und nichts als die verschobene Auszahlung des Kapitals, das ihm der Schulze versprochen hatte, hielt seine Abreise auf.
Zweites Kapitel
Als alle Zurüstungen zustande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in wenigen Tagen geschehen sollte, langte bei seinem haus ein Mann an, der sich sehr genau nach seinem Namen erkundigte: der Mann trat in die stube, sah sich sorgfältig allentalben um – "Ja, es ist wohl so, wie man mir's beschrieben hat", fing er an und gab einen Brief ab. Die Hand der Aufschrift war fremd, aber kaum war er geöffnet, so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift.
M**, den 23.August.
War das nicht, als wenn uns der Wind auseinanderführte, liebster Herrmann? Ich dachte, wir wären längst von allen Menschen vergessen, und doch gibt man sich die Mühe, uns zu trennen: aber die Trennung soll nicht lange dauern, hoffe ich.
Vermutlich hast Du nicht einmal erfahren, wie mich die schändlichen Leute weggekapert haben. Du mochtest, als Dich der Pfarr zu sich rufen liess, kaum drei oder vier Minuten aus dem haus sein, so kam ein Bauernmädchen sehr eilfertig gerennt und sagte mir, dass ich Dir nachkommen sollte. "Er ist mit dem Herrn Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet schmitzte. Wer sollte dahinter etwas Böses argwohnen? Ich glaube wirklich, das Mädchen, das eine Magd vom Herrnhofe war, sei Dir begegnet und von Dir geschickt worden, wie sie vorgab. Ich gehe quer über den Kirchhof nach der andern Tür hin, die auf das Feld geht, und erblicke, wie ich mich nähere, eine Kutsche mit offnem Schlage vor ihr. Der Anblick machte mich wohl ein wenig stutzig, aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte, liess ich mich durch nichts beunruhigen als durch die Besorgnis, dass jemand da sein möchte, von dem ich nicht gern gesehen sein wollte: weil ich aber niemanden gewahr wurde, gab ich der Neubegierde nach, trat in die Tür und fragte den Burschen, der am Schlage lehnte, wem der Wagen gehörte: er nahm tölpisch den Hut vom kopf, machte eine dumme freundliche Miene und fragte: "Was?" und hielt mir das Ohr hin, als wenn er taub wäre. Indem ich etwas näher trete und meine Frage wiederhole, ergreift mich plötzlich jemand von hinten und wirft mich in den Wagen hinein – pump! war die tür zu, und die Kutsche rollte mit mir dahin: das geschah alles so schnell, dass ich mich kaum besinnen konnte. Da sass ich nun in dem verwünschten Kasten und konnte gar nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Alle drei Fenster waren niedergelassen und statt derselben hölzerne Schieber vorgesetzt, die nur durch drei viereckichte Löcher, so gross als ein Auge, Licht und Luft hineinliessen. Mir wurde angst: ich versuchte die Schieber aufzumachen und arbeitete mir die Finger blutig daran: aber es war nicht möglich: sie mussten angenagelt sein. Die Türen liessen sich inwendig ebensowenig öffnen: ich befand mich im Gefängnisse und sah durch eins meiner drei Luftlöcher nach dem andern und erblickte nichts als Stückchen Feld und Bäume, und durch das vorderste ein Stückchen Kutscher: ich rief ihm zu, dass er halten sollte, aber er drehte sich nicht einmal um; und der Wagen rollte in einem fort so barbarisch über Stock und Stein dahin, als wenn mich geflügelte Drachen zögen, dass ich in dem weiten Kasten vor heftiger Erschütterung und von den öftern Stössen wie ein Knaul von Winkel zu Winkel herumkollerte. Für einen Spass von Dir war die Komödie zu lang und zu plump: ich konnte also nichts als Betrügerei argwohnen. Aber von wem? – Ich quälte mich mit Mutmassungen und Besorgnissen und konnte nicht einmal ruhig mutmassen: denn ehe ich mich's versah, kam ein Stoss, und dann wieder einer, und warf mich so hoch empor, dass mir die Gedanken aus dem kopf fielen.
Endlich, nachdem ich, ohne Möglichkeit mich zu retten, zwei oder drei Stunden bald langsam, bald hurtig zusammengerumpelt worden war, fuhr die Kutsche durch einen Torweg und hielt an: man öffnete die Tür, und weil der ganze Hof mit Mist überdeckt war, nahm mich der nämliche Bursche, den ich bei dem Kirchhofe am Schlage fand, auf die arme und trug mich in ein altväterisches, gotisches Haus hinein. Die Haustüre wurde hinter mir zugemacht, und mich empfing ein entsetzlich geputztes Frauenzimmer – so entsetzlich, so linkisch geputzt, dass man sich des Lachens kaum entalten konnte! Sie gab mir die Hand und führte mich die Treppe hinan. "Aber wo bin ich denn?" rief ich beständig. "Was will man mir denn tun?" – "Das sollen Sie gleich hören, meine Liebwerteste", antwortete das Schlaraffengesicht und lachte. Die stimme kam mir bekannt vor, und da ich mir den geputzten Kobold genauer besehe, ist es Madame Siegfried, unsre allergnädigste Gerichtsherrschaft. "Meine liebwerteste Baronesse", fing sie an und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg und wimperte unaufhörlich mit den Augen dazu, wie sie sonst tat – "meine liebwerteste Baronesse, sein Sie mir doch untertänig willkommen." – "Was soll ich denn hier?" – "Alles liebes und Gutes, meine werteste Baronesse! Geruhen Sie nur, sich zu setzen und zu essen und zu trinken!" – "Nicht einen Bissen, wenn ich nicht weiss,