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hier schon jedermann eingenommen und mischt sich in alles. Es ist zwar etlichemal übel für sie abgelaufen, dass sie ihre Hand bei Sachen im Spiele haben will, um welche sich eine Sängerin nicht bekümmern darf: allein sie kann ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrige nicht leben; daher bringt sie Dinge zustande, die man für unmöglich hält, und sogar bei Leuten, die auf sie zürnen, dass sie sich mit Angelegenheiten abgibt, die nicht für sie gehören: besonders bei der Fürstin steht sie in grosser Gnade.

Sie erkundigte sich sehr nach Dir oder, wie sie Dich nennt, nach 'meinem Adonis'. Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht liebgewonnen: sie ist gewiss eine unvergleichliche Frau, und gar im mindsten nicht so hämisch und tückisch, wie wir geglaubt haben, oder wie es zuweilen scheint. – "Mein Adonis?" antwortete ich und küsste ihr die Hand: sie lachte über den respektvollen Kuss, und ich weiss selber nicht, wie ich auf den sonderlichen Einfall kam."Mein Adonis", sagte ich, "lebt, aller Welt abgestorben, in philosophischer Einsamkeit auf dem land." – "Wirklich?" rief sie und lachte. "Der Mensch hat mannigmal wunderliche Grillen: bei mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen philosophischen Koller: wenn er nicht beständig unter der scharfen Zucht einer Frau oder eines Mädchens steht, so verdirbt er gleich. Im Zweiundzwanzigsten der Welt abzusterben! wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht, so ist er im Fünfundzwanzigsten begraben und im Dreissigsten schon kanonisiert: er soll mein Patron werden, wenn ich noch so lange lebe. Wollen Sie ihn kommen lassen?" – Ich antwortete mit einem tiefen Seufzer. – "Der Seufzer heisst: 'Ja, ich möchte wohl, aber ich kann nicht'", sprach sie lächelnd. "Lassen Sie ihn kommen! er soll bei mir wohnen und speisen, wenn er mit mir und meinem mann vorliebnehmen will. Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen können?" – Sie sann herum. "Bravo!" fing sie wieder an. "Sie haben wohl noch nichts von dem Präsidenten Lemhoff gehört? Man nennt ihn hier den kleinen Fürsten, weil er im grund das ganze Land nach seinem Gefallen regiert. Das nächstemal, wenn ich bei ihm singe, will ich ihm weismachen, dass er einen Sekretär braucht und dass er an dem Schreiber, den er jetzt hält, nicht genug hat. Was wetten Sie? er soll mir's glauben und Herrmann sein Sekretär werden, sobald er bei uns ist. Machen Sie indessen einen Brief an ihn fertig, geben Sie mir seine Adresse, ich will die Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen." –

Mein Brief ist bis hieher fertig: mit welchen Aussichten oder Hoffnungen ich ihn schliessen werde, hängt von der Antwort der Madam Dormer ab. Ich will von Zeit zu Zeit das merkwürdigste, was mir begegnet, hinzusetzen.

den 29. August.

Gestern bin ich der Fürstin vorgestellt worden: sie empfing mich überaus gnädig, aber beinahe wäre ich aus aller Fassung geraten. Sie fragte mich, ob ich die Dormerin kennte, und ich einfältiges geschöpf bilde mir ein, dass sie diese Frage nicht tun kann, ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine ganze geschichte zu wissen. Ich stammelte ein sie mich auch fragen würde, ob ich nicht einen gewissen Herrmann liebte. Sie sah mich lange mit Verwunderung an: nach meiner Empfindung zu urteilen, mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben; denn meine Miene muss in dem Augenblicke entsetzlich albern und furchtsam gewesen sein. Indem wir einander so stumm ansahen, trat der Fürst ins Zimmer: die Fürstin präsentierte mich ihm: er sah mir steif und unbeweglich in die Augen, als wenn er mich durchbohren wollte. – "Das Mädchen sieht sehr verliebt aus", sprach er halbleise zur Fürstin: sie lächelte, und ich glaubte vor Schrecken, der Himmel läge auf mir. Sie tat noch ein paar fragen und liess mich von sich. Ich habe bei dieser gelegenheit nachher die Bekanntschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht: zwo herzlich gute Seelen sind es: sie liebkosten und küssten mich und freuten sich ungemein, dass sie Hoffnung hätten, mich zu ihrer Gefährtin zu bekommen. Die eine ist überaus aufgeräumt, aber sie muss sich gern über alles aufhalten: diese Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Mienen hervor. Die andre scheint mir ziemlich alt und schwächlich, aber sie ist gleichfalls sehr munter; beide gehen so vertraut und freundschaftlich mit mir um, dass ich sie ungemein liebe.

Ich begreife gar nicht, warum man den Hof beständig so gefährlich, so voller Zwang, Hass, Neid und Verfolgung beschreibt: ich habe mir ihn wegen dieser Beschreibungen ganz anders vorgestellt, als ich ihn finde. Die Grossen dachte ich mir tausendmal zeremoniöser, stolzer und einsilbiger als meinen Onkel, den Grafen: weit gefehlt! so herablassend, so mild, so freundlich ist mein Onkel in seinem ganzen Leben nicht eine Minute, als Fürst und Fürstin täglich und gegen jedermann sind. Das Schloss des Grafen war ein leibhaftiges Zuchtaus; jeden Tritt, jede Miene, jedes Wort musste man abmessen, und jedermann ging dem andern aus dem Wege: hier lebt man so frei, so ungezwungen, ohne alle langweilige Komplimente und steife Grimassen. Bei meinem Onkel sahen die Leute alle so mürrisch, verdriesslich