in der Hand hält? – So fest, so wirklich, als meine Hand die deinige fasst, so wirklich fassen wir auch unser Glück. – Welch ein Himmel, wenn unter den kleinen wirtschaftlichen Sorgen im überfliessenden Genusse der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt wie ein freundschaftliches, muntres Gespräch! Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite oder den Samen für das künftige Brot ausstreue oder mit dir die Garben sammle und einführe und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweiss abtrocknet, deine Hand mir den Trunk reicht, der mich laben soll! Wenn ich nur für dich Beschwerlichkeiten trage, für dich säe, für dich ernte! Wie wird dieser Gedanke alle meine Nerven anspannen, meinen Schultern die Last erleichtern und den Händen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen! – Wir wollen ganz Landleute sein, wie es sich gehört, nicht wie faule Müssiggänger die Arbeit fremder hände geniessen, sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen. Keine Beschäftigung, keine Mühe soll für mich zu geringe, zu verächtlich sein: du erleichterst den Kühen die hängenden Euter, streust reinliches Stroh auf ihr Lager, schaffst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch oder reichst sie mir zum erquickenden Trunke in der hölzernen Schale; sammelst um mich herum das duftende Futter der kleinen Herde, wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfällt; pflanzest, begiessest; und jede Arbeit, die wir zusammen verrichten, versüsst muntres, fröhliches Gespräch. Schon sehe ich dich wie eine geschäftige Hausfrau im leichten, kurzen Unterrocke, mit aufgestreiften Armen, die Haare unter das runde, verschobne Häubchen gesteckt, ohne städtischen Putz, in kunstloser reizender Nachlässigkeit herbeieilen und das selbstbereitete Mahl auf dem reinlichen hölzernen Teller mir vorsetzen, vor Betriebsamkeit kaum einen Bissen ruhig geniessen, immer auf das fehlende Bedürfnis sinnen und schnell es herbeischaffen, noch ehe man es vermisst: schon sitz ich neben dir des Abends unter den Linden vor der Haustür und verzehre mit dir von deinem Schosse die mässige Abendkost und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge, heiter, frisch, belebt wie die Luft, die um uns weht: wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich zu uns gesellen, sich um uns herum setzen und mit offnem, neugierigem mund die geschichte der grossen Städte von uns hören und über die Fratzen, Torheiten, Gebräuche und Bedürfnisse der vornehmen Welt wie über Seewunder lachen, vor Erstaunen die hände gegen Himmel heben und glauben, wir erzählen ihnen kurzweilige Märchen aus einem Fabelbuche! – Ich vermag sie nicht alle zu schildern, die himmlischen Szenen, in so unzählbarer Menge eilen sie mir entgegen! – Unsre Nachbarn werden uns lieben, weil wir sie lieben: wir stimmen uns allmählich zu der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab, beneiden, tücken, verfolgen einander nicht, da ein jedes genug hat, weil es nur wenig braucht: Zwang, Langeweile, Verdruss kennen wir gar nicht; und dann, Ulrike! in so vertraulicher, harmloser, treuherziger Gesellschaft Liebe zu fühlen, wie wir sie empfinden! nach so mannigfaltigen Verfolgungen, Mühseligkeiten, Hindernissen und Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles, reines, süsserquickendes Entzücken, wie Kinder ihrer Mutter Milch, zu saugen! – Ulrike! kannst du noch an den Tod denken, wenn sich dir ein solches Leben eröffnet?
Ulrike. O Heinrich, du bist mir ein Engel, der aus rosenfarbnen Wolken Licht und Feuer in meine bekümmerte Seele herabgiesst: deine Reden haben alle meine Gedanken und Empfindungen über sich selbst erhöht: komm! fasse mich in deine arme, dass mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreisst! –
Er fasste sie auf, als sie eben, entkräftet von der Wonne ihrer Einbildung, zurücksinken wollte: schluchzend an seiner Brust, sprach sie einmal über das andre: "So geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfüllung! so hab ich dann nunmehr mein Arkadien, wie ich's in dem Garten meines Onkels mir träumte!" – Ihre aufgebrachte Phantasie arbeitete so heftig, dass ihr Körper unter der Anstrengung erlag: sie wurde so schwach, dass sie in Herrmanns Armen einschlief: er legte sie sanft auf das Kopfkissen nieder und verliess sie.
Die Pfarrfrau war unterdessen mit der übrigen Gesellschaft hinausgegangen, um ihr den Platz in natura zu zeigen, wo das Hochzeitessen gehalten, wie die Tafel gesetzt werden und wie die Gäste sitzen sollten; und Herrmann wartete ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes, um mit ihm über die Trauung zu sprechen: die Frau hatte vor Freuden, dass sie Hochzeitanstalten zu besorgen bekam, schon etliche Male nach ihm geschickt, allein er sass bei dem Bader und spielte mit ihm und dem Förster Kuhschwanz17, und die Partie war so ernstaft, dass er sich unmöglich losreissen konnte. Endlich, nach der vierten Gesandtschaft an ihn, langte er an: Herrmann trug ihm nach der ersten Begrüssung sogleich sein Anliegen vor und bat, dass er ihn morgendes Tages mit Ulriken verbinden möchte. Der Pfarr gab ihm zur Antwort: "Um getraut werden zu können, müssen Sie sich erst dreimal aufbieten lassen: wollen Sie nicht dreimal aufgeboten sein, so geschieht es nur zweimal! wollen Sie nicht zweimal, so geschieht es nur einmal: wollen Sie auch nicht einmal, so geschieht es gar nicht."
Herrmann. Das ist ja gerade mein Wunsch.
Der Pfarr. Wenn Sie gar nicht aufgeboten sein wollen, müssen Sie Dispensation haben: wenn Sie Dispensation haben wollen, müssen Sie sich an meine Vorgesetzten wenden: