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Weise, wie sie der Graf befriedigte, sogar bei sich herab: er wurde also notwendig nach den Dingen hingetrieben, die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt, nach guten, edlen, nützlichen Handlungen: die Spiele seiner ersten Jahre mit den römischen und griechischen Gipfköpfen, wo er so viele politische Anordnungen und Staatsgeschäfte besorgte, bestimmten gewissermassen die Art der guten und nützlichen Handlungen, das Feld, wo er glänzen wollte. Die Verachtung, worinne er nach dem vorübergerauschten Taumel der hochgräflichen Gewogenheit seine Jugendjahre zubrachte, gab ihm immer mehr Geringschätzung der äusserlichen Vorzüge und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung, die sie bereits anderswoher empfangen hatte. Die republikanischen Ideen, die er aus seiner Lektüre in seinen Gipssenat übertrug und seiner Phantasie so geläufig machte, dass er mit der lebhaftesten Teilnehmung Empörungen dämpfte, Rebellen züchtigte, gesetz vortrug und verwarfdiese beständige Wachsamkeit über Angelegenheiten eines so grossen Körpers wie das römische Volk: die Handlungen der Antonine, der Titus, der Marc Aurele, die halbe Welten beglücktenalle diese Ideen erweiterten immer mehr den Zirkel, den die Imagination seiner Tätigkeit vorzeichnete.

Seine so erzeugte, so gebildete, so gelenkte, so gestärkte Ehrbegierde musste unter den Schicksalen, die ihn nach seiner Entfernung von des Grafen schloss trafen, unaufhörliche Neckereien ausstehen: bald rief sie ein günstiger Sonnenblick aus ihrem Winkel hervor, und gleich musste sie vor einem Unglück oder einer andern leidenschaft wieder zurückkriechen: durch solche unaufhörliche Krisen wurde sie mitten unter der herrschaft der Liebe und des Vergnügens wach und munter erhalten. Jetzt waren die Begeisterungsszenen der Liebe fast alle durchlaufen: er wusste, wieviel Wahres und wieviel Einbildung in ihren Freuden ist; Not und Verleg enheit hatten ihn das Verhältnis ihrer Täuschungen zu der wirklichen Welt ausser ihm gelehrt: was war natürlicher, als dass die Ehrbegierde, die bisher nur als Dienerin und allein zum besten der Liebe gearbeitet hatte, sich jetzt nach gemindertem Widerstande zur Selbsterrscherin in seiner Seele erhob und die Liebe unter sich erniedrigte? – Man kann nicht entschlossner sein, als er es unmittelbar nach der Durchlesung jenes Briefes war, dem Rufe, den er entielt, nicht zu folgen.

sonderbar, dass jetzt die Liebe dem Ehrgeize so hülfreich die hände bot, als der Ehrgeiz vorher der Liebe gedient hatte! Der nämliche Brief eröffnete auch seiner itzigen herrschenden Neigung eine schmeichelhafte Aussicht, die er bei dem ersten Durchlesen desselben ganz übersah: er gab ihm Hoffnung zu einem platz bei einem Präsidenten, der ein ganzes Land eigenmächtig regierte: wozu konnte ein solcher Platz nicht führen? – Kaum hatten seine Gedanken diesen Pfad betreten, so lief schon seine Einbildungskraft auf ihm bis ins Unendliche fort: so entschlossen er anfangs war, nicht an einen Ort zu gehen, wo die Liebe seinem Emporkommen Eintrag tun könnte, so notwendig, so heilsam schien es ihm nach einer zweiten Überlegung, diesem Orte sobald als möglich zuzueilen. "Der Zwang, welchen wir unsrer Liebe auferlegen müssen, wird sie in den Schranken halten, die Ulrikens Glück und das meinige fodert", sagte er sich zu seiner Bestärkung in dem neuen Entschlusse, brachte eilfertig seine Angelegenheiten vollends zustande, nahm von fräulein Hedwig und seinem Vater Abschied und begab sich auf die Reise.

Er hatte im ersten Feuer seiner Entschliessung nicht bedacht, dass Madam Dormer die vormalige Vignali war, in welchem Verhältnisse er ehemals mit dieser Frau stunde und mit welchen Gesinnungen er sich in Berlin von ihr schied. Kurz vor der Ankunft fiel ihm dies erst ein, und noch mehr fühlte er es bei dem Empfange: doch Madam Dormer hatte nicht aufgehört, Vignali zu sein, sondern wusste immer noch mit ihrer vorigen Feinheit ihre Empfindungen zu verbergen, eine entgegengesetzte Miene anzunehmen und andern eine solche Gemütsverfassung mitzuteilen, als sie haben sollten. Sie schwatzte Herrmanns misstrauische Zurückhaltung sehr bald hinweg und stimmte ihn auf den weniger vertraulichen, aber offnen, ungezwungnen Ton, den er jetzt gegen sie annehmen sollte. Sie lehrte ihn die Kunst, Dendriten zu polieren, und verschaffte ihm einen, der die Schlacht bei Molwitz nach dem Leben vorstellen sollte, machte den Obersten begierig, den Besitzer dieses seltnen Kunstwerks kennenzulernen, und der Weg zu Ulriken war offen: der Oberste fand zwar diese Vorstellung seiner Lieblingsschlacht weniger natürlich als die andre, die er schon besass, zweifelte sogar, ob sie es sein möchte, allein er nahm doch den Stein mit vielem Danke an und bezeugte dem Geber des Geschenkes überaus viele Gewogenheit, die sich durch Herrmanns warmen Eifer für die edle Polierkunst und die weitläuftigen Kenntnisse, womit er prahlte, täglich vermehrte: der Oberste freute sich, ein so tüchtiges Subjekt in seine Werkstatt zu bekommen, nahm ihn wie einen wandernden Gesellen in Arbeit und lobte allentalben, ohne weitre Beweise, den grossen Kopf und die herrliche Talente dieses Fremden. Weil in dem kleinen Städtchen der gute und böse Ruf eines Menschen den Umlauf in einem Nachmittage so völlig machte, als wenn er von der Kanzel verlesen worden wäre, so wies man schon den andern Tag, nachdem Herrmann des Obersten Bekanntschaft gemacht hatte, mit Fingern auf ihn, und bei hof und in der Stadt wurde allgemein von nichts als dem neuangekommnen Menschen mit dem grossen, gescheiten kopf gesprochen: die Mädchen lauerten an den Fenstern auf ihn, und die Mannspersonen gingen aus, um ihm zu begegnen. Madam Dormer tat das ihrige redlich, die allgemeine Aufmerksamkeit bei Leben zu erhalten, und erinnerte den Präsidenten bei der nächsten gelegenheit an sein Versprechen: er gestand zwar, dass er die Wundergaben des