mich rechte Mühe kostet, den Abstand zwischen ihr und mir nicht zu vergessen: sie beschenkt mich dass ich es mit Dir teilen könnte! Freilich ist sie sich sehr ungleich, und in ihren trüben Launen bekömmt man so viele empfindliche Bitterkeiten als Liebkosungen und gnädigste Freundlichkeiten – wie mein Mädchen sich ausdrückt – in den heitern Stunden. Das bin ich von Onkel und Tante noch gewohnt: die Gnade geniess ich wie den Sonnenschein; ich wärme mich daran und bin munter und vergnügt, dass die liebe Sonne so hübsch warm scheint: kommt ein Donnerwetterchen der Ungnade, ein Platzregen, ein wenig Schnee mit kleinem Hagel vermischt- 'immerhin!' denke ich; 'es regnet und hagelt und donnert ja nicht das ganze Jahr: wenn das Übergängelchen vorbei ist, will ich mich wieder an der Sonne trocknen.' – Also steh ich unbeweglich und gefühllos da wie ein Baum und lasse mich geduldig nass- und vollregnen: komm ich zu meinen beiden Freundinnen, dann wird das Herzeleid weggetanzt, weggesungen, weggeplaudert. Ich habe Dir schon einmal geschrieben, dass die jüngste unter meinen Kolleginnen entsetzlich wild ist: bis zur Unerträglichkeit ist sie es zuweilen: die Alte spielt alsdann die weise Hofmeisterin und lehrt und ermahnt so lange, bis sie von der Lustigkeit angesteckt wird und die tollen Streiche mitmacht, die sie vorher verboten hat. fräulein Ahldorf – das ist die Jüngste – hat eine ganz eigne Neigung, auf Steckenpferden zu reiten: jeder Stock, der ihr in die hände kommt, muss ihr zum Steckenpferde dienen: auf Stecken reiten, Rosinen und Mandeln aus der tasche essen und sich über die Leute aufhalten, sind die drei Hauptzüge ihres Charakters. Ehegestern traf ich sie bei einem solchen Ritte an: sie trabte auf dem Blondenstocke in dem Zimmer herum, die alte Limpach sass am Tische und arbeitete und kiff und brummte über das Reiten wie sonst meine Gouvernante Hedwig: wenn das Knurren gar zu unleidlich wurde, legte ihr die Ahldorfin bei dem Vorbeireiten eine Rosine oder Mandel auf den Tisch, die die Alte wie ein Eichhörnchen aufpickte, und solange sie mit dem Essen beschäftigt war, welches bei ihr etwas langsam zugeht, schwieg die Strafpredigt. Endlich, da das Knurren gleich wieder anging, sobald die Bestechung verzehrt war, hatte die Ahldorfin die Bosheit und bot ihr einen Schecken, wie sie den weissen Stock nennte, zu einer Kavalkade an: die Alte stritt und schmälte und wehrte sich wie vor einem Verbrechen; aber die boshafte Ahldorfin, die sie kennt, drang so lange in sie, bis sich die Gesetzpredigerin bereden liess und einen kleinen Trab versuchte: so geht's der schwachköpfigen Alten jedesmal, dass sie sich am Ende für ihre heilsamen Lehren auslachen lässt. Um das Gelächter zu vermehren, kam der Goldmacher dazu, der Altgesell in des Obersten Fabrik: der elende Mensch ist der allgemeine Narr des ganzen Hofs: sobald er erscheint, führt die Ahldorfin ihre Steckenpferde gleich in den Stall, um ihn herumzutummeln. Das Mädchen hat alle kriegerische Neigung von ihrem Vater geerbt, der, glaube ich, General gewesen ist; denn sie spielt mit nichts lieber als mit Soldaten und Kanonen. Der Apoteker, der ein Tausendkünstler sein will, bringt ihr immer ganze Taschen voll Musketiers, Grenadiers, Reiter und Kanonen, aus Kartenblättern geschnitten: das alte Kind stellt alsdann mit der Ahldorfin die Kartenarmee in Schlachtordnung, und sie brauchen Erbsen statt der Kanonenkugeln, womit sie auf die armen Papiermänner losfeuern, dass sie Hals und Beine brechen: sind die beiden feindlichen Heere sämtlich daniedergeschossen – denn gewöhnlich kommt auch nicht ein Mann mit dem Leben davon –, so kanonieren sich die beiden Heerführer, und der arme Apoteker zieht meistens den kürzern: wenn seine Gegnerin ihre Erbsen verschossen hat, wirft sie ihm Rosinen, Mandeln, Schnupftuch, Schere und was sie sonst in den Schubsäcken oder in der Nachbarschaft um sich findet an den Kopf: für die Limpachin ist dieser letzte teil der Komödie der interessanteste, und sie beweist sich ausserordentlich geschäftig dabei. So vertreiben wir uns die Zeit in den itzigen ewigen Winterabenden: zuweilen wird Blindekuh oder ein andres Spiel von diesem Schlage gemacht; aber bei jedem ist der Apoteker die lustige person, auf dessen Unkosten gelacht wird. Mir ist der Mann dadurch, dass er sich mit so grossem Vergnügen von jedermann zum Narren gebrauchen lässt, äusserst verächtlich geworden: er macht freilich den weisen Unterschied, dass er niemanden Spass mit sich treiben lässt, der nicht wenigstens von Adel ist; aber er kommt mir wegen dieses Unterschiedes nur noch kleindenkender und armseliger vor, weil er von der Würde eines Menschen gar kein Gefühl haben muss. Ich kann nicht mit ihm reden; und er nimmt mir's sogar übel, dass ich ihn nicht zum Narren habe, und schilt mich deswegen stolz. Überhaupt weiss ich nicht, warum ich hier allgemein für stolz gehalten werde: bin ich's denn wirklich? Bei dem Onkel tadelte man mich beständig, weil ich zu lustig und zu gemein sein sollte; und hier muss ich mir unaufhörlich Stolz und Ernstaftigkeit vorrücken lassen. Freilich ist es wohl war, ich muss mich meistens zum lachen zwingen, wenn die andern beinahe den Atem verlieren, und mit den Leuten wie der Apoteker, deren es hier eine Menge gibt, kann ich mich unmöglich einlassen: sie sind so plump oder so dumm, dass sie mir zu ekelhaft werden, um etwas Lächerliches an ihnen zu finden. Zum Glücke muss ich oft bei der