Tag: um den Unterricht nicht umsonst zu empfangen, lehrte sie dafür die Mägde, wie Virgilius und Homerus Sichel und Gras lateinisch nennten. Der alte Herrmann wählte die bequemste Beschäftigung: er lernte die Schafe hüten. Der Pfarr war bei dieser allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekümmert als wegen des neuen Gerichtsherrn: keiner unter allen, die das Gut schon besehen hatten, stunde ihm an; und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrübnis die Nachricht, dass es wahrscheinlicherweise ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde, ein Mann, der ehemals Bedienter gewesen sei, sich durch Spitzbübereien bei seinem Herrn reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern kaufe: "Er kann unmöglich gut Lomber spielen, weil er ein Spitzbube ist", setzte er untröstlich hinzu.
Drittes Kapitel
Mitten unter diesen landwirtschaftlichen Übungen und Anordnungen, noch einige Tage vor dem gefürchteten Ende des Mais, trat des Morgens in aller Frühe, als eben Herrmann auf das Feld gehen wollte, die Pfarrfrau ungemein freudig herein, ein Kissen auf dem arme und auf demselben einen neugebornen Knaben, den sie ihm überreichte. "Da!" sprach sie, "hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen Ackersmann beschert: der wird einmal recht kommandieren: er hat schon die stimme wie ein Mann, behüt' ihn der liebe Gott!" – Herrmann nahm ihn auf und küsste ihn mit rührungsvoller Freude. "Willkommen!" sprach er, "du kleiner Erdensohn! Willkommen in dieser wohnung des Schmerzes und des Vergnügens, du Frucht der treuesten, feurigsten Liebe! dein Dasein sollte mich betrüben: – aber nein! freuen will ich mich über dich, freuen wie ein Vater, dem sein erster Sohn geboren wird!" – "Das hab ich auch Ulriken geraten", unterbrach ihn die Pfarrfrau. "Das arme geschöpf härmt sich und weint, wenn sie den Jungen nur anblickt. Ich hab ihr schon gesagt, das Kind kann unmöglich gedeihen: Sie sind ja nicht die erste und werden auch, so Gott will, nicht die letzte sein: aber das hilft nichts, sie lässt sich nicht beruhigen. – sehen Sie einmal, wie der kleine Schurke seinen Vater anlacht! Nu, so ruf: Papa!" – In dieser muntern Laune schäkerte und tändelte sie mit dem kind und war so lebhaft vergnügt darüber, als wenn sie es selbst geboren hätte. Sie trug sehr viel zu Ulrikens Aufheiterung bei: die junge Mutter gewöhnte sich allmählich an ihre Situation, und die Freuden des künftigen ländlichen Lebens, die ihr Herrmann täglich mit frischen Farben vormalte, stärkten sie, dass sie die Gefangenschaft einer Kindbetterin, aller Schwächlichkeit ungeachtet, glücklich überstand.
Herrmann hatte sich den Plan gemacht, dass nach Verlauf dieses Zeitpunktes in seiner neuen Behausung alles zustande sein sollte, um ihn mit seiner jungen Hausmutter aufzunehmen: mit den hauptsächlichsten Einrichtungen gelang es ihm auch. Von Freude glühend und wallend, brachte er in einem Vormittage Ulriken ihre neue Bauerkleidung, die er unterdessen für sie hatte machen lassen, half ihr sich ankleiden und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem Häuschen ein. Im kurzen, flanellnen Unterrocke und roten Mieder, die arme wirtschaftlich aufgestreift, stand sie da und lächelte mit kindischem Vergnügen über ihr eigenes Bild im Spiegel: nur die Haube, nach der Mode des Dorfs gemacht, missfiel ihr: sie warf sie mit Widerwillen vom kopf, band sich die Haare, dass sie eine Art von Ghignon bildeten, nahm Herrmanns runden Hut und setzte ihn drauf: sie war zum Entzücken artig und niedlich in der neuen Tracht. Herrmann nahm sie an den Arm: sein Vater, Hedwig, der Pfarr und die Pfarrfrau folgten ihm: die Pfarrfrau liess sich um alles in der Welt die Ehre, das Kind zu tragen, nicht nehmen; und so hielten sie ihren Einzug. Von dem Eingange durch das Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Strasse von duftenden Blumen gestreut: über Türen und Fenstern hingen Bogen von Tannenreisig, mit Blumen verziert: ringsum atmete Wohlgeruch, und aus allen Gesichtern lachte Vergnügen. Ulrike wusste sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen: sie lief geschäftig durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten Keller, bezeichnete im Garten jedes Plätzchen, wo dies, wo jenes gepflanzt und gesät werden sollte, und machte auf der Stelle mit einem Paket Samen den Anfang, den ihr die Pfarrfrau verschaffte. Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle, den Kühen den Besuch abzustatten, und wollte in Gegenwart der ganzen Gesellschaft ihre Probestück im Melken machen: allein der heimtückische Zufall führte sie zu einem Stiere, und der landmännische Scherz hüb laut auf ihre Unkosten an. Sie hielten die nüchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem schattichten Apfelbaume: die Bienen des Nachbars summten in den durchsäuselten Ästen und unter den bunten Blumen des wollüstigen Grases, Vögel hüpften und zwitscherten in den Zweigen, Schmetterlinge schwärmten mit blinkenden Flügeln herum, in der Luft lebte das muntre, sausende Gewühl des Sommers und der regen natur: an zwei niedrige Bäume geknüpft, hing das weisse Tuch, worinne wie in einem indianischen Hamak, der junge Erbe des Hauses schlief und von der durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde. Der Tag war für Herrmann und Ulriken der fröhlichste ihres ganzen Lebens, ein fest der Wonne.
zwei Tage hatten sie in voller Berauschung über ihr neues Glück hingebracht, als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte: der kleine Herrmann starb. Sosehr