ganz schwarz vor Augen wird, wenn er disputiert: griechische Wörter mit langen, langen Schwänzen und noch viel mehr Latein als fräulein Hedwig speit er den Leuten wie einen Hagelregen an den Kopf: der Oberste weiss zuweilen vor Angst nicht wohin, so übel bekömmt ihm die grausame Gelehrsamkeit des Mannes: Das war also der Altgesell en Skizze – mit dem Maler zu reden, der gestern eine tür bei uns anstrich.
"Es ist doch wahr, dass ehegestern nacht ein Geist bei der Mamsell –" (ich weiss nicht mehr, wie er sie nannte) "gewesen ist", fing er an, "er hat eine glühende rote Nase und an jeder Hand sechs Finger gehabt." – Ich musste lachen: das nahm er übel, gab mir einen Verweis und erklärte mir, warum die Geister lieber zu den Mädchen als den Mannspersonen kämen. Ich habe seine langweilige Erklärung vergessen, aber so viel weiss ich noch, dass seine Geister so gescheit sind und sich lieben und heiraten wie unsereins. Er bildet sich ein, dass er sie zitieren kann, auch die Seelen der Lebendigen: ich nahm mir die Freiheit, mir die Deinige zu einem Tête-à-tête bei ihm zu bestellen: aber entweder hat der Mann seine Kunst verlernt, oder Deine Seele ist zu fest an den Körper gewachsen; denn seitdem ich hier bin, muss ich alle Abende Deinen Namen auf Papier schreiben, verbrennen und ihm die Asche überliefern, und er zitiert, dass ihm der Angstschweiss am kopf hereinströmt: aber die liebe Seele will nicht kommen. Er ist so unverschämt zudringlich, dass man sich seiner gottlosen Künste gar nicht erwehren kann, wenn man sich zum Spass einmal mit ihm einlässt: so geht es mir mit Deiner armen Seele, sosehr ich ihn auch bitte, er soll sie in Ruhe lassen.
Der Oberste, der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern bekümmert, aber seine Arbeit doch höher achtet, unterbrach den Altgesellen damals sehr bald in seiner Erklärung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt, nicht müssig zu gehen, sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen. Indem der Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte, traf auch der Junggeselle ein, Madam Dormer: sie warf eilfertig ihre Saloppe ab, und gleich über die Arbeit! – Es ist doch wahrhaftig das verschmitzteste Weib auf der Erde: weil sie weiss, dass man sich durch solchen Eifer bei dem Obersten überaus beliebt machen kann, tut sie so geschäftig und behandelt alles mit einer solchen Wichtigkeit, als wenn von der Spielerei dieser drei Leute die Wohlfahrt des ganzen deutschen Reichs abhinge. – "Nunmehr", fing der Oberste sehr gravitätisch an, was er gewöhnlich gar nicht ist, und wandte sich zu mir, "nunmehr will ich Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren. Sie sehen hier in meinen Händen einen gräulichen Stein, Dendrit genannt: in diesen Stein hat die natur alles gezeichnet, was auf der Welt ist, Menschen, Tiere, Bäume, Häuser, Landschaften, Städte, Armeen, ganze Feldzüge und Schlachten." – "Aber", nahm der Goldmacher das Wort, "wie die natur überhaupt alle ihre Schätze tief verborgen hat, damit sie des Menschen Ingenium und Fleiss hervorsuche und herausziehe, wie par Exempel das Gold, welches in allen, auch den verächtlichsten Materien entalten ist; wir essen es im Brote, wir tragen es in unsern Kleidern auf dem leib" (wobei er auf seinen kahlen, blauen Rock wies), "wir treten es auf unsern schmutzigen Gassen mit Füssen, die Magd kehrt es mit dem Besen aus der stube, wir haben es in uns, in Blut und Eingeweiden: nun muss des Menschen Fleiss und Geschicklichkeit aus allen diesen Goldgruben jenes köstliche Element heraussuchen und aus den verächtlichen Materien gleichsam herausziehen."
– "Nicht so weitläuftig, Altgesell!" unterbrach ihn der Oberste. "sehen Sie, Rikchen!" sprach er darauf in seinem alltäglichen Tone zu mir, "wir reiben und polieren die Steine so lange, bis die vortrefflichen Zeichnungen, die die natur hineingelegt hat, zum Vorschein kommen." – "Das ist", hub der Goldmacher wieder an, "das ist par Exempel just wie mit einer sympatetischen Tinte – Sie wissen doch, was eine sympatetische Tinte ist?" fragte er mich und sagte mir einige Rezepte, sie zu verfertigen: aber er kam nicht weit mit seinen Rezepten; denn der Oberste schrie: "Gearbeitet! gearbeitet, Altgesell! und dann geschwatzt!" – Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach, mir eine probe von diesen Wunderzeichnungen der natur zu weisen. Er holte einen grossen Kasten herbei, worinne eine Menge polierte Dendriten nach der Ordnung lagen, wie die Geschichten erfoderten, die er sich darauf vorstellte. "Sehen Sie!" begann er, "das ist der Einfall des jetzt allergnädigst regierenden Königs von Preussen in Schlesien anno 40: – das hier ist die Schlacht bei Molwitz, wo mich eine Kugel am arme streifte: Sie können das sehr deutlich sehen. Hier steht unser Bataillon; hier steh ich als Leutenant; und hier kommt die verfluchte Flintenkugel und fährt mir so dicht am arme hin, dass sie mir ein Stück Haut wegnimmt." – Ich sah auf dem Steine nichts als schwarze Punkte, die wohl Bäumen, aber keinen Soldaten ähnlich waren: allein aus gefälligkeit sah ich alles, was er darauf erblickte. – "Das hier"