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Familie aufnehmen wollte. "Sie mag sterben oder leben", sprach er, "ich tue schlechterdings, als wenn sie mich nichts angeht. Ich verbiete hiermit von neuem, dass man sie mir jemals wieder nennt: auch wenn sie sich demütigte und um Gnade bäte, würde ich sie doch nicht als meine Schwestertochter annehmen." –

Nach dieser abschlägigen Antwort wandte sich Schwinger an die Gräfin und fand viel günstiger Gehör. halb aus Güte, halb aus Weichheit des Herzens, auch aus einem Rest von Liebe für Ulriken willigte sie in Schwingers Verlangen, sie mit Gewalt aus Herrmanns Besitze zu reissen: aber wohin mit ihr? – Auch diese Schwierigkeit wurde gehoben: einer ihrer Vettern stand als Oberste in den Diensten eines kleinen Hofs und war Generalissimus über die ganze Mannschaft, die er hielt. Die Gräfin bat ihn schriftlich, seinen Kredit bei der Fürstin anzuwenden und Ulriken einen Platz als Hofdame bei ihr auszuwirken: der Oberste gab Hoffnung, dass es ihm glücken werde, sie anzubringen, obgleich vorderhand kein Platz ledig sei, und bot ihr unterdessen sein Haus an, damit sie sich bei der Fürstin vielleicht durch ihre eigne person in Gnade setzen könnte. Nun war nur noch eine Bedenklichkeit übrigob sie nicht durch langen vertraulichen Umgang mit Herrmannen in Umstände geraten sei, dass man sie nicht ohne Schande einer Fürstin zur Hofdame anbieten könne; denn seiner Versicherung, dass sie als Engel beisammenlebten, traute man nicht. Aber woher sollte man sich über diesen Punkt zuverlässig unterrichten? – Schwinger suchte auf der Karte die Lage des Dorfs, aus welchem Herrmanns Brief datiert war, und fand es in der Gegend, wo sich Siegfried zufolge seines letzten Berichtes angekauft hatte: denn dieser neue Gutsherr hatte die Höflichkeit oder vielmehr die Unverschämteit, dem Grafen und allen seinen Bekannten, auch wenn er sie sonst gehasst hatte, in einem grossen Briefe jeden Ankauf zu wissen zu tun, wenn er auch nur in einem Vorwerke bestund. Schwinger schlug ihn der Gräfin zur Mittelsperson vor; allein sie wollte dem mann, der sich durch das blinde Vertrauen ihres Gemahls bereichert hatte, auch diese kleine Verbindlichkeit nicht schuldig sein: die Sache blieb hängen. Es kam ein Brief vom Obersten, der die Fürstin schon so weit gebracht hatte, dass sie Ulriken zu sehen verlangte und ihr einen Platz mit der halben Besoldung einer Hofdame versprach, wenn sie ihr gefiele: es kam ein Notifikationsschreiben vom Herrn Siegfried, welches den Ankauf des nämlichen Dorfs meldete, wo sich Herrmann aufhielt. Schwinger drang nach diesen Nachrichten mit seinem guterzigen Eifer noch einmal in die Gräfin, einen Versuch zu machen, nahm die Besorgung des ganzen Geschäftes über sich und bat bloss um die Erlaubnis, es im Namen der Gräfin betreiben zu dürfen: darein wurde dann gewilligt. – So zog sich über Herrmanns Haupt, unterdessen dass er seine ländliche Ruhe genoss, verlor und darbte, auf seine eigne Veranlassung das Ungewitter zusammen, das ihn jetzt bedrohte, ohne dass er etwas davon wusste: so entstand der Brief, den jetzt, wie vorhin gesagt wurde, Siegfried von Schwingern erhielt, mit dem Auftrage, die Baronesse Ulrike auszuforschen.

Der Mann hatte sein Talent zu dergleichen Verrichtungen schon auf dem schloss des Grafen sattsam bewiesen: er bewies es auch jetzt. Er bat den Pfarr zu sich zu Tische, und vieles fragen und etliche Gläser Wein vermochten abermals so viel, dass er Herrmanns armselige Umstände entdeckte: Siegfried tat, als wenn er ihm durch verborgne Wohltätigkeit aufhelfen wollte, und bat den Prediger, dass er ihm gelegenheit verschaffen möchte, den jungen Mann und seine Frau in seiner Pfarrwohnung zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden. "Ich weiss wohl", sagte der Verstellte, "solche Leute, die einmal vornehmer gewesen sind, haben zuviel Bettelstolz; sie lassen es nicht gern merken, dass sie Wohltaten brauchen. Wenn sie mir wie ehrliche Leute aussehn, will ich ihnen durch Sie Geld vorschiessen: Sie können ja tun, als wenn es von Ihnen käme."

Der Pfarr, der so oft für Herrmanns Ungehorsam bei der Geburtstagsfeier Vorbitten eingelegt hatte, war über eine solche unvermutete Wendung der Sache ungemein vergnügt, lud die beiden jungen Leute zu sich, Siegfried kam durch die Hintertür herein, verbarg sich und lauschte an dem Fenster in der Stubentür, sobald sie darinne waren. Sosehr sie sich beide in den sechs Jahren, dass er sie nicht gesehen, verändert hatten, so erkannte er sie doch gleich. Der Pfarr tröstete sie mit der Hoffnung, dass er ihnen mit einem kleinen Kapital, das man ihm vor einem paar Wochen aufgesagt hätte, ohne Interesse dienen wollte, um ihrer Wirtschaft emporzuhelfen: sie nahmen das Anerbieten mit freudiger Dankbarkeit an und ging ein wenig beruhigter von ihm weg, als sie kamen.

Siegfried liess den Pfarr auf eine Spielpartie noch den nämlichen Tag zu sich bitten. Auf eine Spielpartie? – Nun war die Freundschaft zwischen beiden geknüpft, da der Pfarr sah, dass sein Patron spielte: das Spiel lieben und ein ehrlicher, verständiger, braver Mann sein war in seinen Augen dasselbe. Er fand sogar, dass Siegfried gut spielte, und nunmehr offenbarte er ihm seine innersten Gedanken, weil ein Mann, der so gut spielte, nach seiner Meinung weder Schelm noch Verräter, noch Bösewicht sein konnte. Das Gespräch wurde sogleich bei dem Abendessen wieder auf Herrmannen gelenkt: Siegfried versicherte, dass ihm die beiden Leutchen ziemlich gefielen und dass er sie schützen und unterstützen wollte. Da