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ländlichen Reichtume. Der Schulze holte sich bei Herrmannen Rat und Beredsamkeit, wenn er in der Schenke vor dem vollen Senat und volk philippische oder katilinarische Reden halten musste: das Volk brauchte ihn zum Mittelsmann, wenn es sich mit dem Senat entzweite: selbst der gelehrte Schulmeister verschmähte seine Belehrung nicht, sooft ihn die Ortographie schwerer lateinischer Worte quälte: jeder achtete ihn in allem für den Weisesten im dorf, nur nicht in der Wirtschaft: sobald man auf diese zu sprechen kam, gab sich auch der Geringste ein Ansehn über ihn, und das allgemeine Orakel musste dann schweigen und lernen.

Auch stifteten sie ausser den Feiertagen des Dorfs eigne häusliche Feste, die sie nur mit wenigen Vertrauten teilten. Jeder Geburtstag wurde mit einer kleinen ländlichen Feierlichkeit begangen: ein Strauss, ein Band, ein Tuch war auf beiden Seiten das Geschenk: Ulrike weckte Herrmannen an dem seinigen mit einem Liedchen; er versammelte an dem ihrigen die Kinder und liess sie vor dem haus auf dem Rasenplatze tanzen, spielte selbst die schnarrende Fiedel dazu, und Bänder und wehende Tücher flatterten hoch an Stangen in dem fröhlichen Reihentanze empor. Da die Kinder den Tag einmal wussten, kamen sie das folgende Jahr aus eignem Triebe sehr früh und hingen an ihre Schlafkammer einen grossen Kranz von Zweigen und Blumen: der übrige teil des Tages wurde in nüchternem ländlichen Wohlleben, kindischen Tänzen und Liedern zugebracht.

Noch hatten sie zwei Trauerfeste jährlich, die sie beide allein unter sich in feierlicher Stille begingen: eins, dem Andenken einer Nacht gewidmet, wo sie die Liebe betrog und so mannigfaltiges Weh über Ulriken ausgoss; das andre, dem Todestage ihres Kindes geweiht.

Das erste feierten sie in einem kleinen Tannenbusche, der zu Herrmanns Bauergute gehörte: in diesem schmalen Streifen Wald, der vielleicht dreissig oder vierzig Schritte in der Breite und etwas mehr in der Länge betrug, lag ein öder unfruchtbarer Sandhügel, von jungen buschichten Kiefern umzäunt und hohen dichten Tannen und Fichten umschlossen. Hier hatte Herrmanns und Ulrikens Schwärmerei ein Grabmal errichtet, das sie das Grab der Unschuld nannten: von Rasen bildeten sie die Gestalt eines Sargs, der mit der obersten Hälfte aus dem Hügel hervorragte: auf ihm stunde eine kleine abgestutzte Pyramide mit der Inschrift: 'Sie starb'. Der Rasen verdorrte in dem trocknen Sandhaufen, und das Ganze bekam dadurch für denjenigen, der den Sinn wusste, ein bedeutungsvolles Ansehn. Als zum ersten Male der August wiederkam, gingen sie beide an dem unglücklichen Abend zu diesem Grabmale: ein jedes hing an die Pyramide einen verdorrten Weidenkranz, mit Flor durchflochten, und lange blieben sie in stummer Betrübnis einander gegenübersitzen, auf den Rasensarg gestützt. Ulrike erzählte mit Tränen ihren Kummer seit jenem Augenblicke, dessen Gedächtnis sie feierten, und gegen Mitternacht gingen sie schweigend, in ernste Gedanken verloren, wieder von ihm hinweg.

Am zweiten Feste begaben sie sich zu dem grab des Kindes, dem es galt, und pflanzten ein Bäumchen darauf neben dem schwarzen Kreuze; der ganze kleine Raum, den es einnahm, war indessen grün geworden und mit gelben und weissen Blumen bewachsen: Ulrike pflückte sie alle, band einen Strauss aus ihnen und trug sie an ihrer Brust, bis Blumen und Stengel in Staub zerfielen.

So mannigfaltige Spiele schwärmerischer Zärtlichkeit, welche durch Einsamkeit und Stille täglich genährt wurde, so viele phantastische Ergötzlichkeiten und süsse Täuschungen einer hochgespannten Empfindlichkeit liessen ihnen freilich Freude und Glückseligkeit aus Gelegenheiten erwachsen, die andern kaum einen Puls schneller bewegt hätten: sie waren Kinder geworden und träumten sich da ein Paradies, wo ihre Mitmenschen nichts als Kummer, Not und Beschwerlichkeit fühlten. Ihre Träumerei verdeckte ihnen freilich die traurige Seite des Bauerstandes; allein sie bereitete sich auch ihr eigenes Ende, je mehr sie die beiden Träumer aus der wirklichen Welt hinauszauberte.

Ein Engel mit flammendem Schwerte vertrieb uns aus dem Paradiese; und wehe dem Betrognen, der noch darinne zu sein wähnt! Not, Bedürfnis war der Engel, der die ersten Menschen aus einem erträumten Paradiese voll untätigen Genusses herausscheuchte: Herrmann und Ulrike empfanden seinen Schwertschlag sehr bald, aber die Trunkenheit ihrer Einbildung liess sie nicht eher auf die Warnung achten, als bis der drohende Vertreiber vor ihren Augen stand.

Solange das bare Geld widerhielt, das Herrmann von dem Ankaufe seines Bauergutes übrig hatte, konnten sie ungestört in ihrer eingebildeten Welt fortleben und weiter nichts tun als Empfindungen suchen: allein wie lange dauerte diese kleine Summe bei einer so unordentlichen Wirtschaft! Alles musste gekauft werden, weil er ohne Ebenmass so viel Vieh hielt, als er zur Verschönerung seines Hofs für nötig achtete: um einen schönen Vers aus dem Kleist oder ein schönes Bild aus dem Gessner in der Wirklichkeit zu sehen, füllte er seinen Hof mit Pfauen und artig gezeichneten Tauben und schönen Hühnern an, die ihm in einem Monate alle Gerste und allen Hafer wegfrassen, den er im ganzen Jahre erntete. Seine Kühe waren die schönsten an Farbe, die reinlichsten und ansehnlichsten im ganzen dorf: aber sie frassen das Korn, das ihrem Herrn das Brot geben sollte. Alles musste um Lohn getan werden; denn die beiden wirtschaftlichen Entusiasten, die mit Leib und Seele Bauern werden wollten, als sie den Bauerstand nicht kannten, entzogen sich allen beschwerlichen arbeiten und spielten nur mit den leichtern: gleichwohl verlangte das kleine Gut schlechterdings die eignen hände des Besitzers und strenge Aufsicht über das wenige Gesinde, das es verstattete; allein hier gingen die Lohnarbeiter müssig, das Gesinde tat, soviel ihm beliebte, und wenn sich Herrmann ein strenges