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heben, fragte sie ihn eines Tages bei Tafel, ob er auf den Sonntag nicht in die Kirche fahren und einen kleinen Türken dabei paradieren lassen wollte, der in seine Dienste zu treten wünschte. Der Graf merkte, wen sie meinte, und sagte ja. Der Sonntag erschien, und Heinrich war auf ihre Unkosten in Atlas als Türke gekleidet.

Eine solche Kirchenparade war eins der angenehmsten Opfer, womit der Graf zuweilen seiner übermässigen Prachtliebe und seinem Stolze schmeichelte. Seine ganze Hofstatt wurde alsdann beritten gemacht: die Jäger seiner ganzen herrschaft mussten sich in ihrem völligen Ornate tages vorher einfinden, um den Zug verlängern zu helfen, der von dem schloss durch alle Gassen des Städtchens, die für eine Kutsche breit genug waren, bis zur Kirche ging. Die Hälfte der Jäger zu Pferde mit vor sich gestellten Büchsen eröffnete ihn: an sie schloss sich alles, was nur auf einem Pferde sitzen konnte und eine Bedienung ohne Liverei bei dem Grafen hatte, in dem auserlesensten Schmukke; alle ritten in weissen seidnen Strümpfen und grossen breiten Haarbeuteln, weil es der Graf für unanständig hielt, bei einer so feierlichen gelegenheit gestiefelt zu erscheinen. Auf diese galante Kavallerie folgte die sämtliche Liverei zu Fuss, mit langen spanischen Schritten, strotzend und starrend in reich verbrämten Galakleidern; alsdann wurde in einem Staatswagen, geräumig wie ein Tanzzimmer, der Graf, in einem zweiten ebenso grossen die Gräfin, in einem dritten die kleine Baronesse, die in dem grossen Gebäude kaum zu finden war, und in einem vierten fräulein Hedwig wohlgemut, ein jedes mit Pferden von einer andern Farbe, dahergezogen: den Beschluss machte der Rest der löblichen Jägerschaft. Auf der rechten Seite der Kutsche, die den Grafen trug, ging zum Unterscheidungszeichen der wohlbeliebte Maulesel des Grafen in seiner scharlachnen, goldbeladnen Uniform; und die leere Stelle auf der linken Seite musste auf Veranstaltung der Gräfin ihr Liebling in seinem atlasnen Türkenkleide einnehmen. Eine solche Kirchfahrt war für den Grafen das köstlichste Vergnügen der Erde: er fühlte sich so wohl, wenn er sich in dem gläsernen Kasten wiegte, so zufrieden mit sich selbst! – Auch war es der sicherste Weg zu seiner Gunst, wenn man seine abenteuerliche Kirchenparade verherrlichen half; und die Gräfin hatte aus keiner andern Absicht ihren Heinrich zu seinem Kammertürken gemacht. Die idee nahm ihn so sehr sein, dass er mit beständigem Wohlgefallen aus der Kutsche auf den kleinen Muselmann herabsah: er dünkte sich auf der Leiter der Hoheit um ein paar Sprossen weiter hinaufgerückt. Da seine Gemahlin sonst dergleichen Aufzüge aus dem guten grund verhinderte, weil sie ein Muster von Lächerlichkeit darinne fand, so war die Freude jetzt desto lebhafter, dass sie ihn selbst dazu ermunterte: alles, auch selbst die Knoten seiner Perükke, wallten vor Entzücken an ihm.

Dies war der wichtige Augenblick, wo der kleine Heinrich den ersten Schritt zur Gnade des Grafen tat, und wo die Vermutung des Publikums über seine unehliche Geburt zur Gewissheit wurde. Dies konnte um soviel leichter geschehen, da sein Vater erst zwei Jahre in den Diensten des Grafen und in dem Städtchen war, und also seine vorhergehenden Familienumstände an diesem neuen Wohnorte noch in einer kleinen Dunkelheit lagen.

Noch den nämlichen Tag empfing er zur Belohnung der treugeleisteten Begleitung einen besonderen Beweis von der Gunst seines Patrons. Wenn das Wetter nicht günstig war, um den prächtigen sonntäglichen Spaziergang zu machen, wovon ich schon eine Beschreibung geliefert habe, so wurden die vakanten Stunden mit andern ganz eignen Lustbarkeiten ausgefüllt. In einem solchen Falle befand sich der Graf eben jetzt: trübe Regenwolken überzogen nachmittags den Himmel und drohten jeden Augenblick mit Regen: er liess also alle Stalleute zusammenrufen, sie mussten sich unter seinem Fenster im Zirkel stellen und zu einem Wettkampfe bereitalten. Dieser Wettstreit bestand in nichts Geringerm, als dass er Äpfel oder Kupferpfennige unter sie auswarf, damit sie sich darum balgten: sobald die ausgeworfne Kleinigkeit in ihren Kreis herabfiel, stunden sie alle aufmerksam da, die Augen auf den Preis geheftet: der Graf blies in ein Pfeifchen, und sogleich stürzte auf dieses Losungszeichen der ganze Haufen übereinander her, balgte, raufte, kratzte und drückte sich um des Plunders willen, währenddessen immer neue Anreizungen zum Streite über sie herabgeworfen wurden. Sollte das Spiel recht anziehend werden, so liess er die Erde mit wasser befeuchten oder stellte es nach einem starken und langen Regen an, wenn der leimichte Boden schlüpfrig und durchweicht war, dass man bei jeder Bewegung ausgleitete und hie und da einer sein Bild in Lebensgrösse in das nasse Erdreich eindrückte. Bei dieser hohen Ergötzlichkeit hatte der neue Kammertürke die Gnade, das Körbchen zu halten, das die auszuwerfenden Kupferpfennige entielt. So klein diese Gnadenbezeugung vielen scheinen mag und auch in der Tat ist, so war sie doch in den stolzen Augen des Grafen von ungemeiner Erheblichkeit: er erzeigte jemandem alsdann die grösste Gnade, wenn er sich einen Dienst von ihm tun liess: das war sein Grundsatz, und insofern musste sich der kleine Herrmann viel wissen; denn der Graf brauchte ihn unaufhörlich zu seiner Bedienung, wo er zu brauchen war: und da er ihn nunmehr in dem Lichte als ein ihm unterwürfiges, dienendes Subjekt betrachtete, so hatte er wider seinen Aufentalt auf dem schloss nichts mehr einzuwenden.

Aber desto mehr die Gräfin wider die öftern Bedienungen, die er von ihm foderte: es war ihr höchst verdrüsslich, dass er so oft von ihr und ihren Beschäftigungen mit ihm abgezogen wurde; und weil sie ihren Gemahl durch keine Vorstellung darüber beleidigen wollte, so