dass man nach vielen Jahren völlig unter gerade gewachsenen Bäumen und zarten Zweigen werde ruhen können; erfrischte den durstenden Mund mit keiner einzigen saftigen Frucht, versorgte den Tisch mit keinem einzigen Bissen, aber dafür liess er in vielen Jahren die köstlichsten, labendsten Erquickungen des Gaums erwarten. Da also kein gegenwärtiges Vergnügen, sondern viele gegenwärtige Unbequemlichkeiten darinne zu finden waren; da die Sonne den Kopf stach, man mochte sich hinwenden, wohin man wollte, und das Auge allentalben nichts als nur günstige Erwartungen erblickte, so wurde der Garten, sobald er zustande war, verlassen, äusserst selten besucht und über der Vergrösserung des künftigen Vergnügens das gegenwärtige geschmälert.
Herrmann hatte Scharfsinn und Einbildungskraft: er konnte also unmöglich den stillen Pfad der Gewohnheit in seiner Ökonomie gehen. Bei tausend Gelegenheiten spekulierte er, dass es so oder so besser wäre: das Gesinde musste nach seinen Grillen und Spekulationen verfahren, und das neue Verfahren misslang jedesmal, weil es die Leute entweder aus Ungewohnheit oder mit Vorsatz verpfuschten, um den Herrn wieder zur alten geläufigen Praxis zu zwingen; und jeder neue Versuch erzeugte nicht bloss Verlust, sondern auch Unordnung.
Ausser den Freuden, die Entusiasmus und Neuheit und so mannigfaltige Veranstaltungen und Umschaffungen gewährten und die sie beide um so viel voller und ungestörter genossen, weil sie den Schaden der Unordnung nicht eher fühlten, als bis er ihnen auf dem Nacken sass, verschafften sie sich noch viele andre Vergnügungen, die meistens in süssen Einbildungen und artigen Spielereien bestunden. Herrmann wurde durch seine itzigen Beschäftigungen wieder an die längstvergessne klassische Belesenheit erinnert, die er sich unter Schwingers Anführung erwarb: das Pfropfen eines Baums; das Bild eines Feldes voll Schnitter und Sammler, wo, mit zahlreichem Gewimmel, einige Garben banden, andre in hohe Haufen sie türmten, hier lachende Dirnen auf den wartenden Wagen sie luden, dort schwerbefrachtete Wagen, seufzend unter der Last, langsam dahinwankten, um den ländlichen Reichtum den Scheuren zuzuführen; ein rauschender Quell, ein sanft hingleitender Bach, eine romantische Höhle; Wiesen, mit weitduftenden Heuschobern übersät, wo Jünglinge und Mädchen, Männer und Mütter mit fröhlichem Gespräch und lautschallendem Gelächter, hier singend, dort pfeifend, den Vorrat des künftigen Winters in Haufen sammelten oder auf Gabeln, hochflatternd in der Luft, an den Wagen hinanreichten, während dass die hungernden Rosse mit betrübter Lüsternheit den Dampf des Futters einschnauften, das sie nicht geniessen durften; das Abendgebrüll der heimeilenden Kühe, die mit harmonischem Geklingel die strotzenden Euter dem Stalle zutrugen, um von der Last befreit zu werden und in wohltuender Gemächlichkeit den gefrässigen Gaum mit der aufgeschütteten Abendkost zu ergötzen: ein strauchichter Berg, woran das weidende Vieh hing, wiederkäuend umherschaute oder unter Steinen und Stämmen die nährendsten Kräuter hervorsuchte; ein kahles Brachfeld, wo der bequeme Stier oder das arbeitsamere Ross unter den lautkreischenden Befehlen ihres Regierers am blinkenden Pfluge lange Furchen öffneten; das schallende Getöse der Arbeiter, wenn sie abends in taktmässigem Unison die gestumpften Sensen für die Morgenarbeit schärften; die Konzerte der Drescher, wenn sie bald in Solos, bald in Duetten, bald in vierstimmigen Chören mit mutigem Tempo dem Besitzer Brot und reichliche Einnahme verkündigten: – alles, alles, wohin er nur blickte, wohin er nur hörte, was er nur tat und tun sah, brachte ihm die Beschreibung eines alten Dichters zurück, und alles ward durch eine solche Erinnerung süsser und eindringender für Phantasie und Herz. Ulrike unterhielt sich allentalben mit Szenen aus ihrem Gessner und Tomson; und was dem gegenwärtigen gegenstand an Ähnlichkeit gebrach, schenkte ihm ihre glückliche Einbildung. Ihr Gespräch auf dem Spaziergange war oft eine fortgesetzte Schilderung der Bilder um sich her, aus jenen Malern der ländlichen natur: alles, auch nichtbedeutende Kleinigkeiten, die andre verächtlich kaum des Anblicks würdigten, erhielten dadurch einen phantastischen Anstrich für sie, einen erhöhten Reiz, dass sie bei einer halbvertrockneten Quelle, bei dem gesanglosen Zwitschern der Vögel auf einem Baume über ihnen, Empfindungen fühlten, die auch die herrlichste natur ohne die zaubrische Verschönerung der Imagination nie zu geben vermöchte. Wonne und Entzücken begleitete sie mit jedem Tritte, sprach aus dem Lispeln jedes Baums, hauchte in jedem Lüftchen sie an und gleitete durch Blicke und Mienen aus Seele in Seele hinüber.
Wenn am längsterwarteten Sonntage die Mitbewohner des Dorfs sich unter der fünfzigjährigen Linde versammelten und das Andenken der alltäglichen Beschwerlichkeiten im frischen Trunke ersäuften, in die Lüfte ausjauchzten und mit geräuschvoller Fröhlichkeit vertanzten, dann fehlten Herrmann und Ulrike nie: sie eröffneten den Ball der Freude: das kunstlose Dorfmädchen lernte von ihr Grazie und Anstand, und der Bauerkerl ahmte mit tölpischer Zierlichkeit seine Manieren nach. Ihre zutrauliche Offenheit erwarb ihnen das Herz aller Anwesenden: der lustige Alte drückte ihnen treuherzig die Hand, und der lustige Junge hielt aus Ehrfurcht vor ihnen seine Lustigkeit in den Schranken der Anständigkeit. Der galante Jüngling nahm alle seine Artigkeit zusammen, wenn er mit Ulriken tanzte, warf die Füsse zehnmal zierlicher als sonst und schmückte jeden Schritt mit originalen Bewegungen der arme und des Kopfs: das Mädchen, wenn ihr Herrmann zuteil ward, fasste mit niedlicher Züchtigkeit die Zipfel der Schürze zwischen die Finger und drehte mit den lieblichsten Grimassen den braunen Hals. Ulrike war bei jedem ländlichen Feste das Orakel der Mädchen: sie wählte und ordnete Bänder und Kränze an den geschmückten Maien, zu den Johannistöpfen und dem Erntenkranze: sie putzte die Mädchen, wenn sie zum Altare gingen und wenn sie eine ihrer Schwestern zu grab begleiteten; und jede Mühe belohnten ihr die vergnügten Mütter mit herzlichen Geschenken von ihrem