vorgeschlagnen Subjekts von dem Obersten Holzwerder selbst erfahren habe, aber demungeachtet wollte er vorsichtig verfahren und seine Entschliessung noch ein halbes Jahr verschieben. Madam Dormer bat um Erlaubnis, ihren Klienten zeigen zu dürfen: – "Das ist nicht nötig", war die Antwort. Sie liess das Gespräch sogleich fallen und erkundigte sich sehr ehrfurchtsvoll nach des Herrn Präsidenten Turteltauben: sie musste sie in eigner person besuchen. – "Der junge Mensch", fing sie an, "von dem ich vorhin sagte, wird für Ihre Täubchen sehr brauchbar sein, wenn er noch die Gnade erlangt, in Ihre Dienste zu kommen: er hat überhaupt starke Kenntnisse von den Vögeln und besitzt auch sehr viele Geheimnisse, ihre Krankheiten zu heilen, verlorne Stimmen wiederzuschaffen, und besondre Geschicklichkeit, den Pips zu benehmen." – "Was?" rief der Präsident, "den Pips zu benehmen? das weiss er? Er soll kommen, gleich zu meinem Kanarienvogel kommen: das arme Tier hat ihn auf den Tod. Er muss ein kluger Kopf sein." – "Allerdings!" antwortete Madam Dormer. "Er hat sich auf dem land mancherlei Kenntnisse dieser Art erworben: er ist stark in der Ökonomie."
Der Präsident. Ökonomie versteht er? Das ist ja ein Mensch, wie ich ihn haben will. Er muss ein gescheiter Kopf sein.
Madam Dorner. Eine Zeitlang hat er sich auch mit Wettergläsern abgegeben –
Der Präsident. Auf die Wettergläser versteht er sich? Das ist mir gerade recht: ich habe jetzt nur vier aufgestellt, aber ich kann doch nicht damit herumkommen, und mein Schreiber bringt mir beständig falsche Beobachtungen. Der Mensch ist auf die Art recht für mich gemacht: es muss ein gescheites Kerlchen sein. Es tut mir recht leid, dass ich ihn nicht gleich annehmen kann: aber ich habe unterdessen nach Leipzig, Göttingen und Altorf geschrieben, dass man mir auf diesen berühmtesten Universitäten die besten Subjekte aussuchen und vorschlagen soll; denn ich möchte doch gern einen ganzen Kerl haben, der in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist: die Ökonomie muss er aus dem Fundamente verstehn; in der Physik, Matematik und Jurisprudenz muss er völlig zu haus sein, eine hübsche, leserliche Hand schreiben, ein paar Sprachen sprechen, besonders lateinisch und französisch – denn in den Sachen, die er mir abschreiben muss, kommen sehr oft lateinische und französische Wörter vor –, und hauptsächlich sich auf Wettergläser und Vögel verstehen.
Madam Dormer. Aber Sie brauchen so notwendig einen Sekretär –
Der Präsident. Ja, das sehe ich nunmehr wohl ein: ich habe mir vorher gar nicht eingebildet, dass er mir so nötig ist: aber ich muss doch warten, bis die Subjekte von den drei Universitäten ankommen, damit ich das Auslesen habe und dasjenige wählen kann, das in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist. Ich gebe einen ansehnlichen Gehalt: er soll jährlich vierzig Taler bekommen, und wenn er noch ein paar Wissenschaften mehr versteht, als ich verlangt habe, kommt es mir auf zehn Taler nicht an: alsdann soll er funfzig haben. –
Ob man gleich das Gespräch noch eine kurze Zeit in diesem Tone fortsetzte und darauf dem Gimpel einen Besuch abstattete, mit welchem der Herr Präsident um die Wette pfiff, so konnte doch Madam Dormer für diesmal mit allem ihrem Betreiben nicht weiterkommen Desto glücklicher war der Oberste bei der Fürstin: er nützte eine ihre guten Launen, als sie sich auf einem Vorwerke befand, wo sie mit den ländlichen Beschäftigungen zuweilen so angenehm spielte wie Ulrike sonst auf ihrem Bauergütchen und jedesmal so aufgeräumt war, dass sie nichts abschlagen konnte: sie gewährte dem Obersten ohne alle Weigerung sein wohlabgepasstes Ansuchen und befahl auf der Stelle, die Baronesse herauszuholen, welches auch ohne Verzug geschah. Ulrike war mit der Landwirtschaft besser bekannt als die übrigen beiden Hofdamen, deren Kenntnisse sich nicht über die Milch erstreckten, von welcher sie die Sahne zum Kaffee abschäumten; und durch die Emsigkeit und Erfahrenheit, womit die neue Hofdame alles angriff, gewann sie in einem Nachmittage die völlige Gnade ihrer Gebieterin. Die Gesichter der beiden weniger erfahrnen fräulein wurden von Minute an so übertrieben süss wie ihre Herzen bitter: allein da Ulrike die Herzen nicht sehen konnte, pries sie sich in ihrem neuen Posten darum glücklich, weil sie die Gnade ihrer Fürstin und die Freundschaft ihrer Kolleginnen besass.
Sonach war Herrmanns Vergnügen schon wieder aus: so eingeschränkt und gezwungen auch sein Umgang mit Ulriken bisher gewesen war, so sah er sie doch täglich und konnte zuweilen durch versteckte Reden und verstohlne Blicke die alte Vertraulichkeit erneuern. Das Polieren der Dendriten wurde ihm nunmehr langweilig und der Oberste mit ihm unzufrieden, weil sein Fleiss erkaltete: Madam Dormer vermochte mit aller Kunst und Verschlagenheit nichts über den Präsidenten: der Gimpel, nach welchem sie geschrieben hatte, blieb auch ewig aussen: wer sollte in solchen Umständen nicht verdriesslich werden? Was Herrmanns Verdruss erleichterte, war der Umgang seiner Wirtin und ein geheimer Briefwechsel mit Ulriken, wobei Madam Dormer das Postwesen besorgte. Aus den vornehmsten, die Ulrike schrieb, sollen hier solche Stellen einen Platz finden, die Schilderungen ihrer gegenwärtigen Lage und der Personen entalten, die auf ihr künftiges Schicksal den meisten Einfluss haben werden.
den 6. November.
– – Es lebe der Hof. So glücklich bin ich noch nie gewesen als jetzt – versteht sich, insofern ich's ohne Deinen Umgang sein kann! Die Fürstin begegnet mir so vertraulich, mit so freundschaftlicher Zärtlichkeit, dass es