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trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein: alles stellte sich in ehrerbietige Parade, als wenn die Fürstin ankäme: der Oberste brachte sie gleich zu mir und machte sie mit mir bekannt. Rate, Herrmann, rate, wer die grosse Sängerin war! –Vignali, die leibhaftige Vignali! Wir erschraken beide nicht wenig, uns hier wiederzufinden, aber behielten doch so viel Fassung, dass sich keins verriet. Sie schämte sich ausserordentlich, in ihrer itzigen Qualität vor mir zu erscheinen, und war durch keine Bitten zu bewegen, dass sie sang: sie wandte einen Katarrh vor.

Die Neugierde und die rätselhafte Beschuldigung

der Madam Düpont auf meiner Flucht von Dresden, dass ich die Ursache von Vignalis Unglücke wäre, liessen mir keine Ruhe: ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen, um mich nach ihrer geschichte zu erkundigen: kaum hatte ich die erste Frage getan, was sie hier mit mir zusammenbrächte, und zur Antwort erhalten: "Das Unglück!" – so führte das Unglück schon ein Paar fräulein zu uns, die während des Konzerts, dem sie beiwohnten, so eine seltsame Zuneigung zu mir gefasst hatten, dass sie mir auf allen Tritten nachgingen: alle drei Minuten drückte mir die eine die Hand und fragte mich: "Sind Sie mir nicht ein bisschen gut?" – und die andre erkundigte sich unaufhörlich, wie mir die Musik gefiele: die beiden zutuenden Gänschen waren mir jetzt doppelt zur Last, weil sie die Befriedigung meiner Neugierde hinderten. Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubnis, Vignali oder, wie man sie jetzt nennen muss, Madam Dormer morgen zu besuchen. – "Nein", antwortete er sehr ernstaft, "das schickt sich nicht: Sie können ja eine Sängerin nicht besuchen. Sie kommt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns: da werden Sie gelegenheit genug haben, die Frau zu sprechen, wenn sie Ihnen gefällt." – "Sie arbeitet mit Ihnen! wie denn das?" fragte ich. – "Gedulden Sie sich nur!" antwortete er lachend. "Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt werden: aber erst muss ich Sie als Lehrbursch aufnehmen: das soll morgen geschehn; und wenn Sie sich gut anschicken, können Sie in acht Tagen schon Geselle sein." – Mehr wollte er mir vorderhand nicht entdecken: dass die Leute doch die Überraschung sosehr lieben!

Den folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück wurde ich von ihm selbst in seine Werkstatt abgeholt: der tändelnde Mann band mir ein weisses Schurzfell um, mit rotem Bande eingefasst, und wies mir meinen Platz auf einem Taburett an, wo ich zusehn sollte, um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen: "Einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister", setzte er sehr wichtig hinzu. Ich erfuhr noch immer nicht, zu was für einer Kunst ich eingeweiht werden sollte, und konnte es auch nicht raten; denn in dem ganzen engen Stübchen war nichts, woher ich Mutmassungen nehmen konnte, als alte grüne Tapeten, mit einem greulichen Staube über und über bedeckt: woraus ich schloss, dass man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe oder dass es Staub bei der Arbeit gebe. Auf dem Tische lagen Stücken Bimstein, Leder und andre Sachen und vorzüglich viel Staub. Als ich noch meinen Mutmassungen nachhing, trat ein Mann in blauem Rocke, roter Weste, gelben Beinkleidern und grauen, wollnen Strümpfen herein, die verwirrte Perücke nicht zu vergessender Himmel weiss, ob sie von natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist: – aber da sie sich seit unsrer ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveränderlich gleichgeblieben ist, mag sie wohl natürlich schwarz und vor Alter und Gram etwas rotgrau geworden sein, besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmütze dient. Alle Kleidungsstücke waren in kläglichen Umständen, auf dem beschabten, blauen Rocke lagen die groben Grundfaden offen da wie weisser Bindfaden, und die rote Weste war mit grossen und kleinen Flecken von mancherlei Farbe wie eine Landkarte illuminiert. – "Da kommt mein Altgesell", sagte der Oberste, als der Mann mit einem "Sehr schönen guten Morgen" hereintrat. Ohne im mindsten zu bemerken, dass eine fremde Figur in der stube war, legte er sogleich seinen Hut hinter seinen Stuhl auf den Fussboden, setzte sich, zog eine Brille heraus, wischte sie an einem kleinen, weissen Schnupftüchelchen rein, ungefähr von der Grösse, wie sie meine ehmalige Puppe, glorreichen Andenkens, an Sonn- und Festtagen zu brauchen pflegte: darauf stellte er die Brille mit vieler Akkuratesse auf die Naseda sass er, die arme auf den Tisch gelegt! Es ist, wie ich hernach vom Obersten erfuhr, ein gewesener Apoteker, der den tollen Einfall gehabt hat, alle seine Büchsen in Gold verwandeln zu wollen; und da sie ihm, ungeachtet aller Mühe und Unkosten, den Gefallen nicht erzeigt haben, sondern gutes ehrliches Holz geblieben sind, wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte, so hat er sie versilbern, das heisst für Silbergeld verkaufen müssen: – dieser Spass mit der Versilberung ist von dem Obersten, um seinen Witz in Deine Bekanntschaft zu bringen. Von dieser Versilberung lebt er jetzt, behilft sich elend und schlüge jedermann ohne Ansehn der person hinter die Ohren, der ihm die Kunst, alles in Gold zu verwandeln, nicht zugestehn wollte. Er ist dabei entsetzlich gelehrt, dass mir mannigmal