den Gedanken, sie sei die veranlassende Ursache seines Unglücks gewesen, die ganze übrige Zeit des Balles unmutig und niedergeschlagen geworden wäre. Der Bursche war der Liebling der Baronesse, und kaum wusste sie seinen Unfall – weg war sie! In einem zug die Treppe hinunter, über den Hof in den Garten hinein, nach der Gärtnerwohnung zu! und diesen ziemlich langen Weg machte sie in dem ärgsten Regen, bei Donner und Blitz, in ihrem festlichsten staat ohne die mindeste Bedeckung, dass ihr bei dem ersten Schritte in dem durchweichten leimichten Boden des Gartens die seidnen Schuhe steckenblieben: ohne sich dabei aufzuhalten, nahm sie beide in die Hand und setzte ihre Reise in Strümpfen fort. Als sie bei dem Gärtner ankam, erfuhr sie von seinem kleinen Sohne, dass man den Burschen zu seiner Mutter in das Städtchen gebracht hatte: Jedermann war mit der durchs Donnenvetter verunglückten Illumination beschäftigt, und sie musste den Knaben durch Geld bewegen, dass er sie mit einer Laterne zu dem haus brachte, wo der Kranke lag. Sie machte sich in der nämlichen Witterung und mit der nämlichen Bekleidung auf den Weg, erreichte die wohnung und fand den Chirurgus mit dem Verbinden beschäftigt. Mit der angelegentsten Sorgfalt tat sie ihm Handreichung dabei, half den Fuss halten, sprach dem Burschen Trost ein, wenn ihn der Schmerz zuweilen übermannte, ermahnte den Wundarzt, leise zu verfahren, und hielt bei ihm aus, bis die ganze Verrichtung vorüber war. Bei dem Abschiede gab sie der Mutter einen Gulden – ihr ganzes gegenwärtiges Vermögen – mit dem Versprechen, die Wohltat zu vergrössern, sobald es ihre Umstände zulassen würden. Die Alte, die es entbehren konnte, nahm ihr Geschenk mit vielen Komplimenten an, und weil sie der Baronesse zu komplimentenreich dankte, so wischte diese zum haus hinaus, ehe noch jene ihren Dank geendigt hatte.
In dem schloss hatte sie niemand als fräulein Hedwig vermisst, die deswegen ängstlich alle Zimmer durchlaufen war, ohne zu erraten, wo sie sein möchte, ob sie gleich eine Entlaufung um irgendeines andern Bewegungsgrundes willen mutmasste: denn solche Unbesonnenheiten waren ihr gewöhnlich. Sie konnte in keinem Winkel Ruhe finden und war halb des Todes, als die Baronesse in zerrissner, ungepuderter Frisur und schmutzigen Schuhen in der Gesellschaft auftrat. Mit einem freudigen "Er ist verbunden" eilte sie zur Gräfin und erzählte ihr den ganzen Verlauf ihrer Expedition. Der Graf erblickte sie kaum, als er zu ihrer Gouvernante voller Zorn ging und ihr ihre Unachtsamkeit mit einem harten Verweis bezahlte, was sie eben so ängstlich befürchtet hatte: mit gleicher Entrüstung scholt er Ulriken über die Unanständigkeit, sich in so unsauberer Kleidung zu präsentieren, weidlich aus. Die Gräfin, welcher die Übereilung der Baronesse im Herzen gefiel, küsste sie und sagte ihr freundlich: "Du bist beständig ein solch guterziges unbesonnenes Ding gewesen und wirst es auch wohl bleiben. Geh auf dein Zimmer!"
Zweiter teil
Erstes Kapitel
Die Ursache, warum der Graf die Aufnahme des kleinen Heinrichs auf sein Schloss betrieb, hörte unmittelbar nach der Geburtsfeier auf: er sollte das Werkzeug seiner Politesse sein: das Werkzeug hatte seine Dienste getan und war in seinen Augen nunmehr nichts Besseres wert als – es wegzuwerfen. Es war ihm so herzlich zuwider, den gemeinen Jungen zuweilen um und neben sich zu dulden, dass die Gräfin besorgte, er werde ihr einmal ebenso despotisch befehlen, ihm ihre Zuneigung zu entziehen, als er vorhin darauf drang, ihrer Liebe für ihn keine Gewalt anzutun. Der Gehorsam wäre ihr jetzt in der ersten Hitze ihrer Gunst unendlich schwergefallen: dafür liess sie sich wohl nicht bange sein, dass sie in dem äussersten Falle nicht Mittel genug finden werde, ihren Gemahl unvermerkt dahin zu leiten, dass er ihr wider seinen Willen eine Aufopferung untersagen musste, die er gern von ihr gefodert hätte: allein sie hielt es doch für klüger, beizeiten vorzubauen, oder vielmehr, sie konnte nicht ertragen, dass jemand ihren Liebling hasste, weil sie ihn so heftig liebte.
Ihr Götze war die Neuheit, wie die Politesse die Abgöttin ihres Gemahls: in den ersten Tagen, der ersten Woche einer neuen Zuneigung wurde ihr ihre Gewogenheit zu einem wirklichen Leiden: mit der Unruhe der höchsten leidenschaft sorgte sie für den Gegenstand derselben: eine Minute Abwesenheit machte ihr Kummer, und in seiner Gegenwart war sie unaufhörlich mit sich selbst unzufrieden, dass sie keine Sprache noch Handlung wusste, um die ganze Stärke ihrer Liebe auszudrücken und zu beweisen. Heinrich durfte keinen Augenblick von ihrer Seite, musste sie überall begleiten, sie lehrte ihn in eigner person französisch lesen, liess ihn schreiben, sann beständig auf neue Zeitvertreibe für ihn und betrieb seinen Unterricht und sein Vergnügen mit solchem Eifer, dass sie tagelang nicht aus dem Zimmer kam. Er sass auf ihrem Schosse, hing ihr am Halse, sie küsste und liebkoste ihn wie den zärtlichsten Liebhaber und wartete ihm auf wie ihrem Gebieter: ein Wink von seinen Augen, ein Wörtchen, nur die mindeste Äusserung eines Wunsches! – und sie flog sogleich, ihn zu befriedigen. Er hatte ihr Herz so ganz ausgefüllt, dass ausser ihm für sie nichts in der Welt war, das ihr nur eine sekundenlange Aufmerksamkeit wegstehlen konnte: die Baronesse Ulrike, ihr Gemahl – alles war für sie so gut als vernichtet.
Je stärker dieser Paroxysmus zunahm – denn weiter war es im grund nichts als der Anfall eines leidenschaftlichen Fiebers-, je empfindlicher wurde ihr der bemerkte Widerwillen ihres Gemahls gegen ihren Günstling. Um ihn zu