er einmal durch sein gutes Spielen und diese verstellte Güte das Vertrauen des Predigers gewonnen hatte, so war es äusserst leicht zu bewerkstelligen, dass dieser alles beichtete, was er das letzte Mal verschwiegen hatte. Sogleich wurden die eingezognen Nachrichten Schwingern mitgeteilt, der aber der Gräfin alles verheimlichte, was sie geneigt machen konnte, Ulriken ihre hülfe zu entziehn: sie schrieb ihrem Vetter, dem Obersten, dass er die Baronesse in einigen Wochen erwarten sollte, und ersuchte ihn inständigst, sie nach ihrer Ankunft in sorgfältiger Verwahrung zu halten, dass sie nicht wieder entwischte. Schwinger nahm mit dem Geschäfte auch stillschweigend die Kosten über sich, teils vielleicht aus einer kleinen Rache gegen Herrmann, teils, und zwar grösstenteils, in der Absicht, ein gutes Werk zu tun, eine junge person, die er liebte, aus der Verirrung zurückzubringen und die Unruhe zu vergüten, die er wider seinen Willen durch die Verteidigung und Unterstützung seines missgeratenen Freundes einem haus zugefügt hatte, dem er Verbindlichkeit schuldig war; und Siegfried bot willig die hände zur Ausführung eines Komplotts dar, das seiner tückischen Schadenfreude und seinem gekränkten Stolze so wohltat. Alles war angelegt, Ulriken durch List oder Gewalt zu rauben und in die hände des Obersten zu bringen.
Elfter teil
Erstes Kapitel
Bei der Ausführung des Komplotts musste der Pfarr abermals eine Rolle übernehmen, doch ohne dass er es wollte oder wusste. Siegfried gab ihm unbeträchtliche zwanzig Taler, um sie dem hülfsbedürftigen Herrmann zuzustellen: zugleich bezeugte er grosses Verlangen, einen Mann von so sonderbaren Schicksalen näher kennenzulernen, und bestimmte Tag und Stunde, wo er ihn in die Pfarrwohnung kommen lassen und nach der Überlieferung des Geldes so lange durch gespräche aufhalten sollte, bis der hochgebietende Erb-, Lehn- und Gerichtsherr dazu käme. Es geschah: der Pfarr lieferte das längstversprochene kleine Kapital mit Verlegenheit und Entschuldigungen aus, dass es nicht mehr war, und Herrmann nahm es aus dem nämlichen grund mit Verlegenheit und Verwunderung an. Die Unterredung entspann sich, und ein Mensch in Not, der sein Herz gegen einen Freund erleichtert, kann ohne Mühe den Faden eines Gesprächs sehr lang spinnen: unbemerkt strichen drei ganze Stunden darüber hin. Plötzlich trat Siegfried mit der stolzen Miene eines neugeschaffnen Gutbesitzers herein: Herrmann erschrak bei einer so verhassten Erscheinung, dass er fast alle Besonnenheit verlor. Siegfried, als er seine Verwirrung innewurde, bekam doppelten Mut und doppelte Unverschämteit und fragte ihn wie einen Missetäter über Artikel: Herrmann war ertappt: er konnte und wollte keine Frage verneinen, sondern bekannte mit stolzem Trotze seinen Namen und Abkunft: sie hatten sich beide ehemals zu wohl gekannt, um mit Verleugnen durchzukommen.
"Leider! kennen wir uns!" fing Herrmann an, als ihn Siegfried fragte, ob er ihn noch kennte. "Sollt ich den Vater des Bösewichts nicht kennen, der mich aus der Gunst und dem schloss des Grafen Ohlau vertrieb? den grossen Intriguenmacher, der meinen Vater ums Brot brachte und sogar das kümmerliche Gnadengeld bestahl, das ihm der Graf aussetzte? Einen Dieb, dem die natur den Galgen auf die Stirn brannte, erkennt man ja wohl, auch wenn man ihn nie sah." –
Die unvermutete Dreistigkeit, womit er dies sprach, verursachte Siegfrieden eine Bestürzung, dass er ihn nicht unterbrechen konnte; endlich übermannte sie der Grimm. – "Wisst Ihr, mit wem Ihr sprecht?" fuhr er schäumend heraus.
"Mit Euch!" schrie ihm Herrmann ins Gesicht. "Mit Euch! und das will viel sagen; denn so ein ganzer Schurke wie Ihr wird in Jahrtausenden nicht wieder geboren."
Der Pfarr, der ausser allem Zusammenhange war und nicht begriff, wie ein solcher Dialog daherkam, suchte beide Teile zu besänftigen: vergebens! Siegfried drohte mit Gefängnis: Herrmann spottete seiner. "Unter Eurer Gerichtsbarkeit", sprach er, "werden wohl nur die ehrlichen Leute ins Gefängnis gebracht: dass sich Euer Gerichtshalter ja nicht einfallen lässt, die Schelmen einzuziehen: wahrhaftig, wenn der Mann nicht selber einer ist, so macht er bei dem Gerichtsherrn den Anfang."
Siegfried schwoll von Gift und Galle so gewaltig an, dass er den Stock aufhub: der Pfarr warf sich dazwischen. "Lassen Sie ihn!" schrie Herrmann. "Der Sohn hat unter den Spitzruten geblutet; der Vater möchte es gern unter meinen Fäusten tun. Mit dem ersten Schlage sitzen ihm meine hände an der Kehle: aber erwürgen will ich ihn nicht! das mögen hände tun, die die Obrigkeit dazu bezahlt."
Siegfried konnte vor Zorn nicht antworten: der Pfarr befahl Herrmannen ernstlich, sich solcher harten Reden zu entalten. "O der harten Reden!" rief Herrmann mit knirschender Bitterkeit. "Gegen die Verbrechen dieses Unwürdigen sind es nur leichte Luftblasen: brennend wie Schwefel sollten sie sein, und noch würden sie so ein steinhartes Gewissen nicht brennen: Das hat Schildkrötenschalen, worein es sich versteckt, wenn es ein Vorwurf trifft."
"Ich bin Euer Gerichtsherr", stotterte Siegfried. Henrmann. dafür kann ich nichts und vermutlich der liebe Gott ebensowenig; denn sonst hätt er Euch noch höher steigen lassen als Euern Sohn. Dem Sohne hat er einen würdigen Platz gegeben: nun sollte noch der Vater –
Der Pfarr hielt ihm den Mund zu, aber er machte sich los. "O Sie wissen's nicht", fuhr er fort, "aus welcher grossen Familie unser Gerichtsherr ist! Dem Sohn ist seine Ordenskette angeschmiedet: Cartouche und