ging sie so weit, dass sie sich ganze halbe Tage in einem abgelegenen Pavillon im Garten verschloss, ohne dass jemand wusste, wohin sie war.
Plötzlich, wie ein Fieber ausbleibt, stunde bei der Gräfin ihre leidenschaft für den Knaben still: ohne die mindeste Veranlassung, sogar ohne die mindeste Unzufriedenheit mit ihm erlöschte ihre Zuneigung: es wurde ihr lästig, ihn beständig um sich zu haben, beschwerlich, sich mit ihm abzugeben, selbst unangenehm, ihn zu sehen. So schöpfte sie meistenteils im Anfange jeder leidenschaft das Herz mit so vollen überlaufenden Eimern aus, dass auf einmal eine gänzliche Trockenheit entstand: allmählich begann die ausgetrocknete Quelle wieder zu fliessen, und nunmehr ward erstlich eine vernünftige, gemässigte Neigung daraus, die die Zeit weder vermehrte noch verminderte, die nie strömte, sondern nur zuweilen auf kleine Zeiträume anschwoll und dann zu einem stillen, ordentlichen Laufe wieder zurückkehrte.
Heinrichs Glück war es, dass das erste Aufschwellen ihrer Liebe bei ihm sobald vorbeischoss: er wäre der verzärteltste, eingewilligste, unleidlichste Bursche durch die geworden. – Um sich seiner zu entledigen, übergab sie ihn dem jungen mann, den der Graf für den Unterricht der Baronesse besoldete. Er hiess Schwinger.
Zweites Kapitel
Soviel Glück es für den kleinen Herrmann war, in die hände seines neuen Lehrers zu geraten, soviel Freude verursachte es diesem, die Laufbahn seiner Unterweisung und seines pädagogischen Ehrgeizes dadurch erweitert zu sehen. Er war einer von den Unglücklichen, denen die natur viele Kraft und das Schicksal nichts als unwichtige Gelegenheiten gibt, sie zu äussern: Talente und Ehrbegierde bestimmten ihn, ein Volk zu regieren, und weil sich kein Volk von ihm regieren lassen wollte, so regierte er – Kinder. Um ihn noch mehr zu tücken, nötigte ihn sein widriges Geschick, den Platz in dem haus des Grafen anzunehmen und in dem engern Kreise, der dem Unterrichte eines Frauenzimmers meistenteils vorgezeichnet wird, wie ein Vogel in dem Rade, womit er sich einen Fingerhut voll wasser aufzieht, umzulaufen. Ein Pferd, das gern mit gestrecktem Galopp über Felder, Hügel, Tal und Berg in die weite Welt dahinrennen möchte und gezwungen wird, täglich in einem Zirkel von etlichen Ellen im Durchschnitte sich herumzudrehen und einerlei Bewegungen zu wiederholen, kann nicht so bäumen, so brausen und von dem innerlichen niedergehaltenen Feuer geängstigt werden als dieser arme Jüngling, zumal da seine Schülerin mehr einen lebhaften als wissbegierigen, mehr einen unternehmenden als fähigen Geist hatte, bei wenig Lust auch nur wenig in ihrer Wissenschaft fortrückte und in nichts merklich zunahm als im Briefschreiben, worin sie frühzeitig ungewöhnliche Fertigkeit und eine angenehme fliessende Sprache erlangte. Er wollte ausser sich wirken, pädagogische Lorbeern einsammeln und hatte kein Feld, wo er sie pflücken konnte: Mut, Geist und Nerven erschlafften in ihm: er verzehrte sich selbst.
Er sass eben, als ihm die Gräfin ihren entsetzten Liebling übergeben wollte, voll trüber unruhiger Empfindungen im Garten der Einsiedelei – einem düstern Tannenwäldchen, dessen schlanke Bäume so dicht aneinander standen, dass ihre verschlungnen Wipfel fast nie einen Strahl Tageslicht durchliessen. Mitten unter ihnen hatte man auf einem leeren platz einen künstlichen Berg aufgeworfen und eine Höhle hineingewölbt, deren Wände mit Moos überzogen waren und beständige Kühlung gewährten. Nicht weit davon machten zwei Mühlen ein angenehmes Getöse, und wenn man in der Höhle sass, erblickte man durch die glatten Stämme der Tannen den blinkenden Wassersturz eines Wehrs, der wie ein augespanntes Tuch mit einem hohlen Brausen herniederschoss. Jedermann im ganzen haus des Grafen, den geheimer Kummer, Vapeurs, Hypochondrie oder schlechte Verdauung quälte, flüchtete an diesen Schutzort der Melancholie, und niemand, wenn seine Wunde nicht zu tief in der Seele sass, ging leicht ungetröstet hinweg: die einförmige Musik des Wassers und die totstille Finsternis wiegten sehr bald in einen sanften Schlummer ein, der Herz und Nerven erquickte.
Die Gräfin suchte damals diese Zuflucht, um sich vor der Langeweile zu schützen, die gewöhnlich bei ihr und vielleicht bei jedem Menschen den Zustand begleitete, wenn sie eines Vergnügens überdrüssig war und, wie auf Stahlfedern, mit einem unbestimmten Verlangen nach Neuheit hin und her schwebte. Sie fand alsdann nirgends Ruhe: alles war ihr zuwider: ängstlich irrte sie aus dem Zimmer in den Garten und aus dem Garten in das Zimmer, fing zehn arbeiten an, beschäftigte sich mit jeder einige Minuten und warf sie weg, fütterte die indianischen Hühner ein paar Augenblicke und warf ihnen ungeduldig das ganze Brot vor die Füsse, sah ihre Gemälde, ihre Kupferstiche durch und gähnte, blickte in ein Buch, las zwei Zeilen und legte es gähnend neben sich, holte ein anders und schlief ein. In einem solchen Gemütszustande kam sie jetzt in den Garten, ihr bis zur Sättigung geliebter Heinrich, der sie eben in jene unruhige Langeweile versetzt hatte, ging hinter ihr drein, einen teil von Gessners Schriften unter dem arme, die sie unter allen deutschen Produkten des Geschmacks allein und gern las. Ihre Füsse trugen sie von selbst zu dem Tannenwäldchen und der Einsiedelei, wo sie Schwingern, mit einer ähnlichen Krankheit behaftet, antraf. Er war gewohnt, neben ihr zu sitzen, wenn ihr Gemahl nicht dabei war, der das Sitzen eines Mannes, den er bezahlte, in seiner Gegenwart als eine unanständige Vertraulichkeit verwarf: er nahm also, ohne ihren Befehl zu erwarten, nach der ersten Begrüssung sogleich wieder Platz.
"Sie sind verdriesslich", fing die Gräfin mit verdriesslichem Tone an. "Seien Sie doch aufgeräumt! Ich weiss gar