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Wort entwischen liess, winselte Ulrike gleich, dass er die armen Leute zu hart behandelte, schalt ihn einen Tyrannen, einen Grausamen, und er schwieg. Wer für ihn arbeitete, betrog ihn durch Müssiggang oder Veruntreuung. Seine Äcker waren vom vorigen Besitzer ausgemergelt, und der itzige nährte sie schlecht und kostbar, weil er seinen Hof, diesen unsaubern Kotaufen voller Fruchtbarkeit vormals, zum ebnen, reinlichen, artigen Viereck gemacht hatte, das keine Schuhsohle beschmutzte, aber auch keinen Kornhalm düngte. Überhaupt vertrug sich dieser unendle teil der Ökonomie mit seinen ländlichen Dichterideen so wenig, dass er ihn weder riechen noch sehen noch davon hören mochte: seine Delikatesse überliess dem Knechte die völlige Besorgung dieses Geschäftes.

Den Schaden, den ihm Mangel an Aufsicht, Untreue und Unordnung zufügten, vollendete seine Guterzigkeit: die Bitte jedes ärmern Nachbars war für ihn ein Befehl. Wer kein Brot, keinen Samen, kein Stroh, kein Futter hatte, wandte sich an ihn, bekam entweder die Sachen selbst, wenn sie vorrätig waren, oder Geld dazu: alle borgten und bezahlten teils gar nicht oder bekamen das Geborgte zum Geschenke, wenn sie Miene machten wiederzubezahlen und die Barmherzigkeit mit einem paar Tränen oder kläglichen Tönen zu bestechen wussten. Herrmann genoss allerdings das edelste Vergnügen, dessen eine menschliche Seele fähig istdie Zuflucht aller Notleidenden zu sein, kein Auge ungetrocknet, keinen Mangel unbefriedigt, keinen Kummer ungestillt von sich zu lassen. Stolz freute er sich seiner Güte, wenn er auf seinen Spaziergängen hier einen dankbaren Händedruck von einem alten Mütterchen empfing, dem er das sieche Leben durch seine Wohltätigkeit fristete; wenn dort ein Bauer ihm freundlich die schöne Saat zeigte, die von seinem vorgestreckten oder geschenkten Samen aufgegangen war; wenn ein Kind, das er gekleidet hatte, auf den Armen seiner Mutter, von ihr zur Dankbarkeit ermuntert, ihm die kleinen hände reichte und der Mutter die kindischen Danksagungen nachstammelte: wo er ging und stunde, erblickte er Beweise seiner Guterzigkeit und Gelegenheiten, auf sich stolz zu sein. Auch Ulrike war nie geschäftiger und froher, als wenn sie in der tür stand und einem Haufen versammelter Kinder, die wetteifernd an ihr hinaufreichten, Stücken Brot, Kuchen oder andre Annehmlichkeiten austeilte: nach einer solchen Verrichtung sprach sie viel freudiger, ging viel lebhafter, und jede Gebärde wurde viel feuriger. Schade, dass alles in und um den Menschen und also auch die Freuden der Tugend eingeschränkt sein sollten! Mit jedem neuen Vergnügen der Wohltätigkeit näherten sich unsre beiden Landleute der Verwirrung ihrer Umstände mehr: das Gut nutzte sich nicht allein schlecht, sondern frass ihnen auch das bare Geld weg, und Guttätigkeit leerte ihre Börse ganz aus.

Wie bekam alles nunmehr eine andre Miene! Der glänzende Firnis, womit Empfindung und Phantasie vorher jeden Gegenstand rings um sie her überzogen, verblich, verschwand, und alles erschien in seiner wahren alltäglichen Gestalt. Dass auf dem Landmanne die Last der Abgaben hart liege, hatte Herrmann sonst gar nicht gefühlt; dass in seiner Wirtschaft alles teuer gekauft werden müsse und dass er nie etwas zu verkaufen habe; dass sein Gütchen bei der gegenwärtigen Einrichtung in einem Monate mehr Geld verzehre, als es auch bei der besten Ordnung abwerfen könnte; dass er zwar nüchtern und sparsam lebe, wie er sich anfangs vorsetzte, dass er aber an seinem mässigen Tische mehr Menschen speise, als der Ertrag seiner Ökonomie verstattete; das merkte er sonst nicht: er griff in die volle Börse, wenn man foderte, und gab, sooft zu geben war; doch jetzt, da er in der leeren Börse nichts mehr fand, wenn er hineingriff, jetzt empfand er das Los des Landmanns doppelt schwer. "Geld!" schrie der Knecht; "Geld!" schrien die Mägde; "Geld!" foderte der Einnehmer. fräulein Hedwig klagte den ganzen Tag, dass die Kühe fast verhungerten, weil ihnen das Futter fehlte, dass ihnen die Knochen durch die Haut stächen und die Euter keine Milch gäben: der Knecht fluchte, dass seine schönen Pferde fasteten, vor Magerkeit nicht mehr ziehen könnten und bald vor Herzeleid und Elend verscheiden würden: Ulrike weinte, dass ihr ein Perlhuhn, ein goldgesprenkter Hahn, eine schöne Henne nach der andern sich hinlegte und stürbe: die Magd jammerte, dass das prächtige Gras auf den Wiesen versauerte, weil sie es nicht allein ohne Lohnarbeiten zwingen könnte: das war den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend nichts als ein Fodern und Beschweren: die Unordnung wuchs täglich, und der arme Herrmann sah sich ohne Rettung verloren.

Nunmehr, nachdem ihn das Unglück aus seinem geträumten Paradiese verstossen und ihm die Ökonomie verhasst gemacht hatte, erwachten tausend Wünsche und Leidenschaften wie eingeschlummerte Löwen, um ihn zu quälen. Verdruss, Langeweile, Verlegenheit erweckten Begierde zum Spiel, das ihm schon einmal zur ergiebigen Goldmine gedient hatte; und er ärgerte sich, dass ihm hier auf dem land ein so herrliches Rettungsmittel versagt war: der Ekel an der misslungnen Landwirtschaft ängstigte seinen Ehrgeiz; und er ärgerte sich, dass er seine Talente und Tätigkeit zu so elenden kleinen Geschäften erniedrigt hatte: er wollte den gesenkten Flug wieder erheben, aber leider! waren ihm die Flügel verbrannt. Seine niedergedrückte Seele arbeitete unter den Bürden des Unglücks und der leidenschaft, dass ihr der Atem verging, und sah keine Möglichkeit, sie abzuwerfen: der Mann, der zwei Jahre her sich glücklicher als ein König dünkte, der alle Freuden der Welt in sich zu fühlen glaubte, entbehrte