um in dem Sonnenscheine herumzugehn, den sie ungemein liebt. Ein Bauer näherte sich uns und bettelte. "Warum bettelt Ihr?" fragte die Fürstin, "Ihr seid ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung." – "Das will ich Ihr wohl sagen", antwortete der Bauer, "aber Sie muss mich nicht verraten. Unser Amtmann straft gern; und wenn man nur einen Schritt der Quere tut, so rasselt gleich der Amtsdiener an der Haustür. Ich hab ihn, mit Ehren zu melden, einen Scheisskerl geheissen, und dafür soll ich ihm zwei Taler bezahlen. Sie ist ja die Fürstin: sag Sie doch dem Amtmanne, dass er mich ungeschoren lässt: aber er riecht das bisschen Geld, das mir's also von Ihr ausbitten, dass Sie bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für mich einlegen möchte, Frau Fürstin, damit er mir nachsieht und mich nicht pfänden lässt: ich will's herzlich gern wieder gleichmachen." – Die Fürstin lächelte und befahl mir, ihm zwei Taler zu geben. "Da!" sprach sie, "bezahlt Euerm Amtmanne den Ehrentitel, den Ihr ihm gegeben habt." – "Ach!" sagte der Bauer äusserst treuherzig, "Sie gibt sich gar zu viele Mühe. Hat Sie kein schlechter Geld? Dies ist für den Amtmann zu gut. Sie tut sich aber doch auch keinen Schaden, wenn Sie mir soviel Geld gibt?" – Eine so originale Mischung von Einfalt, Treuherzigkeit und bäuerischem Witze veranlasste die Fürstin, dass sie sich lange mit dem Menschen unterhielt: er gab ihr etliche Aufträge an den Fürsten, dass er ihm die Felder nicht vom Wilde möchte abfressen lassen und die Saat nicht mit der Falkenhetze zugrunde richten. Die Fürstin entledigte sich des Auftrages, und die Falkenhetze wurde stark belacht: ob die Erinnerung etwas fruchten wird, steht dahin, wiewohl der Fürst solche offenherzige Beschwerden der ländlichen Einfalt sehr wohl aufnimmt.
Weil ich mich so gut auf Ökonomie verstehe, bin ich die Almosenpflegerin geworden, und jeder arme in der ganzen Stadt, der sich des Bettelns schämt oder seine Dürftigkeit nicht bekanntwerden lassen will, meldet sich bei mir und empfängt wöchentlich so vielen Zuschuss, als die Armenkasse verstattet, worüber ich Rechnung führen muss. Für mich ist dies die liebste unter allen meinen Beschäftigungen: nur schade, dass die monatliche Summe, die ich in meine Kasse empfange, zu klein und die Zahl der Armen zu gross ist! die Portionen werden etwas klein: aber ich halte alle Tage um Vermehrung an, und ich hoffe, sie zu bekommen. Niemand weiss ausser der Fürstin und mir, wer aus meiner Kasse etwas erhält: ich freue mich die ganze Woche auf den Sonnabend, wo meine Vögelchen sich jedesmal ihr Futter holen.
den 22. November.
– O Heinrich, in welcher Verlegenheit bin ich heute gewesen. Fürst und Fürstin sprachen zusammen: ich stunde an der Seite, ohne auf ihr Gespräch zu hören: auf einmal wurde es äusserst lebhaft, und wie ich meine Aufmerksamkeit darauf richte, höre ich, dass sie von Mädchen sprechen, welche