Lips Tullian sind ihre beiden Ahnherren."
Siegfried. Was bist denn du? – Ein Mädchenverführer! Mädchendieb! Mädchenschänder! – Wenn du deine Ehrentitel hören willst, so lies einmal diesen Brief. –
Er warf ihm einen Brief auf den Tisch: Herrmann erkannte bei dem ersten Blicke Schwingers Hand, nahm ihn auf und las die Aufschrift, 'an Herrn Siegfried', mit einem langen Schwanze von Gütern, die dem Namen gehörten: er öffnete ihn voll Erstaunen und fand folgenden Inhalt.
den 16. Julius.
Hochgeehrtester Herr!
Endlich ist mir's gelungen, dem Unwürdigen, den ich ehmals meinen Herrmann nannte, seine Bubenstücke zu vereiteln. Die Gräfin willigt in alles: sie hat ihren Vetter schon benachrichtigt, dass er die Baronesse erwarten soll, und nun machen Sie Anstalt, wie es aus den Klauen ihres verachtungswürdigen Verführers zu reissen und an Ort und Stelle zu liefern, wie ich bereits in meinem letzten Briefe Verabredung mit Ihnen genommen habe! Ich trage die Unkosten und werde sie Ihnen erstatten, sobald Sie mir die Rechnung davon übersenden, im Falle dass der Gräfin Vetter, der Oberste, sich nicht dazu erbietet: fodert er Ihnen nicht freiwillig die Rechnung ab, so erinnern Sie ihn auch nicht von fern daran; und fragt er bloss, wer die Reisekosten bezahlen wird, so nennen Sie die Gräfin. Der guten Dame würde die Erstattung freilich schwer sein, und bewahre mich der Himmel, sie ihr zuzumuten! Doch bitte ich inständigst, es niemanden zu entdekken, dass ich die Kosten übernommen habe: ich möchte auch nicht gern scheinen, dem haus, das mich ernährt und befördert hat, eine Verbindlichkeit auflegen zu wollen, die es nicht ohne geheime Kränkung öffentlich auf sich ruhen lassen würde. Auch suche ich niemanden auf der Welt durch die kleine Aufopferung zu verbinden, sondern bloss mein Gewissen zu beruhigen: ich will mir den Rest meines Lebens durch das Bewusstsein versüssen, dass ich die Unschuld von der Verführung gerettet, der geschändeten Tugend zur öffentlichen Ehre wieder verholfen – denn leider! kann ich ihre innere nicht wieder herstellen! –, ein betrognes, guterziges Mädchen vom Elende befreit, vor künftigen Vergehungen verwahrt, in ihren rechtmässigen Stand wieder eingesetzt und einem haus, das ohnehin Kummer genug drückt, die Ruhe wieder verschafft habe, zu deren Verbitterung ich unschuldigerweise durch Schwäche, unzeitige Nachsicht, verblendetes Wohlwollen, Kurzsichtigkeit und übel angewandtes Vertrauen so vieles beitrug. Alle Fehler, die ich dabei beging, hat mir meine Betrübnis darüber und der Undank und nagende Spott des Bösewichts genug vergolten, den ich aus einfältiger Blindheit so lange für ein Muster der Rechtschaffenheit und Ehrliebe hielt. Ich kenne ihn nicht mehr und verachte ihn so sehr, dass ich nicht einmal an seiner Bestrafung arbeiten mag. Wenn Sie die Baronesse seinen Händen entrissen haben, so ist der Gräfin und mein Zweck erreicht: bekümmern Sie sich weiter nicht um ihn, sondern überlassen Sie ihn dem Elende, den Qualen des Gewissens und der Verachtung der Menschen! Ich habe der Gräfin die Schandtat verhehlt, die der Ruchlose an der Baronesse verübt hat: wir wollen sie auch der Welt verhehlen, soviel uns möglich ist, um dem künftigen Glücke der guten Ulrike nicht zu schaden: das Geheimnis ihrer Niederkunft soll mit mir ins Grab gehen, und ich bitte Sie bei Ihrer ewigen Wohlfahrt, tun Sie ein Gleiches und beschwören Sie alle, die darum wissen, unserm Beispiele nachzuahmen! Der Verbrecher wird seinen Lohn durch sich selbst finden, so wahr ich einen Gott glaube; und von diesem erwarten Sie den Dank für Ihre Bemühungen zu Ulrikens Rettung, wenn Ihnen der meinige nicht genug ist. Ich bin etc.
Schwinger.
Betäubt wie von einem plötzlichen Schlage und beinahe sinnlos liess Herrmann den Brief sinken: Schmerz, Verzweiflung, Verwilderung starrten ihm fürchterlich aus auge und Mienen hervor. Knirschend sah er empor, die Daumen eingeschlagen, die Fäuste geballt, und drohend mit beiden erhobenen Armen rief er: "O so stürze Erd und Himmel zusammen, wenn das Menschen sind! Ungeheuer, denen Löwenblut in den Adern rollt! Teufelsseelen, aus Unbarmherzigkeit und Wildheit zusammengesetzt! – So denkt, so spricht der Mann, der sich meinen Freund nannte? So lässt sich der gutmütige Schwinger von der Bosheit zu einer Verschwörung wider mich verleiten? Spricht ein Urteil über mich, wie es kaum die unmenschlichste Dummheit, der barbarischste Menschenhass sprechen könnte? – Noch einmal! Himmel und Erde muss zusammenstürzen und eine solche Brut von Treulosen, Barbaren und Verrätern vernichten! Verräter seid ihr insgesamt an mir! schändliche Verräter, die ihren Lohn durch sich selbst finden müssen, wenn Gerechtigkeit die Welt regiert."
Er wandte sich zum Pfarr: "Heisst das die menschenfreundliche, wohltätige Lehre ausüben, die Sie predigen sollen, dass Sie einen Freund verraten, der sich in Ihre arme warf? Ist das die allgemeine Nächstenliebe, das die Nachsichtigkeit gegen Fehler und Schwachheiten, das die Sanftmut gegen den Verirrten, die Sie einprägen sollen, dass Sie ein Geheimnis aufdecken, auf dessen Verheimlichung Sie mir Ihr Wort und diese Rechte gaben? – Verzehren muss sie sich, die treulose Rechte, und jeder Segen, den sie austeilen soll, wie zehnfacher Fluch auf den Gewissenlosen zurückfallen, der sie zum Unterpfande der Falschheit gab! – Gott! das sind Menschen! sprechen Lügen, sooft sie atmen, und handeln wilder, als es ein menschlicher Verstand sich vorzustellen vermag! Überliefern den gefallnen Bruder in die hände des Bösewichts,