was man mit mir willens ist! Wer hat mich so diebischerweise auffangen lassen?" – "Belieben Sie das nicht zu sagen, meine trauteste Baronesse! Sie sind in allen Ehren und Honettität hieher gebracht worden und sollen auch heute noch weiterreisen." – "Wohin denn?" – "Das werden Sie schon erfahren", sprach sie lachend. "Lassen Sie sich's nur unterdessen nicht missfällig sein, sich hier umzuputzen: ich werde die Ehre und das geneigte Vergnügen haben, mit Ihnen zu reisen." – "Das ist eine himmelschreiende Betrügerei, die man mir spielt", fuhr ich auf, "und ich will doch sehen, wer mich von der Stelle bringen soll, wenn man mir nicht sagt, warum ich hier bin, wer mich hieher hat bringen lassen." – "Sein Sie nur so geneigt", unterbrach sie mich, "und folgen Sie mir! Ziehen Sie hier die Schirkassienne (Circassienne) an und belieben Sie, dabei etwas von frischer Milch und kalter Küche zu geniessen: ich will Ihnen dabei die ganze Historie erzählen." – "Mir etwas weismachen? Nicht wahr?" unterbrach ich sie. – "Sein Sie doch so geneigt und denken nicht so kanalljöfisch von mir! Ich will Ihnen ganz reinen Wein einschenken: Sie sollen zu Ihrem Onkel, oder wie ich ihn nennen soll, dem Herrn Obersten von Holzwerder: Sie kennen ihn ja wohl noch? Er war einmal bei ihr Exzellenz, dem Herrn Grafen, Ihrem gnädigen Herrn Onkel, zur Vesitte." – "Das weiss ich wohl; aber was will er denn mit mir anfangen?" – "Alles liebes und Gutes! Ihr Herr Herrmann ist voraus: Sie werden einander dort finden: weiter sag ich nichts." – "Märchen sind das! blaue Dünste, um mich ins Netz zu locken! aber ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen." – "Sie denken auch gar zu mesantropsch von mir, meine liebwerteste Baronesse. Ich bin ja keine meschante Kanaille, die mit Lug und Trug umgeht. Ich bin ja eine honette Madam, die es in aller Ehre und Honettität mit Ihnen meint." –
In diesem scheinheiligen Tone überredete sie mir eine gotteslästerliche Lüge, die sie so wahrscheinlich zu machen wusste, dass ich sie wirklich glaubte. Meinen und Deinen Aufentalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben – sehr glaublich! denn Du hattest ihm Nachricht davon gegeben, das wusste ich. Dieser Herr Schwinger sollte sich über unsre Liebe erbarmt und an den Obersten Holzwerder gewandt haben, um meine Verbindung mit Dir zu bewirken: der Oberste Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten, unsre Verbindung zustande zu bringen: darauf sollte Schwinger an ihren Mann geschrieben und ihn gebeten haben, uns beide zu dem Obersten zu schaffen; "und weil mein Mann den Spass liebt", setzte der hässliche Puterhahn hinzu, "so lässt er ein jedes von Ihnen besonders an Ort und Stelle bringen. Sie sollen beide einander bei des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden, als wenn es so par hussar (par hasard) geschähe: Herr Herrmann ist mit meinem mann und dem Herrn Pastor spazierengefahren: aber sie reisen zu dem Herrn Obersten. Der wird sich wundern, wenn die Spazierfahrt so lange währt! Und wenn Sie nun vollends mit mir, so gleichsam als wie par hussar, ankommen, da wird erstlich die Verwunderung angehn. Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquieren zu lassen, meine liebwerteste Baronesse! denn mein Mann hat mir's bei Kopfabhacken verboten, Ihnen ja nichts davon zu sagen, damit es ein Spass wird, wenn sie einander so gleichsam als wie par hussar rankertieren (rencontrieren). Aber ich bin eine viel zu honette Madam, dass ich meine liebwerteste Baronesse so in der Angst lassen sollte. Das kann ich Ihnen wahrlich nicht: Sie würden sich ambrassieren (embarassieren). Nein, das kann ich Ihnen nicht übers Herz bringen, dass ich Sie so ambrassieren sollte." –
Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ähnlich, dass sich auch der Klügste fangen lassen musste? – Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf, aber weil ich so sehr wünschte, dass es keine Fabel sein möchte, hüpfte ich über die Bedenklichkeiten hinweg, besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honettität beteuerte. Ich leichtgläubiges geschöpf zog die Schirkassienne an und die übrigen Reisekleider, die dabeilagen, und freute mich innerlich wie ein Kind auf Weihnachten, dass sich unser Himmel so unvermutet aufheiten sollte. Es überfiel mich eine eigne Empfindung, als ich mich zum ersten Male nach beinahe drei Jahren wieder in dem städtischen Putze befand: ich sah mir ganz anders aus und konnte vor Wohlgefallen nicht vom Spiegel wegkommen. Alles Glück und aller Verdruss, den ich sonst in meinen vornehmen Kleidern erlitten hatte, kam mir in die Gedanken zurück: ich sah auf meine ländliche Kleidung, als sie dort auf dem Tische lag, wie auf eine abgeworfne Hülle des Elends hinab, aus welcher ich neugeboren zu einem neuen glücklichen Leben hervorgegangen wäre. Rührung, Freude, Hoffnung bemeisterten sich meiner so stark, dass ich in dem Taumel ein grosses Glas mit drei hastigen Zügen hinterschluckte und so viel Butterbrot dazu ass, als wenn ich acht Tage gefastet hätte – alles, ohne dass ich's eher inne ward, als bis ich die Schmerzen der Überladung fühlte! Die alte,