gestohlen! Lauft! sucht! holt sie zurück! Lauft, so weit eure Füsse vermögen! -Mit diesem schnaubenden Geschrei eilte er fort auf den Herrnhof: nach jedermanns Berichte, den er nur fragte, war Siegfried schon beinahe vor vier Stunden abgereist. Er eilte in die Pfarrwohnung: niemand liess sich sehen: der Pfarr und seine Frau versteckten sich vor Furcht, als sie seine stimme hörten, und sonst war keine Seele im ganzen haus zu finden. Er erkundigte sich auf dem Herrnhofe, wohin Siegfried gereist wäre; und man antwortete: "Auf sein Gut." – "Wie weit ist das?" – "Zwo Meilen." – Er fragte bei allen Mägden auf dem hof an, ob eine Ulriken gesehen oder gar gerufen habe: keine wusste etwas von ihr. Nicht einmal den Weg nach Siegfrieds anderm Gute, kaum den rechten Namen desselben konnte man ihm berichten: er stellte bei allen Bauern im dorf Nachsuchung und Nachforschung an: alles umsonst! Die Nacht rückte heran: es fand sich wohl jemand, der ihm den Weg nach Siegfrieds Gut beschrieb, aber jedermann war zu müde von der Arbeit, um ihm zum Boten zu dienen, und allein konnte er sich in der Dunkelheit unmöglich finden. Er musste seine Reise bis in den Morgen darauf versparen, ass, trank und schlief nicht und machte sich mit der ersten Morgenröte auf den Weg. Nach vielfältigem fragen und Verirren langte er erschöpft an: auch hier umsonst. Der Herr war seit drei Tagen nicht zu haus und die Frau gestern abend verreist. Nun liess sich über Ulrikens Schicksal nicht mehr zweifeln: sie war geraubt, entführt und vermutlich für ihren Geliebten auf immer verloren.
Nie beweist die eingeschlummerte Liebe ihre wahre Stärke mehr, als wenn ihr Trennung oder ein ähnlicher Unfall den Tod droht. Herrmanns Gemütsunruhe hatte ihn seit dem Anfange seiner häuslichen Unordnung gleichgültig gegen Ulriken gemacht: sein Herz liebte sie im grund nicht weniger als vorher, aber es war in so viele andre Leidenschaften geteilt, dass es zu den vorigen heftigen Ergiessungen der Liebe nicht genug Kraft hatte. Jetzt mussten alle andre Kümmernisse schweigen: der Schmerz der Liebe überstimmte sie alle. Herrmann betrachtete sich als einen Witwer und brachte vier Wochen in einer dämischen Betrübnis zu, die ihm Überlegung, Tätigkeit und Empfindung für alles ausser sich raubte: mancher Tag ging ohne Speise und Trank hin. Endlich drückte die häusliche Not so gewaltig auf die Federn seiner Seele, dass sie ebenso gewaltig emporsprangen: er hatte mit den Seinigen bisher von dem Verkaufe des Ackergerätes und des Viehes gelebt, das der Hunger nicht hinraffte; dies Rettungsmittel war jetzt vorbei: der Pfarr hatte ihm zuweilen Kleinigkeiten zufliessen lassen; auch diese hörten auf, und Herrmann hätte lieber von der Hand des Todes Trost angenommen als von den Händen eines Mannes, den er als einen Gewissenlosen hasste. Der Hunger sprach aus Hedwigs verfallnem gesicht: sie foderte mit Tränen Brot und kündigte traurig an, dass sie weder durch Kredit noch für Geld eine einzige Mahlzeit mehr verschaffen könnte: der Vater war so kleinlaut, so schwachmütig geworden, dass ihm keine einzige von seinen auffahrenden Reden mehr entwischte: Beide baten kläglich, dass Herrmann Rat schaffen möchte. Von ihren Vorstellungen gerührt, sprach er zu ihnen: "Seid ruhig, meine Lieben! Ihr sollt heute essen wie Reiche. Dem Unglück kann ich nicht wehren, dass es mich trifft: aber niederschlagen soll es mich fürwahr nicht. Der Schmerz der Seele machte mich unfähig, an die Bedürfnisse des Körpers zu denken. Vergebt mir, dass ich so ein schlechter Hausvater bin!" – Er ging und tat, wozu er sich bisher aus einer falschen Scheu, seine Verlegenheit kundwerden zu lassen – wiewohl sie jedermann wusste, ob er sich es gleich nicht einbildete –, nicht entschliessen konnte: er verpfändete sein Gut, empfing von dem Schulzen gegen eine Handschrift eine höchst geringe Summe, um der gegenwärtigen Not zu steuern, und kam mit ihm überein, dass er eine grössre in vierzehn Tagen gegen gerichtliche Versichrung erhalten sollte. – "Seht ihr", sagte er mutig, als er nach haus kam und das Geld auf den Tisch legte, "seht ihr, dass noch hülfe für uns in der Welt ist? Verzagen gehört für schwache Seelen und Bösewichter. Hedwig, tischen Sie auf! Wir wollen heute essen wie Reiche: halt ich nicht Wort?" – Geschäftig bereitete Hedwig eine reichlichere Mahlzeit als gewöhnlich, und der Tag, der mit dem äussersten Kummer anfing, endigte sich für alle mit Freude und Erquickung.
Herrmann machte nunmehr das Projekt, von dem aufgebrachten Gelde seinen beiden Hausgenossen das Nötige zurückzulassen, auf das Gut einen Pachter zu setzen und mit dem Reste seiner Barschaft auszuwandern, um das Glück oder Ulriken zu suchen: doch nahm er sich ernstlich vor, seinem herz Gewalt anzutun, ihre Liebe durch seine Gegenwart nicht von neuem zu befeuern, sondern vielmehr sich von ihr zu entfernen, sobald er wüsste, dass sie sich in günstigen Umständen befände: Wünsche, Begierden, Entwürfe stiegen haufenweise in ihm auf: der neue Plan riss ihn hin: hastig brachte er alle seine Angelegenheiten zustande und quälte sich vor Ungeduld, dass ihm Hindernisse nur einen Tag Aufschub verursachten. Er schloss seinen Pachtkontrakt mit Hitze und also sehr zu seinem Nachteil, wies seinem Vater und der fräulein Hedwig den Genuss der Pachtgelder zu ihrem Unterhalte und zu Bezahlung der Zinsen an, gab ihnen nebst dem Pachter sein Haus ein,