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den Kirchhof. Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hügel niedres Gesträuch, und Herrmann setzte darauf ein schwarzes Kreuz mit den eingeschnittnen Worten: 'In Kummer gebar mich meine Mutter.' Nach der Sitte des Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntägiger Spaziergang, um das kleine Grab zu besuchen und von den Lebenden die geschichte der Verstorbnen zu hören.

Viertes Kapitel

Die Sorgen der Wirtschaft zerstreuten bald den Schmerz, besonders da sie ernster und zahlreicher waren, als sie beide in der ersten Begeisterung vermuteten, und da Herrmann seine neuen Beschäftigungen um ihrer Neuheit willen mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit betrieb. Gleichwohl, bei allem Ernst und aller Emsigkeit, war und blieb es eine poetische Wirtschaft, die Bemühung, den arkadischen Traum einer entflammten Einbildungskraft und eines sanftempfindenden Herzens zur Wirklichkeit zu bringen. Herrmann bedauerte von ganzer Seele, dass Ulrikens zarte Fingerchen durch harte Arbeit schwielicht und ungestalt und durch unreine Beschäftigungen schmutzig werden sollten: sie hätten alsdann ihren Reiz für ihn verloren: er hielt ihr eine Magd und zog sie oft zu ihrem Verdrusse von arbeiten ab, weil sie ihm für die Feinheit ihrer Haut oder die Weisse ihrer Farbe gefährlich zu sein schienen. Mit aufgestreiften Armen deckte sie den Tisch und trug das Essen auf, das die Magd unter ihrer Anordnung gekocht hatte; und Herrmann würde es mit geringerm Vergnügen und vielleicht mit Missfallen von diesen wirtschaftlich aussehenden Armen angenommen haben, wenn sie mit der Zubereitung mehr beschäftigt und mit Spuren der Küchenarbeit bezeichnet gewesen wären. Sie harkte auf der Wiese das Heu oder sammelte auf den Feldern das Getreide, das er gehauen hatte: aber Handschuhe verwahrten arme und hände vor den Beleidigungen der Luft, den Busen beschützte ein Tuch, und ungern liess er sie auf das Feld, solange die Sonne das Gesicht schwärzen konnte.

Ebenso besorgt war sie für ihn: der Mann, der anfangs alle Äcker umpflügen wollte, liess es durch einen Knecht nebst seinem kleinen Pommer verrichten und musste schon aufhören, wenn er beim Spaziergange dem Knecht das Regiment abnahm und zwo Furchen zog. Inständigst wurde er gebeten, die Sense niederzulegen oder dem müssigstehenden Lohnarbeiter abzutreten, wenn er sich ein wenig zu stark angriff: Ulrike trocknete ihm freilich den Schweiss vom Angesichte bei der Arbeit, aber sobald er abgetrocknet wurde, hatte die Arbeit ein Ende. Zu allen Verrichtungen bezahlten sie Leute, und diesen Leuten, aber weder der Wirtschaft noch der Einnahme, kam es zugut, wenn Herr und Frau Hand anlegten. Sollte ihnen ihr neuer Stand Vergnügen geben, wie sie wünschten, so mussten sie sich mit seinen Beschäftigungen nur zuweilen abgeben und sie nie weiter treiben, als bis die Beschwerlichkeit anfing; und ihr ganzer Bauerstand blieb eine angenehme Spielerei. Sogar in ihrem Anzuge wurden sie nicht wirkliche Landleute: Beide unterschieden sich von den übrigen Bewohnern des Dorfs durch den Geschmack, und die Artigkeit, die sie mit der Einfachheit der Kleidung zu verbinden suchten, nicht etwa aus Stolz und Unterscheidungssucht, sondern weil sie sich in ihrer vorigen Lebensart an Nettigkeit und Sorgfalt für die Annehmlichkeit ihrer Personen gewöhnt hatten. Ulrike raffinierte jetzt so gut wie ehemals, in welcher Lage und Anordnung ihre Haare die beste wirkung zu dem runden hut und dem gesicht tun würden: diesen Morgen mussten sie, mit einem Bande leicht gebunden, über den rücken hinunterwallen: den folgenden wurden sie in ein Paar kunstlose Locken geschlagen, an einem andern geflochten und aufgesteckt: der runde Hut empfing ein Band zur Verschönerung, eine Blume, einen Zweig oder etwas ähnliches: die Brust zierte beständig ein Blumenstrauss von bescheidnen Feldblumen: die Bemühung zu gefallen arbeitete bei ihr freilich nicht mehr mit Schafwolle, Straussfedern, falschen Locken, Seide und Flor, aber mit geringern Materialien noch immerfort. Auch hätte, bei ihrer einmal eingewurzelten Art zu denken und empfinden, die Liebe auf beiden Seiten unstreitig sehr viel dabei gelitten, wenn die Sorgfalt, sich wechselsweise durch solche kleine Galanterien in der person und im Umgange zu gefallen, durch ernstere Sorgen verdrängt worden wäre.

Herrmann, da er mit Anschaffung der nötigsten Bedürfnisse zustande war, fand in seinem haus alles zu schlecht und fing an zu verschönern. Der Hof war unter seinem vorigen Besitzer ein grosser Düngerhaufen gewesen, wurde jetzt gesäubert, mit Sande überfahren und zuverlässig ungleich schöner als vorher, aber auch ungleich weniger nützlich; Türen und Wände empfingen ein schöneres Kolorit, die Treppen eine bequemere Stellung und alles bis auf den kleinsten Winkel die Miene der Ordnung, Sauberkeit und Regelmässigkeit, soweit es sich ohne gänzliche Umschaffung tun liess.

Auch der Garten wurde verschönert, die schlechtesten Obstsorten ausgemerzt und edlere angepflanzt, die freilich unter sechs, acht Jahren weder einen Kirschkern noch einen Apfelstiel trugen; die Einzäunung liess er sehr geschmackvoll und malerisch machen, und seine und Ulrikens hände setzten manchen Strauch in die Erde, der mit seinen ausgebreiteten Ranken das hölzerne Gerüste grün bekleiden sollte. Nischen erhuben sich in seinen Winkeln mit angepflanzten Weinstöcken, die an den Stäben hinaufklimmen, mit ihren breiten Blättern kühlenden Schatten geben und die Traube dem Sitzenden zu den Lippen herabreichen sollten: Aurikeln und Tulpen verdrängten die Küchengewächse, die samtne Pfirsche den plumpen Apfel, aus welchem sein Vorgänger Cyder presste. Ein krummer, übelgebildeter Baum beleidigte durch seinen schlechten Anstand das Auge, er musste sterben, wenn er gleich sonst dem Gesinde einen teil seiner Kost gereicht hatte. In zwei Jahren war durch solche unermüdliche Bemühungen sein Garten der wohlriechendste und ordentlichste im ganzen dorf; gab zwar nicht einen Zoll breit Schatten, aber doch die angenehme Hoffnung,