und beut dir seine Hand, um dich aus den Armen des Todes zu ziehen. Er ist da und weint die Tränen aus Freude, die er um deinen Tod auf deinen Namen strömen sollte! Er ist da und wartet auf deinen blick: warum verbirgst du ihn mir?"
Er hörte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tönen sagen: "Verlass mich, dass ich mich erhole!" – Er gehorchte, machte die Vorhänge fest zu und ging aus der stube zu seinem Vater, der im hof stand und ein Pfeifchen rauchte. Der Alte erstaunte, dass er die Pfeife auslöschen liess, als ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben, sie zu heiraten, entdeckte: er hielt ihn für verwirrt; denn er wusste von seiner geschichte weiter nichts, als was auf dem schloss des Grafen vorgefallen war, und auch dies hatte er schon längst vergessen. Der Sohn brauchte alle Mühe, ihn zu überzeugen, dass er bei völligem verstand sei: er entdeckte ihm in verhüllten Worten den bedenklichsten Punkt der geschichte. – "Was?" fuhr der Vater mit herzinniger Freude auf, "das Mädchen ist schwanger? Du verdammter Hund! so bunt hat's ja dein Vater nicht gemacht. Erleb ich die Freude so zeitig, dass ich Grossvater werde? – Über den Zeisig!" –
Indem seine Freude über die unvermutete Grossvaterschaft sich noch in vollem Strome ergoss, langte die Gesellschaft aus den Wiesen an, die Pfarrfrau voran, Herrmann ging auf sie zu, dankte ihr für Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte sie, dass er gekommen sei, ihr die gehabte Bemühung zu vergelten und sie davon zu befreien. – "Ach, sind Sie der –?" fragte die Pfarrfrau mit einer scheelen Miene. Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt, als er erschrak und furchtsam sich hinter seine Mutter stellte, um dem Menschen nicht in die Augen zu sehen, der ihm sein Geld abgewonnen hatte. Zuletzt unter allen kam auch fräulein Hedwig herangewackelt und schrie laut, da sich Herrmann nach ihr hindrehte. "Ach, du liebes Väterchen im Himmel!" fing sie an, "sind Sie denn wirklich in propriis figuribus da? Bewahre mich mein Gott! das ist ja wie dort bei dem Virgilio Marus, da Ulysses seine Penelopam in Kindesnöten wiederfindet. Das wird eine Freude sein. Haben Sie denn das arme Rik-chen schon gesprochen? Das liebe Mädchen ist so krank, sie kann nicht aus dem Bette. Hab ich's euch nicht immer gesagt, da ihr noch jung wart, ihr solltet nicht so frei reden und jede Sache deutsch nennen? Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger beständig etwas einzuwenden: da musste man euch allen Willen lassen, und wenn Ihr euch in einem Tage hundert Gages d'amour gegeben hättet; da sollte die Liebe durch Hindernisse und Verbote nur wachsen: ja, sie ist gewachsen! Nun kommt dem überklugen Herrn der Glaube in die hände. – Ach, die Mannspersonen! das sind doch leibhafte Bestiae ferocis, wie sie mit den armen Mädchen umspringen. Es ist auch gar kein Erbarmen."
Über diesem Geschwätze waren sie in die stube gekommen, wo Ulrike lag. Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette, auch die Pfarrfrau ging hin. "Rikchen, sehen Sie doch, wer da ist! Du liebes Gottchen, sehen Sie doch! er ist ja da! er will Sie heiraten", rief Hedwig. – "Heiraten, mein trautes Töchterchen!" unterbrach sie die Pfarrfrau. "Nicht sterben, mein Lämmchen! Heiraten! heiraten!" –
So bestürmten sie beide die arme Kranke mit unaufhörlichem Gewäsche und brachten es endlich so weit, dass sie sich umdrehte und noch um einige Minuten Geduld bat, ehe sie Herrmanns blick ertragen könnte: man liess sie in Ruhe. Herrmann erzählte seinen ganzen Plan, und alle billigten ihn ausserordentlich. Die Pfarrfrau, die ungemeine Liebhaberin vom Heiraten war und nur deswegen ihre anfängliche scheele Miene verlor, weil Herrmann Hochzeit machen wollte, rechnte ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitsschmauses vor, belehrte ihn über das Zeremoniell, ordnete schon die Schüsseln auf der Tafel, setzte die Gäste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein hohes Sieb herbei, um ihm das Mass des Brautkuchens zu zeigen, und meldete mit innigem Vergnügen, dass ihr eigner in dieser Form gebacken worden sei. fräulein Hedwig wurde über diese seelerfreuenden Anstalten so betrübt, dass sie ans Fenster trat und den Schmerz über ihre zweiundfunfzigjährige Jungfernschaft, für welche sich wahrscheinlicherweise keine Abnehmer erwarten liessen, in häufigen Tränen ersäufte, wiewohl sie vorgab, dass sie aus Rührung über das unverhoffte Glück der jungen Leute weinte. Der alte Herrmann verwarf alles, was die Pfarrfrau vorschlug, als unnütze Alfanzereien und wäre beinahe über die Grösse des Brautkuchens in einen Zank mit ihr geraten; aber wenn sie einmal über einen Punkt einstimmten, dann gaben sie einander die hände und lobten sich, dass sie so gescheite Einfälle hatten: die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit bedenklichem Achselzucken, dass es viel kosten werde: "Aber", setzte sie hinzu, "es muss sein; und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit; und zudem reut mich kein Geld weniger, als was mich meine Hochzeit gekostet hat." – "Ach, der Junge hat Geld!" unterbrach sie der alte Herrmann, "Geld in Menge! Sie können fürstlich zusammen leben. Wenn