dass ich zuweilen recht verlegen bin, wie ich sie genug wiederlieben soll – alles das hat Deine Ulrike so munter, so fröhlich gemacht, dass man denken sollte, es fehlte mir nichts; und doch fehlt mir alles – Du!
Leider! müssen wir einmal wieder fremd gegeneinander tun, wenn Du zu uns kömmst! Es ist doch etwas Unglückliches in der Welt, dass man nie eine Freude ganz geniessen kann: immer darf man nur auf den Raub kosten und muss dabei sich umsehn, ob es jemand gewahr wird. Madam Dormer wird Dich im Polieren der Dendriten unterrichten und bei dem Obersten bekannt machen, und dann wirst Du mein Mitgeselle: was kann erwünschter sein? Es ist mir zwar nicht recht, dass Du bei der Dormerin wohnen sollst: die verführerische Frau – schon wieder Misstrauen? und ich hab es doch ganz aus mir verbannen wollen! Nein, Du sollst bei ihr wohnen; und wenn ich nur ein misstrauisches Wort wieder äussre, so strafe mich! Du sollst um und mit mir leben: wie ich stolz sein will, wenn Dir Liebe und achtung von allen Seiten entgegenkömmt! Die guten Leute, die ich hier kenne, werden Dich zu ihrem Abgotte machen; und wie das wohltun muss, wenn man statt des Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet! als wenn man aus der tiefsten Finsternis ans helle Tageslicht kommt! Ich möchte jedermann küssen, der mir nur zu Gesicht kommt, seitdem mir Madam Dormer die glückliche Nachricht gebracht hat, dass Dich der Präsident annehmen will. Es muss ein vortrefflicher Mann sein, der Präsident: die Leute sprechen zwar nicht gut von ihm, aber die Leute sind nicht gescheit. Zu fuss möchte ich ihm fallen, so viele Hochachtung und Ehrfurcht fühle ich für den göttlichen Mann; und Madam Dormer! – mein herz hüpft ihr entgegen, wenn ich nur ihren Namen denke: dem Obersten möchte ich um den Hals fliegen, und selbst den Apoteker hab ich so liebgewonnen, dass er mir viel hübscher vorkömmt, als sonst. O welche Wonne, unter so braven Leuten zu wohnen, die man lieben kann! und wenn nun vollends der Bravste, der Schönste, der Beste unter allen, mein kleiner Abgott, dabeisein wird – o dann brauchen wir gar nicht erst zu sterben, um in den Himmel zu kommen: wo man alle Menschen liebt und von allen geliebt wird, da ist er. Komm! fliege! in diesem Himmel erwartet Dich
Deine glückliche Ulrike.
Drittes Kapitel
Herrmann wurde weniger durch den Ton dieses Briefes aufgeheitert als in dem Entschlusse, Ulriken zu meiden, befestigt: er wusste sie glücklich oder doch solchen Umständen nahe, die sie vor Not und Bekümmernis schützten: was verlangte er weiter zu seiner Ruhe? – Er hatte in keiner gesetzmässigen Ehe mit ihr gelebt; nur wenige Personen wussten um das Geheimnis ihrer Niederkunft; der Zeuge, der es offenbaren konnte, war nicht mehr am Leben: was hinderte also eine Trennung, wenn Ulrikens Glück sie foderte? – Die bisherigen Schicksale hatten seiner Vernunft die Augen geöffnet und so sehr emporgeholfen, dass die Liebe zwar zuweilen wider sie murrte, aber doch nicht mehr allein das Wort in seiner Seele führte; er liebte also Ulriken mehr mit verstand als leidenschaft, und das Verlangen nach ihrem Besitze war dem Wunsche für ihr Wohlsein untergeordnet; er sah deutlicher als jemals ein, dass sie dies Wohlsein von jeder Hand eher als von der seinigen empfangen konnte: wenn musste ihm also eine Trennung weniger schwer werden als jetzt?
Nächstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Ökonomie und in den sechs Wochen seines Witwerstandes der Ehrgeiz wieder bei ihm emporgearbeitet: er fühlte, dass seine Kräfte weit über alles waren, was er bisher tat und unternahm: Vergnügen, Spiel, Liebe füllten seine Tätigkeit nicht ganz aus. Er selbst war bei allen bisherigen Entwürfen, Empfindungen und Handlungen das letzte Ziel gewesen; und gleichwohl hatten die Beispiele grosser berühmter Männer und die darauf gestützten Grundsätze, die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend vorlegte, ihn eine weitere Sphäre kennengelehrt, wo man wirkung ausser sich verbreitet, wo für den Vorteil andrer durch unsre Tätigkeit etwas entsteht, wo nicht bloss zwei oder drei Menschen erkennen und empfinden, dass wir da sind, sondern tausend und mehrere den Einfluss unsers Daseins fühlen. – Er hatte bis in sein sechzehntes Jahr den Grafen Ohlau als die Seele eines ganzen Hauses Befehle austeilen und Anordnungen machen sehen: wie sollte sich in seinen tätigen Geist nicht die Begierde, zu herrschen, eindrücken? die Begierde, andre Menschen, wo nicht nach seiner Vorschrift, doch wenigstens nach seinem Muster denken, empfinden, reden, handeln zu sehen? – Die Pracht des Grafen, seine Gewohnheit, alles mit Feierlichkeit oder aufsehen zu tun, teilte der richtiger gestimmten Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht, zu schönen Equipagen, wohlbesetzten Tafeln und ähnlichen Herrlichkeiten mit, aber doch das Verlangen, durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. – Die Wichtigkeit, womit ihn die Gräfin anfangs behandelte, erweckte und nährte in ihm die eigne idee von seiner Wichtigkeit; und da ihn in der Folge wegen seiner geringen Umstände niemand wichtig finden wollte, so wuchs der Wunsch, es zu werden, desto mehr in ihm. Der Mangel an Vermögen und Geburt liess es ihm gar nicht einkommen, alle diese Wünsche und Begierden auf die nämliche Weise wie der Graf Ohlau befriedigen zu wollen: halb aus Neid setzte er die