den der vorige Besitzer aus grosser Liebhaberei für diese Tiere an ein Fenster des Wohnhauses anbaute, in einen Balkon verwandeln lassen: er war rund gebaut, bloss das Dach und der oberste teil abgenommen, himmelblau angestrichen und hatte also das förmliche Ansehn einer Kanzel. Nachdem die versammelten Untertanen eine halbe Stunde gewartet und die Hanswürste ihre Trummeln und ihren Witz müdegeplagt hatten, erschien auf dem runden himmelblauen Balkon die gnädige herrschaft in dem schimmerndsten Prunke, die Dame in einem rosenroten Kleide mit silbernen Blumen, das zu dem Mulattengesichte und dem lichtgelben Halse ungemein lieblich abstach: Brust und arme zierten ganz alltägliche, schneidend gelbe Schleifen, und auf dem kopf stunde ein fürchterlich hohes Gebäude von Lokken und Spitzen, dass sich die Bauern ängstlich nach ihrem Kirchturme umsahn, aus Furcht, ihre hochgebietende Frau möchte ihn zur Vermehrung der Feierlichkeit auf ihren Kopf haben setzen lassen: die bretterne gesenkte Brust war so unverschämt entblösst, dass kein Sterblicher ohne Ekel hinzuschauen vermochte. Ihr ungeheurer Fischbeinrock füllte den ganzen engen Balkon aus, dass der Herr Gemahl nur mit dem kopf über den einen emporstehenden Flügel desselben herübergucken konnte: sein Staat war aber auch sehr merkwürdig: ein seladongrünes Kleid, mit Gold gestickt, eine hellblaue Weste mit Silber und ein Paar schwarzsamtne Beinkleider nebst perlfarbnen Strümpfen sagten auf den ersten blick, wer der Mann war. Alle diese Kleider wie auch die schönen Möbeln im haus hatten ehmals dem Grafen Ohlau und seiner Gemahlin gehört und waren von seinem Günstlinge in der Auktion, nach ausgebrochnem Konkurse, mit des Grafen eignem Gelde erstanden worden.
Der Nabob begab sich sehr bald mit seiner Frau in ein Zimmer und erteilte Befehl, dass die Prozession heraufkommen sollte: auf den nämlichen zwei Stühlen, worauf sonst Graf und Gräfin Ohlau Glückwünsche annahmen, empfingen jetzt jene beiden Geschöpfe den Handkuss der vorübergehenden Bauern, Weiber, Knaben und Mädchen. Siegfried, um seinen gewesenen Herrn in allem nachzuahmen, liess sich das Verzeichnis der Einwohner bringen und rief einen nach dem andern mit Namen auf; und wenn der Aufgerufne hervortrat, dann blinzte er ihm ein paar Sekunden geradeso ins Gesicht, wie der Graf zu tun pflegte, und wandte sich zu seiner Frau, um ihr etwas über die Nase oder das Kinn des Hervorgetretnen zu sagen, und rief dann plötzlich einen andern, dass der Vorhergehende verlegen dastund, sich die Haare hinter die Ohren strich und nicht wusste, ob er gehen oder bleiben sollte. Sehr bald zeigte es sich, dass nur ein einziger Hauswirt fehlte: der Herr Schulmeister wurde aufgerufen, um Nachricht von dem Ungehorsamen zu geben. Der Herr Schulmeister berichtete untertänig und gehorsamst, dass es ein Mann wäre, der – der – der sich zuviel dünkte, um dergleichen Solennitäten und Feierlichkeiten mitzumachen. Mit versteller Gleichgültigkeit verbarg der feine Mann, wie sonst der Graf Ohlau bei solchen Übertretungen, seinen geheimen Unwillen: aber die Widerspenstigkeit dieses einen ärgerte ihn zu empfindlich, um seinen Groll lange zu verbergen. Er erkundigte sich bei dem Gerichtsverwalter nach diesem einen, erkundigte sich bei dem Pfarr, der mittags zur Tafel geladen war, unaufhörlich nach diesem einen: beide entschuldigten ihn, wollten mit der Sprache nicht heraus, allein da das Nachfragen nimmermehr ein Ende hatte, erzählte der Pfarr, der von Siegfrieds und Herrmanns ehemaligem Verhältnisse nichts wusste, von der geschichte des letzteren, soviel ihm bekannt war und ohne Schaden erzählt werden konnte. Nun stieg Siegfrieds Neugierde auf das äusserste: der Pfarr wurde mit ewigen fragen geplagt, der Wein machte ihn schwatzhaft und unvorsichtig, und das ganze Geheimnis entwischte ihm, dass Herrmann und Ulrike nicht getraut wären, sich bisher mit seiner Begünstigung bei dem Publikum für getraute Eheleute ausgegeben und auch so zusammen gelebt hätten. Siegfried brach in heftige Vorwürfe aus, dass er als ein christlicher Prediger dergleichen Unzucht im dorf duldete, und befahl dem Gerichtsverwalter, Untersuchung darüber anzustellen. Sein Herz hüpfte vor Freuden, dass er unter einem so ehrbaren Vorwande den ungehorsamen Verächter des hohen Geburtsfestes bestrafen konnte. Er schöpfte bloss aus den Namen einige Mutmassungen, wer es sein möchte, aber er war mit seiner eignen Rache zu sehr beschäftigt, um einer solchen Mutmassung weiter nachzugehn, besonders da der Pfarr bei beiden jungen Leuten einen höhern Stand bloss aus ihren persönlichen Eigenschaften vermutete und ihre Namen für angenommen hielt. Die Untersuchung wurde durch Vermittelung des Pfarrs bei dem Gerichtsverwalter von einer Zeit zur andern verschoben: Herrmann erfuhr von allem nichts. Sein Gerichtsherr gab sich zwar viele Mühe, ihn zu sehen; aber er hielt sich mit Ulriken so sorgfältig inne und seine tür so verschlossen, dass es nicht möglich war; und wenn er auf das Schloss beschieden wurde, befand er sich allemal nicht wohl.
Während dass Siegfrieds Rache sich durch die Vermittelung des Gerichtshalters und des Pfarrs verzögerte und Herrmann mit sich zu Rate ging, wie er sich aus einer lastvollen Lebensart, einer verhassten Untertänigkeit und der traurigsten Verworrenheit seiner häuslichen Umstände herausreissen, woher er, wenn sein Gütchen nicht sogleich einen Käufer fände, Geld nehmen, wohin er sich mit seiner Gesellschaft wenden, was er anfangen sollte – während dieser Zwischenheit empfing Siegfried einen Brief von Schwingern, worinne er ihm entdeckte, dass sich die Baronesse Ulrike auf seinem neuangekauften Gute aufhalten müsste: er bat ihn daher in der Gräfin und seinem eignen Namen, heimliche Nachforschung zu tun und die Baronesse in Verwahrung zu bringen, bis man weiter über sie verfügen könnte – ein Auftrag, der Siegfrieds Bosheit und Intriguensucht unendlich willkommen war.
eigentlich hatte Herrmann selbst dieses neue Ungewitter veranlasst. In dem