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jetzt alles, seufzte nach Vergnügen, dürstete nach Gewinn, beneidete den Bewohner der grossen Städte wegen der zahllosen Wege zum Erwerbe, beneidete den Vornehmen, den Reichen über die Leichtigkeit, zur Ehre hinanzusteigen, und über ihren reichen Genuss der Vergnügen. So mannigfaltiger Neid, Unwille, Schmerz teilte seinem Gemüte eine Säure, eine Bitterkeit mit, die endlich auch die Liebe überwand: er misshandelte Ulriken nie mit einem Worte, aber er betrachtete sie bei sich als die Urheberin seines Unglücks, als eine Zentnerlast, die ihm am Nacken hinge und alles Emporkommen erschwerte. 'Wie leicht flög ich durch die Welt, wenn Ulrike nicht wäre!' dachte er oft. Immer mürrisch, immer von innerlichem Tumulte erschüttert, gab er ihr keine Freude und nahm keine von ihr: Amor mit seinem ganzen anmutigen Gefolge, Zärtlichkeit, Schwärmerei und Wonne, hatte sein Haus verlassen, und Ulrike weinte um ihre Flucht. Sie sahen sich nicht anders als bei Tische und auch dann mit gesenkten Häuptern und nassen Blicken des Mitleids: Armseligkeit war ihre Kost und Kummer ihre Würze: sie wichen einander die übrige Zeit des Tages aus, weil ein jedes dem andern Gram mitteilte und Gram von ihm empfing. Das nachbarliche Gespräch vor der Tür in den kühlen Abendstunden verstummte, Scherz und lachen bei dem Essen waren verbannt, der Hof ertönte nicht mehr vom frohen Geschnatter und Gekreische des Federviehes: aus jedem leeren Winkel starrte der Mangel mit hohlen Augen und eingefallnen Backen hervor: es war ein totes, banges Leichenhaus, wo man um die zwei grössten Schätze des menschlichen Lebens trauerteum Liebe und Glück.

Vor so grossen Widerwärtigkeiten, ehe sie mit völliger Macht auf den armen Herrmann hereinbrachen, ging ein Unglück her, das er nicht sogleich übersah und das ihn in der Folge aus dem Abgrunde über Felsenspitzen, Stämme und Äste mit mancher blutenden Wunde emporriss. Gegen das Ende des zweiten Winters kam der Pfarr an einem Nachmittage sehr unmutig zu ihm und brachte die Nachricht, dass der äusserst verwickelte Konkurs, den der verstorbne Herr des Dorfes hinterlassen habe, endlich einmal geendigt sei und dass zu seiner höchsten Unzufriedenheit der gewesene Bediente, von dem er ihm schon kurz nach seiner Ankunft aus Leipzig gesagt hatte, ein Bösewicht, der von dem gestohlnen Gelde seines verarmten Herrn sich in der ganzen Gegend Güter ankaufe und weder Lomber noch Trisett verstehe, das subhastierte Gut wirklich erstanden habe und also ihr hochgebietender Erb-, Lehn- und Gerichtsherr geworden sei. Herrmann, dessen Vergnügen nichts dabei einbüsste, hörte die Nachricht sehr gleichgültig an: da er bei der darauffolgenden Huldigung, wo ihm der Gerichtsverwalter auch seinen Handschlag abnahm, in Erfahrung brachte, dass sein neuer Gerichtsherr Siegfried hiess, und nach weiterm Nachforschen völlig überzeugt wurde, dass es Jakobs Vater, der gewesene Günstling und sogenannte Maulesel des Grafen Ohlau war, dann wurde ihm die neue herrschaft schon widriger und bedenklicher: allein teils hielt sie sich auf den übrigen benachbarten Gütern für gewöhnlich auf und besuchte dieses nur zuweilen, teils versank Herrmann nicht lange darauf in die vorhin beschriebne Verlegenheit; und darüber liess er den Herrn Siegfried samt seiner Bosheit aus der Acht und hütete sich nur, wie auch Ulrike, ihm zu gesicht zu kommen, wenn er einmal einige Tage im dorf zubrachte. Der neue Erb-, Lehnund Gerichtsherr, dem das Vergnügen, den kleinen grossen Herrn zu spielen, unendlich wohl tat, wollte es gern in seinem ganzen Umfange geniessen und den Grafen Ohlau im kleinen vorstellen: er ahmte deswegen viele von seinen Feierlichkeiten und prunkhaften Possen nach, aber freilich jedesmal mit so vieler Sparsamkeit und Lächerlichkeit, dass er die Fabel der ganzen Gegend wurde. ungefähr ein paar Monate nach der Huldigung seiner neuen Untertanen fiel der Geburtstag der Frau Gemahlin: er sollte auf diesem neuen Gute nach dem Modell der ehemaligen hochgräflichen mit dem nämlichen Pomp begangen werden, womit er schon zwei auf seinen andern Gütern gefeiert hatte. Es wurde einige Tage vorher angesagt, dass sämtliche Untertanen ihre Röcke ausflicken und in dem auserlesensten Feststaate an mehrbenanntem hohen Geburtstage früh um zehn Uhr auf dem herrschaftlichen Schlossplatze paarweise erscheinen sollten; die jungen Mädchen und Knaben, mit Bändern, Kränzen und Blumensträussen geschmückt, sollten mit einigen flatternden Freudenfahnen vorangehn und die Alten, bunte Tücher und grosse Zitronen in den Händen, ihnen nachfolgen, und die sämtlichen Materialien zu der Feierlichkeit wurden zugleich auf herrschaftliche Kosten Haus für Haus ausgeteilt. Die Bauern, die sich allgemein freuten, einen Frontag erlassen zu kriegen und auf eine vergnügte Weise müssig zu gehen, stellten sich an dem bestimmten Tage, der Verordnung gemäss, vor der Schulwohnung ein, nur Herrmann und Ulrike nebst ihrem ganzen haus blieben aus. Der Schulmeister mit einer Perücke, worauf zwei Pfund des feinsten Weizenmehls glänzten, und einen grossen Bakel in der Handso nennte er seinen Stock18-stellte mit gebietrischer Wichtigkeit die Geburtstagstruppen: die Glocken hatten während des Zugs geläutet werden sollen, aber der Pfarr liess es, vermöge seiner bischöflichen Gewalt über alle geistliche Dinge im dorf, nicht zu. Die gnädige herrschaft musste sich also begnügen, bloss das Schlossglöcklein ertönen zu hören, womit den Frönern gewöhnlich der Mittag und Feierabend angekündigt wurde: es hatte ungefähr den Klang wie die Armensünderglocke an manchen Orten. Der Zug begann: am Schlosstore paradierten die Hofknechte mit hölzernen Spiessen, alten Flintenläuften und Pistolen, und zwei von ihnen, als Hanswürste angezogen, peitschten auf zwei Feuertrummeln herum, dass alle Balken zitterten. Ausdrükklich zu dieser Feierlichkeit hatte der tolle Nabob einen Taubenschlag,