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Rausche seiner ländlichen Glückseligkeit, ungefähr ein Jahr nach seiner Ankunft auf dem land, schrieb er teils aus Begierde, die Freude über sein Wohlsein seinem besten, geliebtesten Freunde mitzuteilen, teils aus Pflicht, Dankbarkeit, Zuneigung einen Brief an Schwingern in der vollsten Ergiessung des Herzens: seiner Empfindung gemäss waren auch seine Ausdrücke äusserst feurig. 'Endlich', sprach er unter andern, 'habe ich mich durch alle Gefahren, Verfolgungen, Leiden durchgeschlagen, durch so mannigfaltige Widerwärtigkeiten hindurchgearbeitet und auf ein kleines, ruhiges Eiland gerettet, wo ich allen, die mir übelwollen, Hohn spreche; wo ich alle, die mich noch neulich durch fruchtlosen Arrest unglücklich zu machen suchten, verachte, verspotte, verlache. Von der Höhe meiner ländlichen Glückseligkeit sehe ich mit Mitleid und Triumph auf die elenden Kreaturen herab, die durch schwache Maschinen und kraftlose Anstrengung mit ohnmächtigem Zorne meine Standhaftigkeit erschüttern und das Gebäude meines Glücks einstürzen wollen. In Ihrem Busen, liebster Freund, lege ich das Geheimnis nieder, dass Ulrike meine Glückseligkeit mit mir teilt: wir wohnen beisammen, aber mit einer Unsträflichkeit, einer Unschuld wie Heilige, wie Engel. Wir beide, mein Vater und fräulein Hedwig bilden eine kleine glückselige Republik, eine Familie, die Einigkeit, Wohlergehen und Seligkeit belebt. Wollen Sie meinen Feinden die Demütigung machen, dass sie mich, sich selbst zum Trotze, in dem Besitze des liebenswürdigsten Mädchens sehen und lassen müssen, so entdecken Sie ihnen meine Glückseligkeit, wenn Sie es für gut befinden: doch ist es mir lieber, wenn Sie schweigen und meine Nachricht als ein anvertrautes Geheimnis bei sich bewahren. Auch die halbtote Schlange kann noch schädliche Bisse tun: zischen mag der Graf Ohlau und sich ärgern, dass er mich nicht erreichen kann, weil er mich nicht zu finden weiss: aber wenn er mich auch zu finden wüsste, Ulriken soll mir niemand nehmen, und wenn Sie selbst, lieber Freund, sich wider mich verschwüren: Freundschaft und Leben opferte ich einer Kostbarkeit auf, nach welcher ich so lange gerungen habe.'

In einem solchen Triumphtone war der ganze Brief geschriebenübermütig, überspannt, ausschweifend, aber aus den lautersten Bewegungsgründen und mit der freundschaftlichsten Empfindung. Gutmütige Leute kommen langsam zu Argwohn und Zorn, kommen aber auch ebenso langsam von beiden zurück, wenn sie einmal dazu gebracht werden. Der Mann, der länger als zehn Jahre keinen Verdacht wider Herrmannen an sich haften liess, der ihn wider die scheinbarsten Anzeigen, wider schriftliche und mündliche Zeugnisse verteidigte, seine unwiderlegbaren Vergehungen entschuldigte, ihn als einen Schwachen liebte, warnte, leitete, unterstützte,19 der ihm sogar den frechen beleidigenden Brief aus Berlin von Herzen vergab und neue Wohltaten erzeigte: dieser so nachsichtige Mann wurde durch die persönlichen Beleidigungen des Berliner briefes zu einem Verdachte geführt, der ihm alles, was Herrmann tat und schrieb, in einen unrechten Gesichtspunkt stellte. Herrmann hatte ihm schon oft lange auf Briefe nicht geantwortet, ohne dass es ihm etwas anders als Nachlässigkeit schien: da der junge Mensch in Leipzig auf die Verzeihung für den Berliner Brief und den erneuerten Vorschlag, den Winter auf dem land bei ihm zuzubringen, die Antwort aus Zerstreuung und Spielsucht unterliess, wurde Schwingern diese Unterlassung sogleich verdächtig: er geriet augenblicklich auf den Argwohn, dass er ihn mit seiner Reue über die Beleidigungen des Berliner Briefes hintergangen habe. Nikasius gab ihm die Nachricht, dass Herrmann unter Spielern und Trinkern lebe; und Schwinger wurde nicht nur in jenem Verdachte bestärkt, sondern sah auch seinen jungen Freund nun nicht mehr als einen Schwachen an, der aus Übereilung fehlte, sondern als einen Verderbten, Lasterhaften, Undankbaren: seine gutmütige Seele wurde vom Zorn ergriffen wie vielleicht noch niemals und beschloss Strafe über den Boshaften, wiewohl selbst dieser zornige Entschluss auf der andern Seite ein Beweis war, dass er auch den vermeintlich boshaften Herrmann noch liebte; denn ausserdem hätte er ihn verachtet und dem Schicksal überlassen: aber nein! weil er ihn noch liebte, bewegte er den Grafen, ihn in Verhaft nehmen zu lassen, um teils Ulrikens Aufentalt von ihm zu erfahren, sie ihm wegzunehmen und grössre Vergehungen zu verhüten, teils ihn durch eine leichte Züchtigung zum Nachdenken zu bringen. Die Verhaftnehmung war in jeder Rücksicht fruchtlos, wie bereits am gehörigen Orte erzählt worden ist: aber Schwinger hielt diese Fruchtlosigkeit nicht für eine wirkung der Umstände, wie sie es war, sondern glaubte in seiner argwöhnischen Gemütsverfassung, dass Herrmann aus beharrlicher Bosheit sich durch Leugnen und den Vorschub seiner lüderlichen Brüder losgemacht habe. So vorbereitet, empfing Schwinger nach andertalbjährigem Stillschweigendas anfangs Zerstreuung, alsdann die Beschäftigung mit Ulrikens Kummer, mit der Einrichtung seines Gütchens und endlich der erste Taumel seiner ländlichen Glückseligkeit veranlasstejenen hochfliegenden Triumphbrief; und der gute Mann verstand ihn als eine neue Beleidigung, als den bittersten Spott, wodurch sich Herrmann für die Verhaftnehmung in Leipzig an ihm rächen wollte, deren eigentlichen Urheber er nach Schwingers Voraussetzung wissen sollte, ob es gleich gar nicht möglich war; denn die Sache geschah im Namen des Grafen Ohlau. Diese neue, vermeintliche Bosheit brachte einen neuen Zorn bei Schwingern hervor, aber einen kränkenden Zorn, der die Liebe ganz verdrängte; denn er nahm sich vor, einen so äusserst boshaften Menschen der Züchtigung des Schicksals zu überlassen und nur zu Ulrikens Rettung das seinige aus allen Kräften beizutragen, wofern ihr noch zu helfen wäre. Er reiste zu dem Grafen und wurde von ihm abgewiesen, weil er ein entlaufnes, lüderliches Mädchen nicht wieder in seine