keuchende Siegfried, so widrig sie mir sonst war, schien mir jetzt eine so liebenswürdige, so eine herzlich gute Frau, dass ich kein Mittel aussinnen konnte, ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu beweisen: ich drückte ihr die hände, ich liebkoste sie, ich überwand sogar meinen Widerwillen und drückte ihr zwei Küsse auf die dikken, breiten Lippen. Die Küsse gereuen mich diese Stunde noch: wenn ich sie dem schändlichen weib nur wieder abnehmen könnte!
Die Pferde waren indessen gefüttert und wieder vorgelegt worden; und wir stiegen in vollen Freuden ein: des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig und jetzt nicht schnell genug. Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwätze – das mir freilich sehr angenehm war – von dem Glücke und dem hohen Vergnügen, das auf Dich und mich bei dem Obersten wartete, dass wir zur Landwirtschaft nicht gemacht wären und durch den Obersten in eine angemessnere Lage geraten würden. Die ganze Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. In dem nächsten Städtchen nahmen wir Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch, und von Zeit zu Zeit weckte ich meine schnarchende Reisegefährtin durch einen Stoss, als wenn er so par hussar geschähe, damit sie von Deinem und meinem Glücke mit mir reden sollte.
Auf der letzten Station empfing mich der Oberste, ein allerliebster Mann, und mir damals noch tausendmal lieber als jetzt, weil er, nach meiner Überredung, uns beiden so herrliche Dienste getan hatte und tun wollte. Der Postknecht blies, wir nahmen von Madam Siegfried Abschied, fuhren fort: noch war kein Herrmann da. Der Oberste war sehr gesprächig und spasshaft, scherzte mit mir, dass in der Stadt, wohin wir wollten, ein hübscher Mann auf mich wartete, beschrieb mir ihn vom Kopf bis auf die Füsse und fragte mich bei der Beschreibung eines jeden Stücks an dem hübschen mann, wie er mir gefiele. Dein Portrtät war es nicht, fast in allem das Gegenteil: – 'Aber', dachte ich, 'er tut das aus Scherz, dass er mir meinen Herrmann so hässlich malt'; und in diesen Gedanken lobe ich denn alles an seinem Gemälde, sogar die zwo grossen Warzen, die der hübsche Mann auf dem Bakken haben sollte, gefielen mir ausserordentlich: ich sprach bei meinem Lobe mit wahrem innigen Entzükken. Den Obersten steckte mein Entzücken so sehr an, dass er sich zusehends verjüngte: er wurde so munter, so belebt, dass er mich küsste, und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Küssen vorlieb. "Der arme Mann!" dachte ich, "unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder: er möchte gern auch etwas lieben: es ist doch traurig, wenn man so alt ist und sich mit dem Zusehn abspeisen muss." Als seine Beschreibung bei den Füssen war, die zuweilen mit dem Podagra behaftet sein sollten, wollte ich ihm sein Geheimnis ablokken und fragte ihn, wie denn dieser hübsche Mann hiesse: der Name Herrmann klang schon in meinen Ohren: am Ende, da er sich lange geweigert hatte, war er es selbst. "Das ist eine Ausflucht, um dir den rechten Namen nicht sagen zu dürfen", dachte ich und antwortete mit gezwungnem Scherze, dass vermutlich der Pfarr, der ihn und mich trauen sollte, uns zu haus schon erwartete: ich war verdriesslich bei mir, dass er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen nennte, da mir doch an der Überraschung gar nichts lag; und mein Verdruss musste vermutlich durch die angenommene scherzhafte Miene durchgeleuchtet haben; denn er sagte mir ernstaft darauf: "Sie werden doch den Spass nicht übelnehmen?" – und drückte mir dabei die Hand. Ich versicherte ihn aus allen Kräften das Gegenteil; und den übrigen Weg wurde viel geschäkert, aber nicht mehr auf diese Art. Inzwischen zog ich doch alles, was er sagte, auf Dich, und was sich nur im mindsten so auslegen liess, verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe Trauung: sogar, als er mir die Liebkosungen erzählte, die mir sein kleiner Hund Marquis machen würde, bildete ich mir ein, er meinte Dich; und wegen dieser Illusion lachte ich über alles so ausgelassen vergnügt und mannigmal bei Sachen, die gar keinen Anlass zum lachen geben konnten, dass der Oberste mich oft fragte, warum ich darüber lachte.
Wir langten an, fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen, des Obersten Ziperkatze, den einen so klaffend und die andre so schnurrend und krummbucklicht, wie er sie mir beschrieben hatte, alle Tapeten und Möbeln, wie er sie mir beschrieben hatte, aber – keinen Herrmann. Die Nacht verging, auch der Morgen: der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir vielen Spass vor, aber ich hatte kein Gefühl dafür: weil ich Betrug argwohnte, hörte auch meine gestrige Auslegungskunst auf: ich hielt keinen von seinen Scherzen mehr für eine Anspielung auf Dich und unsre Verbindung, sondern verstund jeden, wie er gemeint war, und so war jeder ohne Reiz für mich: nicht einmal zwingen konnte ich mich zum lachen. Er liess den Schneider kommen, um mir ein Kleid zu verschaffen, worinne ich mich der Fürstin darstellen könnte, und nennte mich unaufhörlich sein liebes schmuckes Bräutchen: der Schneider lachte über seine Schnaken, dass er beständig das Mass falsch nahm: das Bräutchen blieb so ernstaft wie die dickköpfichten Chineser auf der Papiertapete rings in dem Zimmer, weil ihr der rechte Bräutigam fehlte. Verdruss und Ärger,