den niemand schwarz genug malen kann, und wenn er die Farben aus der Hölle nähme! – Da stehen sie, die beiden Nichtswürdigen, und freuen sich ihrer Tücke: ich mag sie nicht länger anschaun. – Wagt es! führt euren Schelmenstreich aus! Nehmt mir Ulriken! Aber der erste, der eine Hand an sie legt, drückt mir die Kehle zu oder ich ihm."
Er warf dem Pfarr, ohne etwas weiter zu sagen, die vorgestreckten zwanzig Taler auf den Tisch und ging. Siegfried, sosehr ihn die gemachten Vorwürfe kränkten, freute sich mit satanischem Lächeln über die Uneinigkeit dieser beiden Leute; und der arme Pfarr, der sich vor Überraschung nicht besinnen konnte, wie er zu Meineid und Treulosigkeit gekommen war, ohne es zu wissen noch zu wollen, blieb entfärbt und unbeweglich stehen und vermochte nicht ein Wort zu seiner Verteidigung aufzubringen, ob er sich gleich keiner Bosheit, sondern höchstens nur einer unzeitigen Schwatzhaftigkeit schuldig gemacht hatte. Auch Siegfried verliess ihn, und er war noch immer nicht bei sich.
Herrmann ging nicht gerade zu Ulriken, um sie nicht durch seine Verwilderung zu schrecken: seine Seele war mit zu fürchterlichen Gedanken erfüllt, und nach einer so ausgezeichneten Verräterei zweier Männer, deren Redlichkeit ihm felsenfest zu sein schien, kam ihm alles, was menschlich heisst, zu verhasst vor, um einen Sterblichen anzublicken: er schloss die Haustür hinter sich zu und setzte sich im Garten in eine Laube. Alles um ihn herum war schwarz wie die Galle, die in ihm kochte: selbst der heitre, blaue Himmel schien ihm mit finstern, pechschwarzen Wolken überzogen: er war seinem eignen Odem gram, so tief verabscheute er die Menschheit.
"Ein Verbrecher?" fing er abgebrochen an. "Ja, ich bin's – und will es doppelt werden. – Sie sollen Ulriken nicht haben, und wenn ich meine eignen hände mit ihrem Blute färben müsste! Wird eine Übereilung der Schwachheit schon so unbarmherzig gestraft, was soll dann einem Morde geschehen? – Nichts mehr und nichts weniger! Wenn glühende Qualen einmal mein Gewissen martern sollen – Feuer brennt wie Feuer, und Qual martert wie Qual, sie martre für ein oder zwei Verbrechen. – Sie sollen sie nicht haben: eher will ich ihr mit meinen Händen die Adern zerreissen, dass der purpurne Lebensstrom herausquillt, oder – Gott! wie mich schaudert! – Herrmann! Herrmann! was beginnst du? – Wenn sich nun das liebe, sanfte geschöpf an mich hinge, mit krampfichter Angst die Finger sich in mein Fleisch hineingrüben – wenn dann röchelnd und zuckend ihr schlaffes Haupt sich senkte, das erstarrte Blut aus der Wunde nicht mehr flösse und das Leben mit einem Seufzer entflöhe, und ich, ihr einziger Freund, stünd als ihr Mörder da und liess die Leiche platzend auf den Boden hinfallen – und ich eilte von ihr, um mich vor Himmel und Menschen zu verbergen, irrte von Ort zu Ort, und immer schwebte das Schwert des Henkers über meinem Nakken – Oh, wer schützt mich vor meinen eignen Gedanken? Wer fesselt meinen Willen, dass er keine Untat beschliesst?" –
Nach einer tiefsinnigen Pause fing er wieder an: "Fliehen will ich mit ihr! sie auf meine arme nehmen wie ein Kleinod, das man aus dem Feuer rettet, und mit ihr fliehen! Weit von den Barbaren, die mich um den Bissen Glückseligkeit beneiden, dass die Liebe eines treuen Mädchens meine Not erleichtert! Nie sei mein Herz der Freundschaft gegen einen Menschen offen: nie fühle mein Herz einen Pulsschlag lang Vertrauen zu einem Menschen: wie ein einsames Gewächs in einer Wüste, das sich auch selbst im grössten Sturme nie zu einem andern hinneigt und Schutz sucht, will ich in der menschlichen Gesellschaft sein, will mich in mich selbst verschliessen, Mitleid fühlen und helfen, wo ich kann, aber nie Freundschaft, nie Zutrauen. – Wenn Schwinger sich mit einem Bösewichte, den er sonst tödlich hasste, wider mich verbindet; wenn er dem grössten Schelm auf der Erde Lohn von Gott verspricht und mir für eine verliebte Vergehung den Lohn eines Bösewichts prophezeit; wenn Schwinger aus schnöder gefälligkeit gegen einen Grafen alle Vernunft, alles Gefühl verleugnet; wenn mich die Ehrlichkeit selbst verrät und in die hände der Räuber spielt: was sollen dann die übrigen tun? – Fort! fort mit mir! Ich bin mit Tigern, Ottern und Wölfen umgeben: fort mit dir! ehe sie mich verschlingen." –
Er sprang hastig auf; und ins Haus hinein! Er suchte Ulriken in der stube, in der kammer – fand sie nicht; rief, lief die Treppe hinan, schrie ängstlich ihren Namen, so laut er konnte: fräulein Hedwig, sein Vater kamen auf das Geschrei, ein jedes aus seinem Kämmerchen herbeigelaufen. "Wo ist Ulrike?" fragte Herrmann zitternd vor Ahndung.
Hedwig. Sie ist Ihnen ja nachgegangen.
Der Vater. Kaum drei oder vier Minuten, nachdem du aus dem haus warst.
Herrmann. Mir ging sie nach? – Und warum?
Hedwig. Eine Magd rief sie –
Herrmann. Und sie ging mit der Magd?
Hedwig. Allerdings! Die Magd brachte ja Ihren Befehl, dass sie Ihnen nachkommen sollte. Der Pfarr wäre Ihnen begegnet, sagte sie, und ginge mit Ihnen zum grab auf den Kirchhof: sie sollte hurtig nachkommen.
Herrmann. Und sie ist noch nicht wieder da? – Sie ist fort! Man hat sie