Ulrike vor seiner Geburt sein Dasein scheute, sosehr blutete jetzt ihr mütterliches Herz bei seinem Verluste. Speise und Trank, Arbeit und Vergnügen schmeckten ihr herbe: jeder Ort, wo sie ihn getragen, geliebkost, gewindelt, genährt, wo er geschlafen, geweint oder gelacht hatte, erweckte ihre Tränen, und oft liess sie eine angefangne Beschäftigung plötzlich liegen, um zu der geliebten Leiche zu eilen, mit nassem Blicke über ihr zu hängen und in stiller Betrübnis über ihrem Ebenbilde zu trauern: sie hauchte den kleinen Lippen ihren Atem ein, aber die mütterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte Herz zu erwärmen: sie trennte sich wehmutsvoll von dem entseelten Knaben und suchte an Herrmanns Brust Erleichterung für ihren Schmerz.
"Liebe!" sprach er zu ihr, "wir selbst wollen ihm die letzte Elternpflicht entrichten, mit unsern Händen sein kleines Grab bereiten, und aus unsern eignen Händen soll ihn die Erde empfangen." – Ulrike übernahm das Geschäfte sehr gern, und während dass Herrmann sich von dem Totengräber einen Platz anweisen liess und das Grab machte, pflückte sie auf den Wiesen Blumen, bettete mit ihnen in der Schachtel, die zum Sarge dienen sollte, ein buntes Lager, band einen Kranz von Fichtenzweigen, mit Vergissmeinnicht durchflochten, und schmückte damit das kleine Haupt, und in die hände gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe. In der Dunkelheit des Abends ging sie, ihren Herrmann am linken arme und unter dem rechten den Leichnam, auf den Kirchhof. Der volle Mond stand über dem grab und warf Tageslicht in die finstre Höhle: alles schlief an diesem Orte der Ruhe, selbst die Luft. Die beiden Leidtragenden sassen in stummer Umarmung auf der ausgeworfnen Erde und schauten in die wohnung ihres versenkten Geliebten hinab: nichts unterbrach das allgemeine teilnehmende Schweigen als das Rauschen dahinschiessender Fledermäuse oder der Klageton des Uhus aus den finstern Winkeln des weissen Kirchturms oder das Wimmern eines Käuzchens, das wie ein ächzendes Kind über ihren Häuptern schwebte und das Leichenlied jammerte.
Sie standen auf und warfen das Grab zu, so schwer sich auch Ulrike dazu entschliessen konnte. – "Welches von uns beiden wird das andre so begraben?" fing Herrmann an, indem er die Erde hinabschaufelte.
"Möchtest du es sein!" antwortete Ulrike. "Meine Leiden haben mich mit dem tod so vertraut gemacht, dass ich lebendig hier wohnen könnte in dieser friedlichen Nachbarschaft. Wie sie so einträchtig alle hier schlafen! Sie lieben sich freilich nicht: aber sie hassen sich doch auch nicht."
Herrmann. Noch im tod ist jede Familie ungetrennt. Siehe! hier neben mir ruht ein Hausvater – fünfundsiebzig Jahre lebte er, wenn mich das Mondlicht nicht täuscht –, neben ihm seine alte Hausfrau, im siebzigsten gestorben; hier ruhen sie unter vier schattichten Obstbäumen und zu ihren Füssen die ganze kleine Nachkommenschaft. Wie eine junge Baumschule stehen die kleinen Kreuze da: acht sind ihrer: und wer weiss, wie viele Brüder noch unter dem Joche des Lebens keuchen, die einst an einem andern platz ihre kleine Herde ebenso um sich versammeln werden? – Wie glücklich, Ulrike, dass wir einmal in so guter Gesellschaft schlummern sollen!
Ulrike. Tausendmal süsser ist es, mir hier meine Ruhestätte zu denken als in der hochgräflichen Gruft meines Onkels: man liegt dort in dem schwarzsamtnen, tressenreichen Kasten, und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife, gezwungne Miene, als wenn sich die Leute noch im tod voreinander genierten. Kurz vorher, eh' ich das Schloss verliess, besuchte ich sie, als man frische Luft hineinliess: O, dachte ich, ihr seid wohl alle an der Langeweile gestorben. Die Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung voneinander, als wenn sie sich ebenso aus dem Wege gingen wie im Leben, und kommen nur dann erst in vertrauliche Nähe unter- und übereinander, wenn ihnen der Platz fehlt. – Tausendfach angenehmer ist es, hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser grünen blumengestickten Decke zu schlafen!
Herrmann. Tausendfach angenehmer, sich hier sein Grab zu denken als auf dem städtischen Gottesacker, wo man, oft von Dunsen, Narren, Schurken und Bösewichtern umringt, liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt, die man im Leben kaum unter einen Himmel mit sich dulden mochte, und wo oft ein glänzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswürdigen noch im tod über den braven Mann erhebt! Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft, unter den nützlichsten Bürgern des staates – unter Menschen von dem allgemeinsten Einflusse, die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nährten; die in reger Tätigkeit jede Minute des Lebens verdienten, durch Fühllosigkeit der Verachtung und Armut standhafter Trotz boten als der gerühmteste Weise, mit ihren bösen Handlungen den kleinsten Schaden und mit ihren guten den allgemeinsten Nutzen schafften. – O Ulrike! wenn wir hier, die Frucht unserer Schwachheit zu den Füssen, beisammen schlummern werden!
Ulrike. Lass uns gehen! dieser Gedanke macht mir die ganze Szene graushaft.
Herrmann. Nein, lass uns bleiben! Noch sind wir der Tugend eine Aussöhnung schuldig. Hier ruht er, der Sohn der Schwachheit: leidenschaft enteiligte deine Tugend, um ihn zu zeugen: die leidenschaft muss für diesen Frevel büssen. Über der Grabstätte unsers Kindes gelob ich dir – zwei Jahre soll unser Lager getrennt sein. –
Ulrike gab ihm die Hand, lehnte sich sanft an ihn und flüsterte ein seufzendes "Ja".
Sie kehrten sich noch einmal zum grab, nahmen leisen Abschied und verliessen